Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

 

Ganz eigene, liebende Gottesbegegnung zu meinem „Santo“, wie mein Atem dem Stein von San Millán de Suso
seine rätselhafte Botschaft entlockte und wie Hühner gleich dem Vogel Phönix aus ihrer Asche steigen.

 

24. Juni
Freicamp bei Bardanas – Santo Domingo de la Calzada (36 km)

Als ich in dieser Früh erwachte, war einzig noch der Morgenstern am Himmel. Ich schälte mich aus meinem Schlafsack und machte meine Morgenmeditation in die aufgehende Sonne, die sich schon hinter den Hügeln in zarten Rottönen ankündigte. Es war eine einfache Übung, die ich vor Jahren selbst entwickelt hatte: ein bisschen Yoga, ein wenig Sofrologie, die Lehre des Gleichgewichts, etwas autogenes Training, eine bewusste Atemübung, begleitet von sich öffnenden und schließenden Armbewegungen und einer hohen Prise von Gottvertrauen:

Meditation in die aufgehende Sonne

Ich stelle mich mit beiden Beinen fest auf die Erde, sodass mich nichts mehr belästigt oder stört. Ich beginne mit einer Entspannungsübung aus der Sofrologie: Zunächst glätte ich die Falten der Stirn einen Atemzug lang, tief ein und aus. Dann kommen die geschlossenen Augen dran, ich rolle die Augäpfel, spüre an den Augendeckeln, wie sie sich von einer Ecke in die andere bewegen. Als Drittes ist die Mundpartie dran. Die Lippen werden leicht geöffnet, die Kiefer verlieren mit der Durchatmung jegliche Härte. Nun folgt das entscheidende Nackenkreuz, in dem sich oft die Spannungen zentrieren, die den freien Energiefluss zwischen Kopf und Herz blockieren. Ich stelle mir die Schulterpartie vor und lasse das Genick in drei langen Zügen von oben nach unten und wieder nach oben durchströmen. Darauf wandert der Atem in den linken Arm, dann in den Rechten. Schließlich zieht er weiter in den Brust- und Rückenbereich, daraufhin tiefer in die Region um den Solarplexus und das Kreuz und am Ende kommt die unterste Schublade, der Bauch-, Genital- und Analbereich, zu seinem Recht. Von dort wird erst der linke, dann der rechte Oberschenkel bis zum Knie entspannt und in einem weiteren Schritt schließt sich der Kreis bis zu den Zehenspitzen. Nun wird dreimal bewusst nochmals alles gemeinsam durchatmet, bis ich zum spirituellen Teil übergehe.

 Das wunderbare Geschenk einer sehr eigenen Gottesbegegnung

„Im Namen des Vaters“, die Arme öffnen sich wie die Brust des Einatemstromes zur Weite des Unfassbaren, Unbegreiflichen, ganz Anderen, der jenseits all unserer Bilder ist und aus dem Verborgenen wirkt.

„und des Sohnes“, die Arme schließen sich vorne im Zuge des Ausatmens, die Handflächen und Fingerspitzen berühren sich, Gott wird Mensch, hier findet Begegnung statt, hier wird Liebe spürbar, Tiefe, Entspannung.

„und des Heiligen Geistes“, bei erneuter Öffnung der Arme darf die Liebe kraftvoll nach außen strömen.

„Dein“, die Arme schließen sich nach oben zu einer Begegnung, die höher ist als alle Vernunft, das stolze Ego vergisst seine Herrlichkeit, überantwortet sich einer höheren Macht.

„Wille“, die Arme senken sich in die Horizontale, lassen diese göttliche Energie in Körper und Seele einfließen.

„geschehe“, es folgt der Vollzug, die Einwilligung, der Handschlag. Paulus hat das einmal mit den Worten ausgedrückt: „Nicht mehr ich, sondern Christus in mir.“

„Im Himmel“, in der unsichtbaren Welt. Die Arme öffnen sich waagerecht und schließen sich nach oben in der Form eines göttlichen Auges, der Atem strömt ein, der Mensch ist total Aufnehmender. Dann die Ergänzung:

„wie auf Erden“, in der sichtbaren und greifbaren Welt. Die Arme beschreiben mit der Handfläche nach außen den Erdkreis von oben nach unten, überkreuzen sich vor der Brust, der Körper verbeugt sich in tiefer Demut.

„Amen“. Gestärkt mit den Kräften der Tiefe geht es in den aufrechten Gang, in ein von Selbstsucht gereinigtes Wollen.

„So sei es“, Ausatmen, Lassen, Zulassen, Loslassen, Leerwerden, die Finger ruhen auf den Zehenspitzen, schließen den Kreis zu einem Energiefluss ohne Anfang und ohne Ende. Letztere Verbeugung wiederholt sich noch zweimal, bis am Ende die Fingerspitzen ruhig auf der Erde ruhen und die chthonischen Energien mit voller Kraft durch den Körper fließen können.

Im Zuge der einatmenden Erhebung von Körper und Armen berühren sich die Fingerspitzen, die Handflächen zeigen nach innen und bringen die energiegeladenen Chakren, um die sich die Kundalini-Schlangen vom Sexus bis zum Scheitel nach oben schlängeln, ins Gleichgewicht. Man spürt es an der unterschiedlichen Wärme in den Händen, wenn einzelne Punkte mit ihrer Kraft zu weit vorspringen oder andere sich schüchtern zurückgezogen haben: Mal drängt sich der Sexualtrieb stürmisch nach vorne, ein andermal rast das Hirn oder das Herz ist verzagt.

Die Handflächen wirken bei dieser dreimaligen Auf- und Abwärtsbewegung von den Geschlechtsteilen bis zur Aura über dem Hirnscheitel und vice versa wie eine Art Magnet, die überschießende Energien zurückdrängen und noch schlummernde Kräfte zur Verwirklichung ermuntern: Einatmen – Loslassen, Einfließen – Verströmen, Wachsen, Lieben, Leben – Abnehmen, Sterben, Leerwerden.

Dann spreize ich für einen Atemzug Zehen und Finger, alle Muskeln und Stirnfalten ziehen sich nach oben.

Im Folgenden krampfe ich den ganzen Körper zu höchster Anspannung zusammen, um in einem Dritten unvermittelt loszulassen und tief entspannt durchzuatmen.

Zum Abschluss begrüße ich den Tag, öffne die Augen, lege zu einer kurzen Verbeugung die Hand aufs Herz und stelle mich IHM zur Verfügung.

Danach fühle ich mich wie neu geboren. Die günstigste Zeit für diese kleine Meditationsübung ist die Morgendämmerung, wenn die Atmosphäre von aufsteigender Energie geladen ist. Macht man sie zum Sonnenuntergang, so liegt der Schwerpunkt auf dem Loslassen, auf der Einstimmung zu einer entspannenden Nachtruhe.

An diesem Morgen hatte ich kurz vor Sonnenaufgang durch einen glücklichen Zufall – was einem manchmal eben so zufällt – offenbar den Scheitelpunkt der Kraft erwischt: Meine Augendeckel brannten in zunehmendem Rot, die Atmosphäre durchpulste eine ungeheure, kosmische Energie, die Körper und Seele in einen überwältigenden Strom der Liebe einhüllte. Unfassbar! …Wo die Worte fehlen, beginnt das donnernde Schweigen, das mich vor Dankbarkeit in Tränen auflöste und vor Ehrfurcht gegenüber Seiner Gegenwart bis in die Grundfugen erzittern ließ. Ein heiliger Moment, nur gefühlt, nicht von Angesicht zu Angesicht. Er lässt sich nicht in die Augen blicken, er lässt sich noch nicht einmal denken oder erahnen. Er ist immer mehr als all unsere Vorstellungskraft. Allein die demütig und hingebungsvoll empfangende Seele hat ein Sensorium, Ihn zu spüren. …Für mich war es eine ganz eigene, einfache Gottesbegegnung, ein wunderbares Geschenk zu meinem „Santo“, meinem Namenstag, der in Spanien fast gleichberechtigt zum Geburtstag gefeiert wird.

Als ich im nahen Bach meine Katzenwäsche erledigt hatte, entdeckte ich ein Schild mit der Jakobsmuschel. Ich war also gestern Nacht, ohne es zu wissen, in vager Ahnung auf dem richtigen Weg gelandet. Das war die gute Nachricht. Weniger erfreulich war, dass ich bei meiner nächtlichen Suche nach einem Schlafplatz im Wald auf unerfindliche Weise meinen Hut verloren hatte. Das konnte ja heiter werden, doch in den kühlen Morgenstunden war das noch kein Problem.

Ein herrlich komponiertes Blumenbouquet – doch für wen?

Der hübsche Weg über Berceo hinauf nach Suso, wo sich das Heiligtum des San Millán befand, war gesäumt von bunten Blumenmeeren. Die Natur schenkte sich noch einmal mit all ihrer Großzügigkeit, bevor es in die brütenden Sommermonate ging, die alles verdorren ließen. Ich war in äußerst gehobener Stimmung und konnte der Versuchung nicht widerstehen, eines meiner geliebten Blumenbouquets zu komponieren. Jede Pflanze hatte das gleiche Recht, in diesen Strauß aufgenommen zu werden. Ich machte keinen Unterschied, alle durften dazugehören, leuchtende Farbkleckse ebenso wie stachelige Blässe, würzige Kräuter neben trockenen Grashalmen. Es wurde ein herrliches Ensemble, das nicht nur wunderschön aussah, sondern auch einen berauschenden Duft ausstrahlte.

Diese beseelten Gewächse in meiner Hand hatte ich anlässlich meines „Santo“, am Johannistag für meine Mutter bestimmt, die mir das Leben geschenkt hatte. Doch da meine Mama mit ihren 96 Jahren im fernen Deutschland in einem Pflegeheim lebte, beschloss ich diesen Blumenstrauß stellvertretend der erstbesten Frau zu schenken, die mich im nächsten Dorf ansprach. Obwohl ich normal fast immer jemanden traf, mit dem ich mich in einen kleinen Plausch verwickeln konnte, war die Ortschaft zu dieser relativ frühen Morgenstunde noch wie leergefegt. Die Blumen hatten heute offenbar eine andere Bestimmung, die in meinem Kleinhirn noch nicht vorgesehen war.

Außerhalb des Dorfes traf ich auf einen älteren Herrn, der gerade seinen Morgenspaziergang machte. Javier wusste als Ortskundiger von einer Abkürzung zu meinem Ziel, die mich von der leidigen Asphaltstraße herunterbrachte. Der hübsche Pfad war allerdings auch wesentlich steiler. Die Sonne kannte kein Erbarmen, sodass bald der Schweiß aus allen Poren trat.

Besuch beim Heiligen von Suso nur mit Ticket aus Yuso erlaubt

Als ich ihm erzählte, dass ich meinen Hut verloren hatte, lüpfte er seine rote Schirmmütze: „Nimm die, ich habe daheim noch mehrere davon.“ Ich war baff, wie sich alles erneut so wundersam fügte.

„In Suso werden sie dich nicht reinlassen“, meinte er. „Man muss das Ticket im neuen Kloster Yuso zwei Kilometer unterhalb des alten Heiligtums lösen. Von dort werden die Besucher dann mit dem Bus hinaufgefahren.“Ich war außer mir: „Ich werde mir Zugang verschaffen. Da hält mich keiner zurück. Ich bin extra 30 Kilometer zu Fuß hierher gepilgert und jetzt sollen mir vornehme Bustouristen vorgezogen werden, nur weil ich nicht irgendwelche willkürlich vorgeschriebenen Wege eingehalten habe. Die werden mich kennenlernen!“

Ich war wirklich wütend und vollkommen aus meinem morgendlichen Gleichgewicht gefallen. So kannte ich mich selbst schon lange nicht mehr, normal konnte mich wenig erschüttern. Javier verabschiedete sich auf halbem Wege. Ich dankte ihm für Hut und Wegweisung und er riet mir, es beim Eintritt vielleicht besser auf die sanfte Art zu versuchen: „Es sind alles Menschen. Den Wärter trifft persönlich keine Schuld, er handelt nur nach seinen Vorschriften.“ Das gab mir auf der restlichen Strecke zu denken und bald verflüchtigten sich meine Phantasien, mit Brachialgewalt meinen Willen durchzusetzen.

Hier besiegte San Millán den Satan sehenden Auges

Gegen 9 Uhr morgens erreichte ich San Millán de Suso. Bis zur offiziellen Öffnungszeit war noch eine Stunde Zeit. Das Kloster lag in einer Waldlichtung und duckte sich an den steilen Berghang. Der Eremit Aemilianus war 474 im nahen Berceo oder Cogolla zur Welt gekommen und 101 Jahre alt geworden. Er war ein Zeitgenosse des abendländischen Mönchsvaters Benedikt von Nursia und gilt als Begründer des riojanischen Mönchstums.

Er scharte zu Beginn des 6. Jahrhunderts eine kleine Schar von Asketen um sich, aus der später eine Mönchsgemeinschaft hervorging. Von ihm werden mannigfaltige Wunder berichtet. Noch 400 Jahre nach seinem Tod soll San Millán den Heeren Navarras als „Maurentöter“ zum Sieg verholfen haben – wie weiland sein Heiligenkollege Santiago -, was seit dem 10. Jahrhundert zu großzügigen, königlichen Stiftungen an seinem Grab führte.

50 Meter neben dem Kloster traf ich auf ein schlichtes Kreuz, das auf einer Steinsäule stand. Darin war eingraviert: “Hier besiegte San Millán den Satan sehenden Auges.“ Für solche Taten verehrte das Volk, das bis über den Hals in seine alltäglichen Nöte und Sünden verstrickt war, die Eremiten wie Heilige und jubelte sie zu Halbgöttern hoch. Ähnliches wird von Athanasius in der legendären Vita des hl. Antonius von Ägypten erzählt und noch Luther schleuderte auf der Wartburg sein berühmtes Tintenfass auf den Leibhaftigen.

Ein Blumenstrauß öffnet verbotene Türen

Aus meinen meditativen Gedanken weckte mich unvermittelt das Knattern eines Motorrads. Der Wärter war im Anzug. Ich atmete dreimal tief durch und näherte mich ihm freudestrahlend mit meinem Blumenstrauß. „Wer ist denn die Glückliche, für die er bestimmt ist?“, fragte Pedro in schüchterner Neugier. „Zu meinem heutigen Namenstag eigentlich für meine Mutter.“ In diesem Augenblick schoss mir wie aus heiterem Himmel des Rätsels Lösung in den Kopf: „Doch da sie im fernen Deutschland lebt, möchte ich ihn an ihrer Stelle San Millán widmen, zu dem ich extra die 30 Kilometer von Nájera hergepilgert bin.“ Petrus, der Hüter der Schlüssel, überlegte einen kurzen Moment: „Normal dürfte ich dich ja nicht reinlassen. Denn die Tickets müssen unten in Yuso gelöst werden. Doch in deinem Fall ist das was anderes. Ich werde dir gleich aufsperren.“

So stand ich eine halbe Stunde vor der offiziellen Öffnungszeit in diesem Juwel der mozarabischen Kunst, dessen Wurzeln bis in die Zeiten der Westgoten zurückreichen. Und ich hatte es dazu noch ganz für mich alleine. Was für ein Geschenk, was für eine denkwürdige Fügung! Über einen Arkadengang mit alten Grabplatten betrat ich durch einen seitlichen Hufeisenbogen das Innere der Kirche, die direkt in den Berg hineingebaut war und am anderen Ende die Felshöhlen der alten Eremiten erahnen ließ. Meine Blumen deponierte ich zunächst im ausgetrockneten Weihwasserbecken, das sich in Form einer Muschel wie eine geöffnete Hand für diese Gabe anbot.

Dieses Gotteshaus hatte etwas Ungewöhnliches, was mich anfangs zutiefst verwirrte: Es bestand aus zwei Schiffen, die durch eine Folge von Hufeisenbögen voneinander getrennt waren. Man wusste gar nicht, wo man sich positionieren sollte, um das Ensemble als Ganzes zu erfassen. Lag dem vielleicht eine geheime Absicht der Baumeister zugrunde?

Den Geist eines Gebäudes durch den Atem erschließen

Ich stellte mich hinten in den linken Gang und versuchte durch die Konzentration auf die Arkadenreihe den Geist dieses Gebäudes einzuatmen. Die Bögen heben sich, erreichen ihren Scheitelpunkt, senken sich, ruhen auf der Kapitellplatte und heben sich aufs Neue. Und ich tue es ihnen gleich, atme ein, atme aus und lasse für einen Moment den Atem ruhen. Wie die Bögen ansteigen, atme ich ein, wie sie fallen, atme ich aus, wie sie ruhen, ruhe ich mit. Und das alle Bögen entlang von hinten bis nach vorne und wieder zurück. Es entsteht ein wunderbares, tief in sich ruhendes Einvernehmen zwischen dem Geist des schweigenden Bauwerks und meiner Seele, die offen ist, eine Botschaft von ihm zu empfangen. Ich bemerke, dass am mittleren Pfeiler das Weihwasserbecken angebracht ist, aus dem meine Blumen leuchten, doch dass sie kein Wasser haben. „Ist das der imaginäre Mittelpunkt, den es zu erreichen gilt? Ist das ein Indiz, wie ausgetrocknet meine Seele ist, wie durstig nach lebendigem Wasser?“

Der Hufeisenbogen öffnet sich zum Schlüsselerlebnis

Dieses von Menschenhand erbaute Gotteshaus zerfällt in zwei Teile: Wir leben in der Polarität von Yin und Yang, von Vergangenheit und Zukunft, von Gut und Böse. Die mozarabischen Mönche, die aus dem islamisch geprägten Süden Spaniens kamen, hatten den Hufeisenbogen zum zentralen Element ihrer Bauweise erhoben. Er wirkt wie ein Schlüsselloch und wer den Schlüssel erhält, kann beim Übergang von einem Raum zum anderen ein Schlüsselerlebnis haben.

Es ist wie bei dem römischen Gott Janus, den man durch eine Münze mit zwei Köpfen symbolisierte. Der eine schaut in die Vergangenheit, der andere in die Zukunft, doch ihr eigentliches Geheimnis liegt im gestaltlosen Ring in der Mitte zwischen beiden Polen, im ewigen Augenblick. Den Verstorbenen legte man ein Geldstück in den Mund als Fährgeld für Charon, den Schiffer über den Totenfluss Styx, bevor sie den Hades betraten. Sie fielen leblos aus der Zeit in das Reich der Schatten.

In der Antike war es nur wenigen Sterblichen vergönnt, in das Reich der Götter aufzusteigen: Asklepius, der nach langen Machtkämpfen im Götterhimmel unter dem Schutz Apolls zum Gott der Heilkunst avancierte. Dionysos, dem Gott der Verrücktheit und des Rausches, den seine von ihm selbst verblendete Gefolgschaft wahnsinniger Mänaden grausam zerriss, bevor er in den Götterhimmel aufgenommen wurde und zum Mentor der griechischen Tragödie aufsteigen durfte. Dem Heroen Herakles, dem ein Dutzend übermenschlicher Aufgaben auferlegt worden war, der also die Gesamtheit seiner zwölf Seelenkammern durchleben und durchschreiten musste, bis ihn Zeus nach seiner Verbrennung im Nesselhemd endlich gnädig in den Olymp erhob.

Ein Leben lang Schweigen, um das Angesicht Gottes zu schauen

War es mit Christus leichter geworden, in das „Reich, das nicht von dieser Welt“ ist, zu gelangen? Nach dem Verständnis der alten Eremiten wohl kaum, wenn man sich ihre heroischen Anstrengungen betrachtet, ein Dasein in Demut, Schweigen und in Einsamkeit, quasi außerhalb der Welt, zu führen. Strengste Askese war dazu nur die Voraussetzung. In ständiger Meditation strebten sie ein Leben lang danach, in die „Mitte“ zu kommen, innerlich leer zu werden für die göttliche Fülle, den magischen Punkt des absoluten Nichts zu erreichen, von dem aus das Angesicht Gottes geschaut werden kann. Ein Normalsterblicher würde dabei spätestens nach drei Tagen wahnsinnig werden.

Meine Gedanken folgten der abenteuerlichen Gratwanderung der Mittelbögen zwischen den Polen von einem Schlüsselereignis meines Lebensweges, von einer Prüfung zur Nächsten. Auf der Höhe des mittleren Pfeilers lag zur Linken in einer Felshöhle die Alabaster-Grabfigur des San Millán. Ihm legte ich jetzt meinen Blumenstrauß zu Füßen. Der Übergang zu einer „anderen Realität“ ist erst nach dem Absterben des Ego im Bereich des Möglichen, es muss erst begraben, ausgelöscht, verbrannt werden, bevor Auferstehung in ein neues Leben, ins wirkliche, ins ewige Leben auf der Tagesordnung steht. Das wird uns von fast allen Weisen und Religionsstiftern der Welt gelehrt. Der Geist so eines heroischen Eremiten schien mir auf diesem Weg eine Hilfe.

Nicht wollen sondern lassen

Doch diesen Schritt kann man gerade nicht „wollen“, denn das Wollen ist just der Hauptantrieb, die Hauptnahrungsquelle des Ego, die es ständig nur noch größer macht. Man kann es bestenfalls „lassen“, man kann es nach mutigem Durchschreiten der angsteinflößenden Dunkelkammern der Seele nur demütig zulassen. Und allzu oft ist man geneigt, diesen irrsinnig mühevollen Weg überhaupt ganz sein zu lassen. Letztlich ist das Eintauchen in ein Christusleben für den verlorenen Erdenzwerg ein Akt Seiner Gnade.

Als ich meinen Blick geradeaus richtete, passierte er zwei frontale Hufeisenbögen bis hin zum Allerheiligsten, in das durch ein kleines Fensterchen von draußen das Tageslicht hereinstrahlte. Die Form dieses Grundrisses stellte in der Horizontalen wieder ein Schlüsselloch dar und versprach auf dem Weg zum lichterfüllten, sakralen Zentrum erneut ein Schlüsselerlebnis. Welch wunderbare Verheißung!

Ein Sturz bringt mich aus spirituellen Höhen abrupt auf den Boden der Tatsachen. Ist das das Ende meiner Pilgerfahrt?

Hinunter in das Renaissancekloster San Millán de Yuso führte ein sehr steiler Sand- und Kieselweg durch den Wald, auf dem man mit der Schubkraft des Rucksacks leicht zu viel Fahrt bekam. Eine kurze holprige Passage mit einem lockeren Stein genügte, mich vom Vorhof des siebten Himmels auf den kruden Boden der Tatsachen dieser Erde zurückzubefördern. Ich knickte mit meinem immer noch nicht ganz ausgeheilten Fußgelenk äußerst böse um und der Fuß wäre womöglich gebrochen, wenn ich mich nicht im allerletzten Moment instinktiv zur Seite abgerollt hätte. Dabei verstauchte ich mir beim Versuch, den Sturz abzufedern, auch noch das linke Handgelenk. Der Rucksack verhinderte noch Schlimmeres.

Auf den Wanderstock gestützt humpelte ich an zwei Stellen lädiert am Rande der Verzweiflung den letzten Kilometer runter nach Yuso. Da auf den ersten Blick keine Bar in Sicht war, kehrte ich in das Viersternehotel ein, um dort ein vernünftiges Frühstück nachzuholen. Ich war der einzige Gast in diesem noblen Ambiente. Ich erzählte der netten Bedienung am Tresen von meinem Missgeschick und sie brachte mir in rührender Fürsorge gleich einen Eisbeutel und eine Stoffserviette. Damit konnte ich meinen böse aufgeschwollenen Fuß einwickeln und das schmerzhafte Klopfen des Blutes langsam in eisiger Erstarrung betäuben.

Das mystische Ziel der Erleuchtung – nur ein gesteigertes Ego-Spiel

War das jetzt das definitive Ende meiner Reise? Ich versuchte in aller Ruhe, die Botschaft dieses Ereignisses zu dechiffrieren: Es war offenbar reichlich vorschnell, mich geistig in die ewigen Jagdgründe davonstehlen zu wollen. Für einen „Mystiker“, als der ich mich oft verstand, ist seine Lebenslüge besonders schwer zu durchschauen. Er bildet sich ja ein, schon so weit zu sein. Er vermeint, das plumpe Ego-Spiel längst als irdischen Firlefanz durchschaut und hinter sich gelassen zu haben. Die weltlichen Werte gelten ihm praktisch nichts mehr, sind für ihn lediglich Schall und Rauch. Sein Ziel richtet sich auf Höheres, auf die Einheit mit Gott, die zum Greifen nahe scheint.

Welch grausame Illusion, wenn sich dieses Manöver nur als gesteigerte Form des Ego-Spiels herausstellt, das immer noch vom Wollen bestimmt ist. Denn solange du noch ans Ziel willst, und sei es das Ziel der Erleuchtung, hast du die Spielregeln nicht verstanden. Selbst wenn du lebenslang meditierst, fastest und gute Werke tust, willst du gewinnen, willst du dein Ego retten, deine verlorene Seele zurückgewinnen. Der einzige Trost liegt wohl darin, dass die letzten Würfe dieses scheinbar endlosen Spiels nicht mehr von deiner Hand ausgeführt werden. Hier würfelt ein anderer!

Wer so hoch träumt und in rasender Geschwindigkeit bzw. meditativer Ruhe zu den Sternen rast bzw. greift, wird gewöhnlich in einem bestimmten Moment ganz unsanft daran erinnert, dass es nicht seinem Willen unterliegt, dem Schwerefeld der Erde zu entrinnen. Sein Körper zeigt es ihm. Es ist ein bitteres Erwachen: Irgendwann verstaucht er sich böse den Fuß und wird zum Einhalten gezwungen.

Es gibt tausenderlei Formen des Schicksals, die einem zur jeweiligen Selbsterkenntnis geschickt werden. Doch in den meisten Fällen meinen wir, das gehe uns nichts an, käme nur von außen und solle gefälligst auch draußen bleiben. Chronische Pechvögel fragen sich irgendwann: Warum passiert ständig mir das? …Vielleicht ist jede Frage mit „warum“ die falsche Frage, weil sie den Schuldigen meiner Misere stets im Außen sucht.

Nach zwei Stunden Entspannung in den mondänen Gefilden des Viersternehotels von Yuso waren meine Wehwehchen über die Eisbeutel so weit eingefroren, betäubt und sogar etwas abgeschwollen, dass ich meinen Marsch vorsichtig fortsetzen konnte. Heute standen mir bis Santo Domingo de la Calzada, wo sich die nächste Herberge befand, noch circa 30 Kilometer hartes Pflastertreten bevor, eine keineswegs verlockende Aussicht. Besser, vorher gar nicht dran zu denken, was sich eh nicht ändern lässt.

Davor wollte ich noch das weiträumige Renaissancekloster Yuso besuchen, doch es war, wie viele Monumente am Jakobsweg, in voller Renovierung. Der Blick von einer Bauplattform in das von Gerüsten verstellte Kirchenschiff ließ nur erahnen, was für Kunstschätze hier verborgen lagen: In einem Souvenirstand sah ich eine Abbildung des prächtigen Reliquienschreins des San Millán. Sehr expressive, mozarabische bzw. romanische Elfenbeinreliefs zeigen die Wunder des Heiligen und verschiedene biblische Szenen. Daneben birgt das dazugehörende Museum wertvolle alte Handschriften. Doch in meinem physischen Zustand war ich für Kunst in diesem Moment gerade eh nicht so ansprechbar.

Und dann war der dörfliche Schutzpatron auch noch San Juan und heute sein Festtag

Gegen Mittag erreichte ich durch endlose Getreidefelder der flachen Landschaft das Dorf Villar de Torres. Die Glocken läuteten im Sturm. Für diese Signale von und für oben hatte ich heute ein feines Ohr. Im Dorf herrschte Hochstimmung. Alle hatten sich in Schale geworfen, manche sogar in die hübschen regionalen Trachten. Ich näherte mich der „Bar de la Tercera Edad“, der Bar für das dritte Alter, in das ich nach unbeschwerter Jugend und hartem Berufsleben gerade im Begriff war einzutreten. Dort deponierte ich meinen Rucksack und erfuhr, dass San Juan der Schutzpatron von Villar war und heute sein Festtag zelebriert wurde. Was für ein Zufall just zu meinem Namenstag.

Die Tore der Kirche standen schon weit offen zum feierlichen Gottesdienst, der als spiritueller Vorspann neben der anschließenden Prozession sämtlichen dörflichen Fiestas in Spanien vorgeschaltet ist. Der Innenraum war bis auf den letzten Platz besetzt, für mich als abgerissenen Pilger rutschte man ehrfürchtig, manche auch naserümpfend etwas zusammen.

Nach der Messe durften alle eine Reliquie in der Hand des Priesters küssen. Daneben stand gleich eine große Opferschale, in die für die teure Renovierung des wasserdurchlässigen Kirchendaches gespendet werden sollte. Padre Miguel hatte vorher mächtig die Werbetrommel für großzügige Spenden gerührt und konnte mit Argusaugen verfolgen, was seine Schäflein dort an Almosen ablieferten, ob es klingelte oder fast lautlos knisterte. Mit Hosenknöpfen im Klingelbeutel war nichts zu machen, hier wurde mit offenen Karten gespielt. Die Dorfhonoratioren, die im nächsten Gemeinderat vertreten sein wollten, ließen sich nicht lumpen und erhoben ostentativ – gut sichtbar für den Geistlichen wie für das Wählervolk – ihren 50- oder 100-€-Schein, bevor sie ihn salbungsvoll in der Schale ablegten. Jesus hätte wohl gesagt, so ein Opfer sei für die Katz, Gott opfere man mit viel oder mit wenig, doch auf jeden Fall im Verborgenen, aber in Villar war es ja nur für das Dach seines Hauses bestimmt. Für diesen guten Zweck konnte er vielleicht einmal ein Auge zudrücken.

Feurige Jota-Tänze zu Ehren des Heiligen

Nach der Festmesse wurde feierlich die Tragestatue Johannes des Täufers aus der Kirche getragen und machte ihren Rundgang durchs ganze Dorf. Vor zahlreichen Hauseingängen waren kleine Altäre aufgebaut, sie bekamen nach einem „Padre nuestro“ und einem „Ave Maria“ einen besonderen Segen mit dem Weihwasserwedel. Von vielen Balkonen hingen Webteppiche oder Tücher mit Motiven San Juans, wie er seine schützende Hand über das Dorf hielt.

Vor der Statue her tanzte zur Musik von Trommeln, Tröten und Flöten eine Gruppe kleiner Buben und Mädchen in bunten Trachten „jotas“, diese feurigen, zentralspanischen Volkstänze. Der Umzug dauerte eine gute Stunde. Dann strömten alle in die zentrale Dorfbar zum „aperitivo“: opulente Teller mit köstlichen „Tapas“, die von „Gambas“ über Muscheln, Hähnchen in Knoblauchsoße, luftgetrocknetem Serranoschinken bis zur einfachen „Tortilla de patatas“ reichten. Dazu wurde gebechert, was das Zeug hielt.

Doch all das war ja nur Vorspeise bzw. -trank. Aus allen Häusern strömten köstliche Gerüche, denn daheim bereiteten die Frauen bereits sich biegende Platten mit Schweinebraten, Milchlamm und Geflügel vor sowie für die männlichen Spanier möglichst wenig Gemüse und Salat. Fleisch ist für die Männer abseits der Küsten das Wichtigste, alles Weitere an vegetarischen Zutaten gilt als „Weibersache“. In der Bar hielt man mich als Gast selbstverständlich frei. Ich war nach diesen leckeren Vorspeisehäppchen schon pappsatt. Für die anderen ging es danach erst richtig in die Vollen, doch sie mussten ihre Körper ja auch nicht mehr nach Santo Domingo schleppen.

Wer schafft es, als Erster für alle zu zahlen?

In Spanien, verstärkt besonders im noch nicht vom Tourismus eroberten Hinterland, zahlt immer nur einer für den Tisch oder die Runde und jeder will der Erste sein. Dafür muss man oft schnell sein oder sich tückischer Tricks bedienen, indem man beispielsweise einen Toilettengang diskret mit der Begleichung einer Rechnung verbindet. Wenn einer so seinen Freunden listig zuvorgekommen ist, strahlt er vor Glück. Sollte es wirklich wahr sein, was Sigmund Freud sagte?: „Geld macht nicht glücklich, denn es war kein Kinderwunsch.“ In Spanien ist man geneigt, dem zuzustimmen. …Es ist auf jeden Fall ein in Deutschland schwer denkbarer Wettbewerb.

Wenn bei diesem schönen Brauch einer aus monetären Gründen, weil er arm oder arbeitslos ist, nicht mithalten kann, wird er beim Bezahlen der einzelnen Runden, die immer reihum gehen, unbemerkt übergangen. Er darf trotzdem gleichberechtigt dazugehören. Wenn das keine gesunde Sozialphilosophie ist? Die Spanier verstehen zu leben – und arbeiten ganz nebenbei auch noch. Doch Letzteres scheint nicht so wichtig.

Das Stürzen wird immer eleganter

Gegen 15 Uhr zogen sich die Leute langsam zum großen Festmahl in ihre Häuser zurück und ich machte mich erneut auf die Socken. Die zwei Stunden Pause hatte ich wieder zur Eiskühlung meines aufgeschwollenen Fußes verwendet und unterdessen war die schlimmste Mittagshitze vorüber.

Doch der Fuß mit seinen angeschlagenen Bändern entwickelte plötzlich sein vollkommenes Eigenleben. Mir kam es so vor, als hätte ich dort unten ein Kugelgelenk, das bei jeder schrägen Belastung sofort aus der Fassung geriet und sich wegdrehte. Offenbar waren die Bänder wie ausgeleiert. Ich entwickelte langsam eine Routine beim Stürzen und das Abrollen zur Seite auf den schützenden Rucksack wurde immer eleganter und schmerzloser. Bald ein halbes Dutzend Mal lag ich, wie ein hilfloser Käfer mit dem rucksackgepolsterten Rücken nach unten und den Beinen frei nach oben durch die Luft rudernd, im Straßengraben. Ich bin mein Leben lang nicht so oft gestürzt.

Ein lockerer Stein, eine schräge Kante oder ein Schlagloch waren ausreichend, mich beim Auftritt unvermittelt völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das war wohl mehr als eine simple Verstauchung. Ich befürchtete ernsthaft, dass meine Bändern überdehnt oder gar angerissen waren. Das Einzige, was in dieser Situation Schlimmeres verhinderte, war meine Reaktionsschnelligkeit, die über die Angst vor noch heftigeren Schmerzen aufs Äußerste strapaziert wurde.

Endloses Pflastertreten lässt das Ziel in eine qualvolle Ferne rücken

Schatten gab es zwischen diesen endlosen Kornfeldern so gut wie keinen. Die Strecke bis Santo Domingo zog sich ewig hin. Sie war an sich schon lang, doch die Langeweile und Gleichförmigkeit der Straße machte sie fühlbar noch viel länger. Mir fehlte die Abwechslung der Feld- und Waldwege: wo eine Wurzel quer lag, ein Ast eine Beugung erzwang, man durch dichtes Gebüsch streifte und verschiedenste Gerüche wahrnahm. Hier musste kein Bächlein überschritten werden, variierten Wiesen- oder Waldboden nicht mit Kies- oder Steingrund. Immer nur gleichförmiges Pflastertreten, in seiner Eintönigkeit einzig unterbrochen durch meine gelegentlichen Kunststürze. Man genießt nicht mehr den Augenblick und denkt immer stärker nur noch ans Ankommen am Ziel, das darüber jedoch umso mehr in eine endlose, qualvolle Ferne rückt.

Das war hier schon ein deutlicher Vorgeschmack auf die 700 bis 900 m hohe Meseta Altkastiliens. Die ´Große Tischplatte´ überspannt brett´l-eben den ganzen Norden Spaniens von der zentralen Sierra bis hinauf zur jäh aufragenden Kette des Kantabrischen Gebirges, das parallel zum Atlantik bis 2500 Meter aufragt.

Mir taten die Füße weh, der Asphalt pochte hart in die Knie, der Rücken schmerzte und der Rucksack war dabei auch nicht gerade eine Erleichterung. Beim Singen meiner rhythmischen Lieder im Wandertakt blieb mir bald die Zunge am Gaumen kleben. Schließlich keuchte oder hauchte ich sie nur noch vor mich hin, summte sie leise oder sang sie am Ende nur noch lautlos von innen heraus.

Kurz vorm Austrocknen öffnet der Himmel seine Schleusen

Man konnte unterwegs nur so viel trinken, wie Brunnen, Dörfer oder Häuser zum Nachfüllen der Flasche vorhanden waren. Von alle dem gab es wenig und der Durst war groß in dieser Hitze. So war ich froh, dass sich kurz vor Ciruena die drückende Schwüle in einem mächtigen Gewitter entlud. Ich genoss es richtiggehend, wie der plötzliche Gussregen die Klamotten an meine Haut klatschte und ich mit den Lippen fast den Himmel leertrinken konnte. Doch so schnell das Unwetter kam, war es auch schon wieder vorbei. Was war der Himmel geizig mit jedem Tropfen kühlen Nasses!

Ich haderte ernsthaft: Zu was sind solche Heiligen überhaupt gut?

Irgendwann tauchte von Ferne der Turm der mächtigen Kathedrale des Santo Domingo auf. Er war im 11. Jahrhundert ein großer Straßen- und Brückenbauer und hat den südlichen Pilgerweg durch die Rioja über weite Strecken überhaupt erst passierbar gemacht. Ich freute mich viel zu früh, denn in der klaren, durchsichtigen Luft nach dem Regen konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese zum Greifen nahe Turmspitze immer noch 10 km entfernt war.

Doch meine Wunschphantasien, die meine Fata Morgana zu betäuben trachteten, interessierten hier niemanden und es wurde auf dem letzten Stück richtig bitter und von Minute zu Minute beschwerlicher. Ob ich wollte oder nicht, ich musste allmählich zur Kenntnis nehmen, wie langsam ich real dem Ziel näher kam. Jeder Kilometer verlangte, vom Anfang bis zum Ende erst einmal durchlaufen zu werden. Der hl. Jakobus, von dem man sich so nette Wundergeschichten erzählt, wie er todmüde Wanderer auf sein Pferd schwingt und durch die Lüfte nach Santiago trägt, wollte hier partout nicht erscheinen. Kein Bus, kein Autofahrer weit und breit. Dabei wäre ich schon vollkommen zufrieden gewesen, wenn er mich leibhaftig oder auch nur über einen Stellvertreter bloß nach Santo Domingo de la Calzada mitgenommen hätte, und haderte ernsthaft: Zu was sind solche Heiligen überhaupt gut?

Gegen 20 Uhr kroch ich wie auf dem Zahnfleisch durch die hübschen, historischen Gassen dieser traditionsreichen Pilgerstadt. Ich wollte nur bald ein Dach über dem Kopf und fand im alten Zisterzienserinnenkloster an der Hauptstraße Unterschlupf. Noch schnell ein kleiner Einkauf für die Vesper, eine warme Dusche, Massieren und Eincremen der Füße als Blasenprophylaxe – eine Art zweite Haut -, eine Salbe gegen Entzündungen und Schwellungen, Abendessen, Wäschewaschen und um 22 h todmüde ab in die Heia.

Keinen Nerv mehr für wundersames Federvieh in der Kathedrale

Ich hatte noch nicht einmal das Bedürfnis, das wunderträchtige Federvieh in seinem goldenen Hühnerkäfig im Inneren der Hochkirche zu sehen und zu hören, das ich von vorherigen Besuchen schon kannte und somit meinte, mir sparen zu können.

Nach der mittelalterlichen Legende nächtigte eine deutsche Familie – Vater, Mutter und ihr Sohn Hugonell – in Santo Domingo. Die junge Bedienung der Herberge hatte ein ebenso sehnsüchtiges wie scharfes Auge auf den feschen Jüngling geworfen und es ganz offensichtlich auf eine One-Night-Stand abgesehen. Doch diese Liebe auf den ersten Blick wurde von ihm nicht erwidert. Durch diese Verschmähung tief in ihrem spanischen Stolz getroffen, sann die Wirtstochter auf bittere Rache. Sie schmuggelte dem ahnungslosen Jungwanderer einen silbernen Becher in den Reisesack. Nach dem Aufbruch der deutschen Familie am nächsten Morgen meldete sie den vermeintlichen Diebstahl der Reitertruppe, die für den Schutz der Pilger zuständig war. Diese sprengten umgehend den Übeltätern nach, fanden zum Entsetzen der Fremden den ´casus delicti´ im Beutelsack des Jünglings und der eilends herbeigerufene Stadtrichter ließ den Burschen sofort aufhängen.

Tief betrübt setzten die Eltern ihre Pilgerschaft nach Santiago fort. Bei ihrer Rückkehr passierten sie erneut Santo Domingo de la Calzada und waren baff erstaunt, als sie am Richtplatz von ihrem dort zur Abschreckung immer noch hängenden Sohn die tröstenden Worte vernahmen: „Liebe Eltern, grämt euch nicht. Ich bin gar nicht tot. Santiago (in anderer Version Santo Domingo) hat mich die ganze Zeit ernährt und auf seinen Schultern gehalten.“

Sie hasteten eilends zum Richter, der gerade bei einem Festschmaus saß und nicht belästigt werden wollte. Doch die Eltern ließen sich nicht abwimmeln, ihm ihr unglaubliches Erlebnis zu berichten. Darauf entgegnete er knurrig: „Eure Geschichte kann so wenig wahr sein, wie diese Brathühner auf meinem Teller wieder lebendig werden.“ Noch während dieser Worte erhob sich das tote Federvieh flatternd vom Tisch, um der Wahrheit dieser wundersamen Errettung vom Tode Nachdruck zu verleihen. Statt des unschuldigen Jünglings knüpfte man nun umgehend die verleumderische Maid am Galgen auf.

Gesetz ist nun einmal Gesetz und es kam im Mittelalter auch faktisch oft in dieser grausamen Härte zur Anwendung. Da fackelte man nicht lange. Die Richter des Ortes trugen als mahnende Erinnerung an diesen fatalen Justizirrtum noch geraume Zeit einen Strick um den Hals, den man später durch ein komfortableres Band ersetzte.

Ein so überzeugendes Mirakel, dass es sich gleich an drei Orten in gleicher Form ereignete

Dieses Wunder war so beliebt unter den mittelalterlichen Pilgern und wurde so begeistert geglaubt, dass eine Hühnerfeder aus Santo Domingo als Mitbringsel im Rang fast der Jakobsmuschel aus Santiago gleichkam. Der Hühnerkäfig mit weißem Hahn und Henne stand damals noch hinter dem Altar, also für jeden erreichbar, inzwischen hängt er unerreichbar in drei Meter Höhe. Wegen dieser chronischen Rupferei musste das Federvieh alle zwei bis drei Wochen ausgewechselt werden. Dieses Mirakel war zugleich so überzeugend als Publikumsmagnet, dass man es gleich an drei Orten in fast derselben Fassung erzählte.

Neben Santo Domingo beanspruchten das französische Toulouse und das portugiesische Barcelos ein ganz ähnliches Hühnerwunder für sich. War der Wundertäter Santiago so großzügig und hat es bei dieser überwältigenden Nachfrage gleich dreimal an verschiedenen Schauplätzen zelebriert?

Der krähende Hahn in der Messe- für Pilger Garant für unbeschadetes Ankommen in Santiago

Nach heutigem Glauben vieler Pilger garantiert das Hahnkrähen während der Messe in der Kirche Schutz für die weitere Reise und ein unbeschadetes Ankommen in Santiago de Compostela. Wenn man das Wunder auch selten wörtlich nimmt, kann man hingegen an schützendem Segen unterwegs gar nicht genug kriegen. Schaden tut er sicher nicht, und wenn er wirkt, umso besser! Den hatte auch ich eigentlich bitter nötig, doch an diesem Abend überwog schlicht die Müdigkeit und die Bequemlichkeit. Trotz aller verständlichen Vorwände und persönlicher Rechtfertigungen, für die man stets Gründe findet, hätte ich mir den Kikeriki-Segen vielleicht doch holen sollen. Er war in nur 300 Meter Entfernung von der Herberge in der Kathedrale beinahe sicher zu haben. Aber Wochen später ist man immer schlauer, oder wie der Volksmund sagt: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“

Manche Messen werden sogar bis zu zehnmal zum andächtigen Lauschen des Krähens für lange Sekunden unterbrochen. Einige Priester scheinen fast über geheime Fähigkeiten oder coole Tricks zu verfügen, dem Federvieh in beliebigen und genau passenden Augenblicken seine schrägen Töne zu entlocken. Das morgendliche Kikeriki ist ja immer zugleich auch ein Weckruf, endlich aufzuwachen und sich ans Tagwerk zu machen. In der Kirche steht da halt mehr spirituelle Arbeit an: Beten, Buße zu tun und umzukehren. Wer wollte beim Hahnenschrei nicht an die dreifache Verleugnung Jesu durch Petrus denken? Auch er bekam danach noch die Chance, zum „Fels“ zu werden, auf dem die Christenkirche aufgebaut werden konnte, sicher mit all ihren Ecken und Kanten. Doch wäre die Geschichte ohne sie menschlicher verlaufen? Schwer zu glauben.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 24 – Ein Reisebericht

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Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
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