Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Urchristliche Meditation in der Kapelle San Miguel am Wegesrande, „Estella die Schöne“,
Weinrausch in Irache und nächtlicher Dichterwettstreit mit Antonio aus „Al-Andalús“

 

 

19. Juni
Cirauqui – Villamayor de Monjardin (25 km)

Jordi war schon wieder vor Anbruch der Morgendämmerung lautlos aus dem Haus geschlichen, so dass ich mich um halb sieben morgens allein auf den Weg machte. Vorher noch eine kurze Meditation eines Textes aus meinem Pilgerbüchlein:

Wenn das Schweigen zu reden beginntspanischer-jakobsweg

Beim Gehen erwartet mich eine noch ungewisse Begegnung, vielleicht gar mit mir selbst. Das Schweigen beginnt zu reden, ich brauche nichts weiter zu tun als mich bereitzuhalten, denn ER kommt mir entgegen. ER begleitet mich und führt mich zum Kern meines Wesens, wo ich und ER eins werden. Tröstliche, zuversichtliche Worte, die Großes versprachen!spanischer-jakobsweg

Es ging auf der anderen Seite des Dorfes genau so steil hinunter, wie es tags zuvor hinaufgegangen war. Bald stieß ich auf eine römische Brücke, die ehemals Teil einer Heerstraße war. Die „calzadas romanas“, die die ganze Iberische Halbinsel durchzogen, waren bis ins hohe Mittelalter Grundlage des Straßensystems. Und entlang ihrer genialen Trassenführung orientierten sich die ewigen Feldzüge der Reconquista ebenso wie die Handels- und Pilgerströme.Ein Steinhaufen am Wegesrand trug ein schlichtes hölzernes Kreuz. Ein namenloses Andenken für einen umgekommenen Pilger?

Die gastfreundlichen Basken – im 12. Jh. noch als barbarische Untermenschen diffamiert

Unweit der Autobahn ging es weiter durch leicht hügeliges Gelände, dann über eine perfekt erhaltene, zweibogige, mittelalterliche Brücke.Sie überspannt den Rio Salado, von dem es im ersten Pilgerführer des Codex Calixtinus aus dem 12. Jahrhundert aus der vermeintlichen Feder von Aymeric Picaudspanischer-jakobsweg heißt:

„Hüte Dich davor daraus zu trinken, weder Du noch Dein Pferd, denn der Fluss ist todbringend und die Navarresen warten schon mit gewetzten Messern darauf, den Pferden der Pilger die Haut abzuziehen.“

Da ich weder Pferd noch Durst hatte und die Basken bisher nur als äußerst gastfreundliche Menschen kennen gelernt hatte, konnte mich diese Warnung kalt lassen. Was die Basken anbelangt, schien mir Picaud allgemein ein fragwürdiger, wenig objektiver Zeuge, denn er ließ keine Möglichkeit aus, in übelster Weise gegen sie zu polemisieren und sie als barbarische Untermenschen erscheinen zu lassen:

„Wenn man sie essen sieht, glaubt man fressende Hunde oder Schweine vor sich zu haben. … ihre Sprache erinnert an Hundegebell. Es ist ein barbarisches Volk – unterschiedlich in Wesen und Gebräuchen zu allen anderen Völkern – voller Bosheit, dunkel, hässlich, schurkisch, treulos, korrupt, wollüstig, trunksüchtig, gewalttätig, wild, verlogen, gottlos – zu Gutem unfähig, aber allen Lastern und Sünden aufgeschlossen. (…) In manchen Gegenden zeigen der Mann der Frau und die Frau dem Mann – wenn sie erhitzt sind – ihre Schamteile! Sie treiben Unzucht mit dem Vieh, ja man sagt, ein Navarrese hänge ein Schloss an das Hinterteil seines Maultieres oder Pferdes, damit keiner als er selbst zu ihm Zugang habe. Auch küsst er wollüstig die Geschlechtsteile von Frau und Maultier. Deshalb verachtet alle Welt die Navarresen.“

Eine klare Sprache aus der Feder dieses französischen Mönches. Schade, dass keine baskische Gegendarstellung überliefert ist! Ihr Urteil über die Franzosen, die unter großzügiger Förderung der Könige von Navarra seit Ende des 11. Jahrhunderts das Land überschwemmten und binnen kurzem das Ruder über den aufblühenden Handel und das Handwerk an sich rissen, wäre sicher nicht weniger vernichtend ausgefallen. Denn nach allen Zeugnissen wurden gerade die Basken, die bis ins hohe Mittelalter verbissen ihrer archaischen Religion treu blieben, lange Zeit von der Krone als Menschen zweiter Klasse angesehen, was immer wieder zu berechtigten, doch meist vergeblichen Rebellionen Anlass gab.

Pilger, Du hast eine Verabredung – vielleicht mit Dir selbst

In Lorca begann es leicht an zu nieseln und ich beschloss in einer Bar, mein versäumtes Frühstück nachzuholen. Das Lokal schien ausschließlich von Pilgern zu leben, denn sie kamen reihenweise vorbei. An der Wand hing ein Zettel mit einem kurzen, spanischen Pilgergebet:

„Pilgere,
Du wurdest geboren für den Weg.
Pilgere,
Du hast eine Verabredung,
wo?, mit wem?
Noch weißt Du es nicht,
vielleicht mit Dir selbst?
Pilgere,
Deine Schritte werden Deine Worte sein.“

Ich fühlte mich sofort an meine Morgenmeditation erinnert. Nachdem der Regen abgeflaut war, erreichte ich in zügigem Marsch über angenehme Feldwege in einer Stunde Villatuerta. In seiner einst romanischen, dann gotisch wieder aufgebauten Himmelfahrtskirche kontrastiert die schlichte Eleganz ihres Deckengewölbes mit der überbordenden Wucht ihres goldverzierten, barocken Hauptaltars. Mir sind diese prunkvollen Manifestationen der Kirche der Macht zuwider und ich kann nur schwer vergessen, dass für die spanischen Gold- und Silberflotten aus Lateinamerika blühende Hochkulturen vernichtet und ganze Völker in die Sklaverei gezwungen wurden. Und das alles zur höheren Ehre Gottes! Diese Sichtweise mag moralisierend sein, doch nach meiner Empfindung hatten die mozarabischen, romanischen und gotischen Bauwerke weit mehr Geist und christliche Substanz. So war ich hier schnell wieder draußen.

Ein dunkler Raum, fokussiert auf einen Lichtspalt – per se ein Gebetspanischer-jakobsweg

Weit mehr nach meinem Gusto war wenig später das schlichte, verlassene Kirchlein San Miguel aus dem 10. Jahrhundert, das ursprünglich Teil eines Klosters war. Es steht etwas links abseits des Weges einsam in der Landschaft inmitten leuchtender Blumenmeere. Picknickbänke sind auf dem umliegenden Terrain aufgebaut. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, seinen einfachen Altarstein mit einem bunten Blumenstrauß zu schmücken. Als Dank an alles, was mir dieser Weg bisher geschenkt hatte und an alle, die mir auf verschiedenste Weise diese Reise ermöglicht hatten und mich mit ihren Gedanken begleiteten.

Wie leicht war es, sich im Halbdunkel dieses schmucklosen Innenraums, der nur durch einen schmalen Schlitz in der Apsis Licht einließ, zu konzentrieren. Absolute Stille, keinerlei Ablenkung durch irgendwelche architektonischen Schnörkel oder durch andere Pilger, die in 200 Meter Entfernung vorbeihasteten, Zeit zu meditieren, in die Mitte zu kommen. Dieser leere, dunkle, auf einen Lichtspalt hin fokussierte Raum war ein inkarniertes Gebet und schien eine einzige Frage zu stellen: Warum hat „das Licht, das in die Finsternis kam, die Finsternis nicht ergriffen“?

Diese Frage hat immer wieder neue Generationen umgetrieben, seit vor 2000 Jahren ein brüderlicher Guru mit seiner Bergpredigt einen umwerfenden Leitfaden formuliert hatte. War so ein radikales Programm zur Umkehr, zur Umwertung aller Werte nur möglich und haltbar, solange man den baldigen Weltuntergang erwartete, wie wohl Jesus selbst, und nach ihm Paulus und die Urgemeinde? Musste es nicht notwendig verflachen und sich der schwachen Natur des Menschen anpassen, sobald sich diese Endzeit-Perspektive verflüchtigte und man sich im Verlaufe des 2. Jahrhunderts einzurichten begann in dieser weit weniger vollkommenen Welt?

Das junge Christentum hatte schlicht zu wenig Religion im Angebot

Das 3. Jahrhundert gilt als goldenes Zeitalter der jungen Religion, die für ihre Mission die weitgehende Toleranz des Römischen Weltreiches und sein hervorragendes Verkehrssystem zu nutzen wusste. In der tödlichen Auseinandersetzung mit der weltverneinenden Gnosis und dem gleichzeitigen Wettbewerb mit den populären hellenistischen Mysterienreligionen zeigte sich aber immer mehr ein struktureller Geburtsfehler der jungen Glaubensrichtung: Ihre Auferstehungs- und Welterlösungslehre erwies sich bei aller daneben gepredigten Nächstenliebe als zu abgehoben, zu weit weg, zu wenig greif- und begreifbar, „eher etwas für Eingeweihte“, wie Rolf Legler zutreffend feststellt in seinem wegweisenden, leider vergriffenen Buch »Sternenstraße und Pilgerweg, Der Jakobskult von Santiago de Compostela, Wahrheit und Fälschung«.

Irgendwann war nichts mehr sicher davor, als Reliquie verhökert zu werden

Doch spätestens mit den Christenverfolgungen unter Valerian und Diokletian war der christliche Märtyrerkult mächtig im Aufwind und das Aufkommen christlicher Heroen als göttliche Vermittler unausweichlich. Diese Funktion erfüllten zunächst die Apostel als Augen- und Wortzeugen. Danach kamen die Märtyrer als Blutzeugen und schließlich nach Ende der Verfolgungen 313 die unblutigen Heiligen, die sich wegen ihres asketischen Lebenswandels und ihrer Wundertätigkeit als weiße Märtyrer verehren ließen.

Seit Ende des 4. Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde und alle Altäre über echte Reliquien verfügen sollten, setzte besonders in den westlichen, märtyrerarmen Teilen des Reiches eine ungeheure Nachfrage nach sterblichen Überresten von Heiligen ein. Da der Besitz kostbarer Gebeine das Ansehen von Herrschern erhöhte und die Aufbewahrungsorte bald zum Ziel massenhafter Wallfahrten avancierten, wurde der Reliquienkult im Mittelalter neben seiner religiösen Komponente auch zu einem vorrangigen politischen und wirtschaftlichen Faktor.

Es setzte ein florierender Handel mit Leichenteilen ein, bei denen Fälschungen, wundersame Vervielfältigungen und Raubzüge an der Tagesordnung waren. Der allgemeine Reliquienwahn nahm für heute unvorstellbare Ausmaße an. Irgendwann war nichts mehr sicher davor, als Reliquie verhökert zu werden.

Menstruationsblut Marias sowie Nabelschnur, Vorhaut und Milchzahn des kleinen Jesulein

Nachdem heilige und Heilung versprechende Knochen und Schädel knapp wurden, nahm man andere Waren ins Sortiment: Gewand und Gürtel der gebärenden Maria, Decken und Kissen ihres Wochenbetts samt Krippe und Heu. Erde vom Ort, wo der Engel den Hirten die große Freude verkündete. Geschenke der Weisen aus dem Morgenland. Menstruationsblut Marias sowie Nabelschnur, Vorhaut und Milchzahn des kleinen Jesulein. Lederriemen, mit denen Jesus gegeißelt wurde, die Geißelungssäule, die Dornenkrone, das Schweißtuch der Veronika, Nägel und Splitter des Kreuzes. Die Lanze des Longinus, mit der er dem gekreuzigten Christus in die Seite stach, Steine von Golgatha mit Blutresten Christi, das Grabtuch und schließlich der Kelch, in dem Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hatte. Auf diesen Heiligen Gral hatten es die christlichen Ritter mit ihrer Suche vor allem abgesehen. Denn Blut ist ein besonderer Saft, der die Menschheit seit jeher faszinierte.

Mir war zwar durchaus einleuchtend, dass der Glaube an die Heilkraft toter, geheiligter Gebeine Berge versetzen und Kranke gesunden lassen konnte. Doch die Frage, was all dieser götzenhaft pervertierte Wahnsinn mit einer glaubhaften Nachfolge Jesu zu tun hatte, die auch etwas mehr Licht in meine finsteren Abgründe bringen könnte, musste zunächst mal im Raume stehen bleiben.

Über angenehme Feldwege ging es hinunter in das Tal des Rio Ega und in einer halben Stunde war das malerische Städtchen Estella erreicht. Wegen seiner zahlreichen prachtvollen Kirchen und Paläste wird es auch das „Toledo des Nordens“ genannt oder „Estella la bella“, Estella, die Schöne.

Ein Schutzpatron versöhnt Alteingesessene mit verhassten Zuwanderern

Ihre Gründungslegende erzählt, dass Hirten unter den acht Strahlen eines mysteriösen Sternes das Gnadenbild der Jungfrau von Le Puy entdeckten. Daraufhin habe sich König Sancho Ramirez um 1090 zur Förderung der neuen Frankensiedlung Estella = Stern entschlossen. Der Pilgerweg war vorher weiter südlich über das Kloster Zarapúz verlaufen.

Dessen Mönche stemmten sich vergeblich gegen das Wunder und die neue Trassenführung hatte bald den völligen Niedergang ihres Klosters zur Folge. 1270 wiederholte sich das Lichtwunder über dem Grab eines unbekannten Pilgers, den ein Papier als Bischof des griechischen Patras auswies. Er führte eine Reliquie des Apostels Andreas mit sich, der damit zum Schutzpatron der Stadt aufrückte.

Die Einsetzung so eines Schutzpatrons hatte in erster Linie die Funktion, die violenten Rivalitäten zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten abzubauen und für beide Seiten einen gemeinsamen, gruppenübergreifenden und identitätsstiftenden Bezugspunkt herzustellen. Ein ganz ähnlicher Prozess vollzog sich in Pamplona, wo nach langen gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Einheimischen und Fremden der Friedenstifter San Fermin als Stadtpatron aus der Taufe gehoben wurde, ein Ereignis, das bis heute mit wilden Stiertreiben begangen wird, deren Opferblut die Versöhnung stiftet.

Estella, die Schönespanischer-jakobsweg

Gleich am Ortseingang steht die Iglesia Santo Sepulcro, die Kirche zum Heiligen Grab mit einem detailverliebten, gotischen Eingangsportal. Unten das letzte Abendmahl, in dem sich der Lieblingsjünger Johannes Jesus ans Herz drückt, während der Herr den Petrus mahnend am Bart zupft nach seinem Anspruch, im Himmelreich zu seiner Rechten zu sitzen: „Die Ersten werden die Letzten sein“. Darüber dramatisch ausgemalt das Jüngste Gericht: vom Betrachter aus zur Linken die noch schlafenden Seligen, die ohne Ansehen ihres Ranges auf gleicher Höhe ihrer Auferweckung durch den Engel harren: ein auf seinem Thron zusammengesackter Herrscher, ein Ritter mit Streitaxt und ein Handwerker oder Bauer. Zur Rechten die Verdammten, die von Satan mit Fledermausflügeln in den aufgesperrten Rachen eines Feuer speienden Höllenmonsters geschaufelt werden. Auf der dritten Ebene eine Momentaufnahme der Kreuzigungsszene, in der der zweifelnde römische Kriegsknecht Longinus seine Lanze in die Seite Christi versenkt: Lebt er noch? Darüber schweben in perfektem Gleitflug die Engel mit den Marterwerkzeugen in den siebten Himmel: „Es ist vollbracht.“

Weiter ging es durch die Calle de la Rua, vorbei an der gotischen Steilbogenbrücke und vornehmen Patrizierhäusern, zum alten Königspalast aus dem 12. Jahrhundert, an dessen Fassade der Ritter Roland mit dem mythischen Riesen Ferragut kämpft. Gegenüber führt eine Treppe hinauf zur wehrhaften, romanischen Kirche San Pedro de la Rua, die gerade in Restaurierung war. Offenbar ist man versucht, vor dem Heiligen Jahr, an dem der Jakobstag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, noch einmal viele Gebäude auf Hochglanz zu bringen. Doch da ich Estella vorher schon wiederholt besucht hatte, kann ich verraten, dass der Besuch dieser Kirche, vor allem aber ihres ebenso kunstreichen, erzählfreudigen wie stimmungsvollen romanischen Kreuzgangs ein Erlebnis der besonderen Art ist. spanischer-jakobsweg

Die Basken – Fremde im eigenen Landspanischer-jakobsweg

Über den Fluss führt eine Brücke vom ehemaligen Frankenviertel in das der Basken. Trotz eines gemeinsamen Stadtrats herrschte zwischen den einzelnen Stadtteilen über lange Zeit ein tiefes Misstrauen. Man schützte sich mit Mauern und Wehrtürmen und es kam immer wieder zu blutigen Fehden. Man sprach verschiedene Sprachen, verehrte verschiedene Heilige und hing verschiedenen Traditionen nach. Ständiges Öl ins Feuer goss die königliche Politik, die ihre weitgehenden Privilegien lange nur den fränkischen Neubürgern zugutekommen ließ. Die alteingesessene Bevölkerung musste mit Neid zusehen, wie die Fremden in Navarra die Kontrolle über Handel und Gewerbe übernahmen. Ihre Frustration entlud sich in ständigen Rivalitäten und manchmal in brachialen Gewaltausbrüchen, doch sie zogen bei der frankenfreundlichen Haltung der Krone meist den Kürzeren.

Von der Calle Mayor zwei Dutzend Treppen aufwärts kommt man zur romanisch-gotischen Kirche San Miguel. In ihrem aufwendigen Portal wurden dem mittelalterlichen Besucher zahlreiche Bildergeschichten erzählt – ein lohnendes Quiz, in dem jeder seine Bibelkenntnisse überprüfen oder den fein ziselierten Figurenschmuck einfach unvoreingenommen auf sich wirken lassen kann. Einige hundert Meter entfernt liegt die Plaza Mayor, wo ich mir in einer Bar köstliche „Tapas“ schmecken ließ.

Pilger, trink ´nen Schluck guten Schluck ´vino´, bevor´s zum Glück zu spätspanischer-jakobsweg

Über die alte Pilgerstraße verließ ich diese anmutige Altstadt und stieß in einer knappen Stunde auf das schon weithin sichtbare, monumentale Kloster Irache am Fuße des Kegelberges Montejurra. Einige Historiker datieren seine Ursprünge in westgotischer Zeit, schriftlich erwähnt wird es erstmals 958. 1051 entstand hier auf Initiative des Abtes Veremundo eines der ersten Pilgerhospitäler am Jakobsweg. Er wurde bald darauf heiliggesprochen und ist bis heute Schutzpatron des Camino in Navarra. Vom 16. bis 19. Jahrhundert unterhielt das Kloster eine Universität. Die mächtige romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert und der riesige Renaissance-Kreuzgang aus dem 16. Jahrhundert lohnen einen Besuch.

Gegenüber liegt das ehemalige Klosterweingut Bodegas Irache, dessen leichten Rosé-Weinen mancher Pilger schon lange entgegenhechelt. Denn an der berühmten Fuente del Vino, dem Weinbrunnen gibt es das kostbare Nass für Pilger gratis. Da weinselige Jugendliche aus der Umgegend wiederholt ungehemmt dieses Privileg für sich in Anspruch nahmen, hat man inzwischen eine Überwachungskamera installiert und die Guardia Civil ist öfters im Einsatz. Doch Pilger werden durch einen frei übersetzten, kurzen Reimvers ausgesprochen ermuntert:

„Pilger, willst du gehn nach Santiago
mit Kraft und Vitalität,
trink ´nen Schluck guten ´vino´,
bevor´s zum Glück zu spät.“spanischer-jakobsweg

Im Spanischen klingt das freilich noch viel eleganter. Zwei Franzosen, die ich dort traf, ließen sich nicht lumpen und tranken Becher für Becher, jeder einen guten Liter. Sie konnten es offenbar gut vertragen, zumindest merkte man ihnen beim Weitermarsch keine Schwäche an. Auffällig viele hingegen lagen gegenüber unter einem großen Baum ermattet ausgestreckt in der Wiese. Ich konnte nicht ausmachen, ob man hier eine normale Siesta hielt oder einen gerade getankten Rausch ausschlief.

Vorbei an einer Siedlung zog sich der Weg über hübsche Wald- und Feldwege unweit der Hauptstraße in einer Stunde nach Azqueta. Dann stieg der Weg kurz an, passierte den Brunnen Fuente de los Moros aus dem 13. Jahrhundert, der eher ein mit eiskaltem Wasser gefülltes Kühlhaus ist, zu dem man auf steilen Treppen hinabsteigt, und erreichte in 30 Minuten das Dorf Villamajor de Monjardín zu Füßen des gleichnamigen Kegelberges. Mit 25 km hatte ich mein Tagessoll erfüllt.

Reichlich Stimmung, bevor das Schweigen beginnt

Die Pfarrherberge gegenüber der Kirche beruhte auf freiwilligen Spenden und wurde gerade für 14 Tage von Antonio betreut. Er war Chauffeur eines Ministeriums in Madrid und hatte zwei Wochen seines Urlaubs geopfert, um hier unentgeltlich als „Hospitalero voluntario“, spanischer-jakobswegals freiwilliger Herbergsvater zu dienen.

Die Herberge hatte eine kleine Bibliothek und Antonio klärte mich auf, dass sie ausschließlich aus Büchern bestand, die Pilger unterwegs hier zurückgelassen hatten und dass ich genau so gut auch etwas daraus mitnehmen könne. Obwohl man sich normal jedes Gramm an Zusatzbelastung gut überlegt, fand ich ein Buch in deutscher Sprache, das haarscharf in meine Wunschliste passte: „Wo das Schweigen beginnt“, Meditationen zu Texten von Johannes vom Kreuz von Waltraud Herbstrith. Ich blätterte durch einige Seiten und war mir sofort sicher: „Das ist mein Buch, das hier auf mich gewartet hat.“

In der angenehm schlichten Kirche mit dem schmalen Fensterschlitz in der Apsis stieß ich auf eine sitzende Madonna mit einem Apfel in der Hand, die in ihrer anmutigen Majestät wie eine orientalische Fruchtbarkeitsgöttin wirkte. Danach kam ich etwas mit Hans ins Gespräch, einem Dresdner, der allein unterwegs war und mangels Fremdsprachenkenntnissen dankbar war, einmal wieder deutsche Klänge zu hören. Er war äußerst wissbegierig, möglichst viel über dieses Land zu erfahren, in dem ich zehn Jahre gelebt hatte und das ich als Journalist, Buchautor und Studienreiseleiter besser kannte als meine Hosentasche. Er begleitete mich schließlispanischer-jakobswegch in die einzige Dorfwirtschaft zum Abendessen, wo ich erneut auf Jordi traf, der dort mit Francisco, kurz Fran, bei einer Schinkensemmel saß, die ihnen die portugiesische Wirtin spendiert hatte. Sie war früher selbst gepilgert und hatte ein großes Herz für Mittellose.

Am großen Tisch war eine bunte internationale Mischung von PilgerInnen versammelt, die vor riesigen Portionen eines leckeren Fleischeintopfs saßen: meine zwei weinseligen Franzosen, ein Ehepaar aus Italien, jeweils eine Frau aus Neuseeland, Brasilien und den Staaten, ein spanisches Pärchen und wir zwei Deutsche.

Da ich etwas auf mein Geld achten musste, bestellte ich nur eine halbe Portion und bekam von der reizenden Wirtin mit einem Augenzwinkern für den halben Preis meinen Teller übervoll geladen. Mir stieg die Schamröte ins Gesicht angesichts dieser so beiläufig gewährten, großzügigen Gastfreundschaft.

Es ging stundenlang hoch her, der Wein floss in Strömen, die Zunge wurde immer lockerer und man verstand sich prächtig trotz dieses Babels der Sprachen. Ich kann gar nicht mehr sagen, was da geredet wurde, ich erinnere mich nur, dass wir ungemein viel lachten. Mitunter musste ich als Dolmetscher einspringen und Hans blieb vor Ehrfurcht fast der Mund offen, dass ich in so vielen Sprachen scheinbar mühelos herumspringen konnte.

Antonio, der freiwillige Herbergsvater aus Madridspanischer-jakobsweg

In den angenehm kühlen Abendstunden verwickelte ich mich mit Antonio in ein tiefinniges Gespräch, das sich auf einer Bank vor der Kirche bis tief in die Nacht verlängerte. Es stammte wie viele Madrilenen aus Andalusien, dem Land der großen Dichter und Sänger, und war von früh auf in dessen Kultur tief verankert. Er bildete sich ständig weiter und hatte bis heute für die langen Wartepausen als Chauffeur immer etwas Substanzielles zum Lesen dabei. Viele seiner heimischen Dichter konnte er auswendig.

Als ich andeutete, dass ich über seine Heimat vor Jahren ein Reiselesebuch geschrieben hatte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Daraufhin entspann sich über Stunden hin quasi ein friedlicher „Sängerwettstreit“ und die Bälle flogen nur so hin und her. Meine Vorliebe galt der sensualen, arabo-andalusischen Lyrik des 10. und 11. Jahrhunderts, die ich oft meinen Reisegästen vorgetragen hatte, die über die zur Schau gestellte erotische Offenheit meist sehr erstaunt waren, eine Lyrik, die ich inzwischen weitgehend auswendig kannte. Jetzt musste ich sie aus ihrer genialen deutschen Fassung von Janheinz Jahns „Andalusischer Liebesdiwan“ weit weniger elegant ins Spanische zurück übersetzten,was jedoch mit dem reichlichen Alkohol im Kahn mühelos gelang. Antonio war eher in den Dichtergenerationen von 1898 und 1927 beheimatet und liebte die Flamenco-Coplas, die oft einen religiösen Touch haben.

Das Paradies liegt in Al Andalús, die Tage sind ein Lächeln und die Nächte…spanischer-jakobsweg

Ich schaltete mein Aufnahmegerät an und begann mit einem Loblied auf seine Heimat von Ibn Chafadscha:

„Das Paradies liegt in Al-Andalus./
Die Tage sind ein Lächeln und die Nächte/
sind Lippen, die sich ründen wie zum Kuss./
Ein jeder Duft ist eine Liebesflechte./
Wie sehne ich mich nach Al-Andalus!“

Damit hatte ich ihm offenbar aus der Seele gesprochen. Er entgegnete mir etwas denkwürdiger mit Luis Caballero:

„Mein armes Andalusien,/
niemand versteht es./
Ein Land inmitten/
eines riesigen Herzens,/
das weint mit Freude …“

Ich schickte darauf einen Gruß an meine Liebste in der fernen Heimat:

„Ich hab den Blick ins Firmament vergraben,/
dass ich den Stern, den du betrachtest, finde./
Und unermüdlich lausch ich in die Winde,/
ob deine Lippen ihnen Botschaft gaben.“

Und ließ sie durch die Sultanstochter Umm Al-Kiram gleich antworten:

„Für meinen Liebsten stieg der Mond/
hernieder auf die Welt./
Wohin er geht – auf ewig wohnt/
mein Herz in seinem Zelt.“

Er antwortete mit einer metaphysischen Suche in Versen Paco Salgueiros, die mich an den Mystiker San Juan de la Cruz erinnerten:

„Durch jene Nacht ich lief/
suchend nur meinen Gott./
Ich wusste nicht, dass ich ihn trug/
in meinem Herzen tief.“

Ich ging mit Ibn Dschubayr ins Philosophische über:

„Menschen sind wie Aloekrüge,/
die mit Honig dünn bestrichen sind am Rand./
Du versuchst: Sie schmecken süß. Das ist die Lüge./
Bittre Wahrheit wird am Grund erkannt.“

Er konterte mit Antonio Machado:

“Das Leid gesungen /
lässt das Leid vergessen.“

und rezitierte einige wunderschöne Gedichte aus der Feder Federico Garcia Lorcas, bis er zu dem klassischen Vers Antonio Machados kam:

„Wanderer, es gibt keinen Weg!
Den Weg bahnt man sich beim Gehen.“

Darin war ein Großteil meiner Pilgerphilosophie enthalten.

Ich dachte an einige Paare, die sich auf dem Camino beneidenswert gut verstanden und andere, die sich mitunter heftig in die Haare kriegten, wozu wunderbar das Verslein Ibn Scharafs passte:

„Für zwei Menschen, die sich liebevoll umfassen,/
ist ein Nadelöhr geräumig wie ein Haus./
Aber für zwei Menschen, die sich hassen,/
reicht die ganze Welt nicht aus.“

Und da war plötzlich Fran, der zu meinem engsten Pilgerfreund werden sollte

Es ging lange weiter so hin und her. Zeitweise sangen wir zusammen Lieder, die wir beide kannten. Inzwischen hatte sich auch Fran unbemerkt unserer trauten Runde zugesellt und applaudierte begeistert einigen Strophen meines Favoriten Ibn Chafadscha, hinter denen ich mit vollem Herzen stand:

„Wenn ich auch stark wie ein Gebirge bin:/
ich zittre wie ein Zweig, wenn Schönheit mich bestrickt./
Zu Groben bin ich grob, vor Zarten schmelz ich hin/
und achte nicht darauf, ob sich das schickt./

Ich hasse steife Menschen, die sich so korrekt/
betragen und die Welt zu tadeln wissen./
Sie haben nie der Liebe Lust entdeckt./
Ihr steinern Herz hat keine Glut zerrissen./“

Mit Fran, hinter dem selbst ein heimlicher Poet steckte, verstand ich mich auf Anhieb hervorragend. Die Chemie zwischen uns stimmte, und so beschlossen wir, am nächsten Tag, gemeinsam weiter zu pilgern.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 19 – Ein Reisebericht

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Teil 1 – 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen – Ein Reisebericht

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Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

 

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt