Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Eifersucht am Pilgerrand, eine unerwartete Geldspritze, Exkurs über die Tempelritter,
die unschuldige Erotik eines 16-jährigen Geburtstagskindes und fit mit 94…

02. Juli
Frómista – Freicamp in Santa Maria de Benivívere (31 km)

Inzwischen war ich allmorgendlich geradezu süchtig danach geworden, die letzten Seiten des Büchleins von Waltraud Herbstrith in meinen Frühmeditationen zu verschlingen.

Mein ganzes Leben lang hast du mich in deinen Händen getragen

Heute traf ich in meiner Seitenlotterie auf folgenden Text, der mich auch sehr an meine bisherigen Lebens- und derzeitigen Pilgererfahrungen erinnerte: „Mein ganzes Leben lang hast du mich in deinen Händen getragen. Durch die Nacht, durch die Wüste, durch fruchtbares Land. Wollte ich auf eigenen Füßen gehen, blieb ich stehen oder fiel zu Boden. Da habe ich mich schnell aufgemacht, mich wieder von dir tragen zu lassen.“

Das entsprach so ganz meinem oft kindlich-naiven Gottvertrauen. Das führte mich nicht selten so weit, Ihm bereitwillig und bewusst die gemeinhin so geschätzte, individuelle Freiheit zurückzugeben und mich blind Seinem Willen anzuvertrauen. Das fand dann in so überspitzten Formulierungen Ausdruck: „Freiheit ist die Freiheit zu irren.“

Dann kippte es wieder ins andere Extrem und ich glaubte, in dieser Haltung nur ein Sichdrücken vor der Verantwortung für das eigene Dasein erkennen zu müssen, eine billige Entschuldigung für meine ständige Entscheidungsschwäche.

Solche Achterbahnfahrten, die ich auf dem Rummelplatz eigentlich gar nicht liebe, waren mir in meinem Leben zum Alltag geworden.

Von Frómista aus folgte der Pilgerweg direkt parallel zur Landstraße nach Población de Campos. Kurz vorher passierten wir die Ermita de San Miguel. Zu diesen ortsnahen Einsiedeleien machen viele Alte ihren „Paseo“, ihren rituellen Abendspaziergang.

Socco war heute wesentlich besser drauf. Die Ärztin hatte es bei ihr wahrhaftig geschafft, sie durch kalte Kräuterwickel sowie die richtige Auswahl der besten, entzündungshemmenden Creme und eine dicke Bandage weitgehend schmerzfrei hinzukriegen.

Wer nicht durch die Hölle will, soll daheim bleiben

Die Route streifte durch Felder abseits der lästigen Straße in 1 1/2 Stunden bis Villavieco. Ab da hat sich die autonome Regierung Kastiliens in unübertrefflicher Effizienz und Phantasielosigkeit entschlossen, für die Pilger in drei Meter Entfernung zur vielbefahrenen Nationalstraße kilometerlang schnurgeradeaus einen Sandweg anzulegen, mit Bänkchen und schattigen Rastplätzen alle paar hundert Meter. Puristische Altpilger haben gegen dieses „Pilgern light“ jahrelang heftig protestiert und nehmen bis heute nach wie vor demonstrativ den Weg über die vor Hitze dampfende und verkehrsreiche Asphaltstraße, wo ursprünglich der alte Camino entlangführte. Das ist für sie der initiatorische Weg durch die Hölle, nach der man die folgende Seligkeit ganz anders zu schätzen weiß. „Wer da nicht durch will, soll zuhause bleiben! Basta!“

Charmante Italiener spannen mir ´meine´ Barca-Frau aus

Findige Geschäftemacher mit einem Riecher für den Geschmack des breiten Publikums hatten in einem kleinen Pappelhain einige Tische und Stühle aufgestellt und einen Getränkekiosk eröffnet. Daran ging so gut wie keiner vorbei. Wir trafen auf eine Gruppe italienischer Pilger aus Rom, mit denen Socco sofort ihre noch jungen, angenehmen Erinnerungen an die Ewige Stadt auffrischte. Sie hatten auch einen wesentlich langsameren Gehrhythmus als ich, was ihr sehr entgegen kam und ihr noch genug Zeit und Atem zum munteren Plaudern ließ. Ich beneidete die Römer etwas um ihre charmante Art des leichten, stundenlangen Smalltalks mit „meiner“ Barca-Frau, die selig war, mal wieder „Italiano“ zu praktizieren.

Socco konnte nicht nur gut mit alten Frauen umgehen, sondern mindestens ebenso gekonnt mit jungen Männern parlieren. So ging ich alter, weißbehaarter Schädel – fast hätte ich gesagt: leicht beleidigt – bald allein meines Weges nach dem Motto: „Der Mohr hat seine Pflicht getan. Der Mohr kann gehen“ Sie war auch im weiteren zu mir sehr freundlich, aber eben nicht nur zu mir – wie doof, diese subtile Eifersucht ohne jede rationale Grundlage! Ich ärgerte mich über mich selber. Die Römer hatten neben Charme und Alter schlicht Standortvorteile und konnten sie an jeder Ecke an angenehm Vertrautes erinnern. Berlin bot für ihre Erfahrung nichts dergleichen.

Die Weiße Jungfrau der Templer in Form der wohltätigen AngelikaNuestra Senora de la Virgen Blanca aus dem 12. Jahrhundert

Am Ortsausgang von Villavieco überquerte der Weg eine Brücke und führte nach rechts, dem Bach folgend, in kurzer Zeit nach Villarmentero de Campos. Von dort ging es dann ewig öde parallel zur Straße in einer guten Stunde nach Villalcázar de Sirga, was so viel wie Festungsstadt am Treidelweg heißt. Im Zentrum dieses verlassen wirkenden, mittelalterlich anmutenden Städtchens erhob sich wuchtig die Kirche Nuestra Senora de la Virgen Blanca aus dem 12. Jahrhundert. Die Weiße Jungfrau hatte lange Zeit einen guten Ruf als Wunderheilerin. Die mächtige Kirche mit ihren imposanten, gotischen Strebepfeilern und Gewölben geht auf die Tempelritter zurück, die diese Gegend jahrhundertelang beherrschten. Einmalig ist das rechtwinklig über Eck angelegte Eingangsportal und von hoher Steinmetzkunst zeugt die lange, inzwischen etwas abgewetzte Figurengalerie darüber. Eine Kostbarkeit sind die farbigen, gotischen Grabfiguren Don Felipes, des Bruders und bitteren Rivalen Kg. Alfons X. des Weisen und Philipps Frau Eleonor Ruiz de Castro.

Als ich auf dem Dorfplatz gerade von meinen vorletzten Kröten durstig eine Cola schlürfte, kam plötzlich Angelika des Weges. So sah und traf man sich immer wieder. Irgendwie musste sie ein Gespür für meine prekäre, finanzielle Lage gehabt haben, die sich die nächsten zwei Tage bis zum Empfang meiner Sparkassenkarte in Sahagún nicht zu entspannen versprach. Ich kann mich an keine direkte Andeutung meinerseits erinnern, doch plötzlich steckte sie mir zwanzig Euro zu:Villalcázar de Sirga- Kirchenportale über Eck

„Ich war auch schon öfter in Not. Ich weiß, wie das ist.“ Ich war hin und weg und mein knurrender Magen freute sich seit Tagen mal wieder auf eine warme Mahlzeit. Während sie auf meine Empfehlung hin die Kirche besichtigte, verfasste ich für meine Lübecker „Hagelstange“ ein kurzes Gedicht über die Seligkeit von Geben und Nehmen, um mich mangels anderweitiger materieller Güter wenigstens poetisch etwas erkenntlich zu zeigen. Ich durfte sogar noch etwas drauflegen, denn Angelika fragte mich voller, unersättlicher Neugier, was es mit den Tempelrittern, denen man hier ständig begegnete, denn eigentlich auf sich hätte: Da konnte ich als studierter Historiker und Liebhaber von Geheimniskrämereien und Verschwörungstheorien endlich ungehindert einen meiner geliebten, geschichtlichen, pseudowissenschaftlichen Exkurse loswerden, ohne mir dabei unangenehm lehrhaft vorkommen zu müssen.

Das Mysterium der Tempelritter

„Wenn ich mich exakt erinnere, wurde der „Orden der armen Ritter Christi“ von neun Anhängern des Ritters Hugo de Payens 1119 in Jerusalem in der ersten Kreuzzugzeit gegründet, nachdem ganz Europa von diesem Fieber erfasst worden war. Das Heilige Land war zu Ende des 11. Jahrhunderts gerade von französischen Ritterheeren aus Seldschukenhand zurückerobert worden. Die Satzung für die Tempelritter verfasste der mächtigste Geist dieser Zeit, der Zisterzienserabt Berhard von Clairveaux: Frommer Lebenswandel in Armut, Keuschheit und Gehorsam verbunden mit dem Dienst an Armen, Kranken und Pilgern und deren Schutz gegen die Ungläubigen war ihr höchstes Gebot. Es war ein Orden, der nur dem Papst Rechenschaft schuldig war und europaweit in den einzelnen Ländern bald zu einer Art Staat im Staate avancierte.

Zentrum seiner europäischen Aktivitäten war Frankreich und hier die Metropole Paris. Durch unzählige Schenkungen von Ländereien, Waren und Geldern erlangte der Orden binnen kurzem unermesslichen Reichtum und entwickelte sich zum ersten Finanzmagnaten der Geschichte, der den Geldverkehr Europas weitgehend kontrollierte. Die Templer verfügten daneben über ein 15000 Mann starkes, schlagkräftiges Heer und besaßen eine eigene Flotte.

Die Tempelritter umgibt bis in unsere Tage ein undurchdringliches Mysterium. Sie durften über die inneren Initiationsrituale bei Strafe des Todes nichts ausplaudern. Alles, was wir heute wissen, stammt aus den unter Folter erpressten Geständnissen in den Verhörprotokollen der Gerichtsakten des Pariser Schauprozesses, der in der Zeit zwischen 1307 und 1314 den Orden liquidieren sollte. Als er nach dem Verlust des Heiligen Landes 1291 nach Frankreich übersiedeln musste, war der Konflikt mit dem ehrgeizigen König Philipp IV. vorprogrammiert. Denn der von Steuern befreite Orden diente dem französischen Adel als eine Art Geldwaschanlage, was dem königlichen Fiskus wichtige Einnahmen kostete. Mit Hilfe falscher Zeugen beschuldigte Philipp die Tempelherren der Ketzerei – Götzen- und Teufelsanbetung, Sodomie, Gotteslästerung etc. – und der willensschwache Papst Clemens V. gab sich dazu her, den verdienstvollen Orden 1312 aufzulösen. Die Güter wurden eiligst konfisziert und der Führungskern des Ordens, allen voran sein Chef Jacques de Molay 1314 in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Kurz vor seinem Tod widerrief der letzte Großmeister all seine Geständnisse, die sämtlich unter Folter erpresst worden seien. Zugleich verdammte er Philipp IV. und Clemens V., ´die in Kürze gemeinsam mit ihm vor dem himmlischen Richtstuhl sitzen werden.´

Spätestens hier setzt die Mythisierung des Ordens ein. Als ob ein höheres Gericht dabei Regie geführt hätte, starben Papst und König noch im selben Jahr auf unerwartete Weise. In Aragón und Kastilien übertrugen die Könige den Besitz der Tempelritter auf andere Orden, in Portugal wurde als sein geläuterter Nachfolger der Christusritterorden aus der Taufe gehoben, der ihre Tradition geradlinig fortführte.

Historische Spekulation über unterirdische Wärmeströme der Geschichte

Bei den königlichen Razzien Philipps IV. wurden 1307 nur etwa 500 Templer in einer Nacht- und Nebelaktion verhaftet, und es stellt sich die Frage: Was geschah mit dem großen Rest und wo verblieb die mächtige Flotte und besonders der vermutete, sagenhaft riesige Templerschatz? Ab jetzt hat mangels wissenschaftlicher Forschungsergebnisse die das Wort:

1307 war die Templerflotte just am Tag der Verhaftungswelle Kg. Philipps IV. mit unbekanntem Ziel aus dem Hafen La Rochelle ausgelaufen. Hatten die Templer vorher geheime Hinweise erhalten und konnten den sagenhaften Schatz auf dem Seeweg in Sicherheit bringen? Nur wohin? Philipp IV., der, stets klamm in der Staatskasse, geldgierig nach dem Schatz und machtbewusst nach der Flotte der Templer geschielt hatte, hatte jedenfalls zu seinem Leidwesen beides nicht bekommen.

Wenig später kämpfte der schottische König James the Bruce verzweifelt gegen den Zugriff der englischen Krone und es sollen in seinen Heeren Scharen weißgewandeter, kampferprobter Ritter mitgestritten haben. Bald bildete sich hier der konspirative Georgsorden, der Jahrhunderte darauf die Keimzelle der schottischen Freimaurerloge werden sollte. Unbeweisbare historische Linien, doch möglich ist alles.

Anfang des 14. Jahrhunderts hatte sich die Eidgenossenschaft aus den Fängen der Habsburgerherrschaft herausgelöst. Und die Chronisten wollen wissen, dass auch hier weiße Ritter mit tatkräftiger Hilfe beteiligt waren und die Habsburger von der überlegenen Ausrüstung und Kampftechnik der vermeintlichen „Bauernheere“ völlig überrumpelt wurden. Das rote Kreuz auf weißem Grund der Schweizer Nationalflagge hat in Form und Farbe deutliche Ähnlichkeiten mit einem demodulierten Tatzenkreuz der früheren Ritter. Und das Bankgeheimnis ist bis in unsere Tage im Alpenstaat sakrosankt, wie schon bei den Templern. Sollte der hier in Sicherheit gebrachte Templerschatz die geheime Grundlage des späteren Schweizer Finanzkapitals sein? Welch abenteuerliche Spekulation!

Die Spuren nach Aragón sind noch schwerer zu verfolgen. Hier hatte Jahrzehnte vorher bereits König Jaime II. sein ganzes Reich dem Templerorden vermacht, doch dieses Testament wurde nach seinem Tod von der Ständeversammlung nicht anerkannt. Aber Barcelona erlebte in den folgenden zwei Jahrhunderten einen fulminanten Aufschwung als führende Seemacht im westlichen Mittelmeer und seine Handelsoligarchie spielt in Spanien seither bis in unsere Tage eine dirigierende Rolle.

Der portugiesische Christusritterorden öffnet den Seeweg nach Indien

Am deutlichsten ist das Erbe in Portugal nachvollziehbar. Der Nachfolgeorden der Christusritter hatte ebenso schon wie die Templer seinen Kristallisationspunkt in der Ordensburg von Tomar. Auf seine Initiative wurde unter dem Sohn Kg. Joaos I., Heinrich dem Seefahrer, das nautische Zentrum in Sagres an der Algarve gegründet, das seit Mitte des 14. Jahrhunderts für die Revolutionierung des Schiffbaus sorgte und wo die Karawelle entwickelt wurde, die auch gegen den Wind segeln konnte. Mit ihr wurde systematisch 150 Jahre lang die Öffnung des Seeweges nach Indien mittels zahlreicher afrikanischer Handelsstationen vorangetrieben, bis Vasco da Gama 1498 schließlich sein Ziel erreichte.

Auch der aus dem Judentum konvertierte Christ Kolumbus fuhr noch unter den Segeln des Tatzenkreuzes und war auf der Suche nach dem mysteriösen, offenbar von den Templern in Umlauf gesetzten ´Reich des Priesterkönigs Johannes´ fern im Osten. Sein Auslauf erfolgte am gleichen Tag, als das Edikt der Judenvertreibung in Spanien in Kraft trat. Er hatte keinen christlichen Priester oder Missionar, aber zahlreiche jüdische Übersetzer dabei. Setzte man schon damals die ´Segel der Hoffnung´ auf der Suche nach einem neuen ´Gelobten Land´ für die Hebräer, nachdem das spanische „Sefarad“ nach einer 1000-jährigen Blütezeit für sie zum Feindesland geworden war? Amerika sollte in den nächsten Jahrhunderten in diesen Ruf des Rettungsankers geraten für unzählige, heterodoxe Bewegungen, allen voran den Juden, die sich hier eine solide Basis aufbauen konnten. Ihr Weg führte zunächst nach Portugal, von dort nach Amsterdam in die freien Niederlande, von wo aus die Pflanzstadt Neu-Amsterdam gegründet wurde, das heutige New York mit der bis heute weltweit größten, jüdischen Diaspora.

Nach dieser langen Rede, die ich als Reiseleiter oft genug eingeübt hatte, wurde mir der Mund wässrig nach etwas zu Beißendem und ich ließ mir im benachbarten, historisch stilvollen Restaurant für neun Euro ein komplettes Pilgermenü servieren. Es war nicht gerade von hoher Klasse, etwas lieblos gekocht, aber wenigstens hatte ich etwas Warmes im Magen. Mit dem obligatorischen Café sólo zum Abschluss war schon wieder die Hälfte meiner neuen Geldreserve verbraucht, aber so ein „Ausrutscher“ musste mal wieder sein.

Reiche Versorgung mit Brot, Wein und Fleisch im Überfluss – für die, die es sich leisten konntenSancho Pansa als Jakobspilger? Wo ist sein Esel?

In schier endloser Langeweile und Eintönigkeit brachte mich der Sandweg parallel zur Straße in 1 ½ Stunden nach Carrión de los Condes. Vom ehemaligen Glanz der Hauptstadt der Tierra de Campos ist nicht allzu viel übrig geblieben. In diesem Grafensitz wurden im Mittelalter Konzile, Hofversammlungen und Gerichtstermine abgehalten.

Aymeric Picaud lobt in seinem Pilgerführer „die reiche Versorgung mit Brot, Wein und Fleisch im Überfluss“für die, die es sich leisten konnten, dachte ich mir im Stillen. Noch im 15. Jahrhundert gab es hier 14 Pilgerhospitäler.

Zwei Söhne des Grafen (= Conde) Gomez fanden im Epos „Cantar del Mio Cid“ eine unrühmliche Erwähnung, als sie als Zeichen der Versöhnung mit zwei Töchtern des Nationalhelden verheiratet wurden. Nachdem sie ihnen die ganze Mitgift geraubt und sie von ihnen schmählich verstoßen worden waren und gar ein missglückter Mordanschlag auf sie versucht wurde, machte El Cid mit den feigen Prinzen im Zweikampf kurzen Prozess. Die Töchter wurden daraufhin ehrenvoll mit den Thronfolgern von Barcelona und Navarra verehelicht.

Kirche Santa Maria del Camino aus dem 12. JahrhundertIm Ortszentrum Carrións befindet sich die Kirche Santa Maria del Camino aus dem 12. Jahrhundert, auf deren Südportal das Mirakel der Rettung von vier Jungfrauen durch zwei wilde Stiere festgehalten ist, die als Tribut für die Araber bestimmt waren und diese bei der Übergabe in die Flucht schlugen. In ihrem Inneren steht neben Puente la Reina das zweite Y-förmige Kreuz rheinischer Künstler. An der Plaza del Generalisimo – auch 40 Jahre nach dem Tod des Diktators Franco noch nicht umbenannt – traf ich auf die Santiago-Kirche aus dem 12. Jahrhundert mit ihrem bestechenden, romanischen Figurenfries.

Doch die hervorragendste Sehenswürdigkeit des Städtchens ist am Ortsausgang das Kgl. Kloster San Zoilo aus dem 9. Jahrhundert. Es birgt einen stimmungsvollen Kreuzgang aus dem 16. Jahrhundert im eigens spanischen Plateresco-Stil, der sich dem Namen nach von plata = Silber ableitet und sich auf die reliefartigen Steinmetzarbeiten gleich den Silberschmieden bezieht. Heute ist hier ein Hotel untergebracht.Carrión de los Condes- über romanischem Würfelfries Christus als Weltenrichter

Nachdem ich mein restliches Geld weitgehend für eine gründliche Verproviantierung mit Brot, Wurst und Obst ausgegeben hatte, ging es auf einer wenig befahrenen Asphaltstraße weiter. Zwei Jugendliche schoben einen defekten Supermarktwagen mit mehreren Bierkästen und Weinvorräten ebenfalls in meine Richtung. Alle 100 Meter löste sich das eiernde Rad und das kostbare Nass machte eine Bruchlandung, allerdings ohne, dass irgendetwas zerbrach, doch das konnte das feierlustige, junge Volk nicht frustrieren: Rad wieder an, Kästen auf die Ladefläche und weiter. Ich hatte sie bald abgehängt und legte mich nach einer halben Stunde abseits in einen Pappelhain zu einer kleinen Siesta.

Elena erhält aus meiner Feder ihr schönstes Geburtstagsgeschenk

Gut 30 Minuten später kamen sie, nun doch ziemlich abgekämpft, daher und brachten das kostbare Gut direkt mir gegenüber in ein Landhaus, wo offensichtlich eine große Party steigen sollte.

Ich erfuhr, dass Elena heute ihren 16. Geburtstag feierte und all ihre Freunde und Freundinnen zu einer langen Nacht auf diese Finca geladen hatte. Als man auch mir großzügig Pappbecher mit Sangria und Wein anreichte, revanchierte ich mich mit einem Poem, in dem ich der rassigen Schönheit der „Cumpleanera“, des Geburtstagskindes, in höchsten Tönen huldigte. Zum Abschluss prophezeite ich ihr, dass sie, wenn die Zeit reif sei, bestimmt den Richtigen fürs Leben finden wird. Elena, die durch das ständige Glückwunschprosit auf Ex schon leicht angeschickert wirkte, war so hingerissen von diesem Gedicht, dass sie sich vor Rührung in Tränen auflöste und ihren Kumpels vorhielt:

„Noch nie hat mir einer von euch ein Gedicht geschrieben. Das ist das schönste Geschenk, das ich heute erhalten habe, und werde es immer ehrenvoll unter meinem Busen tragen, bis sich sein Versprechen erfüllt.“ Ich hoffte, ich hatte ihr nicht zu viel versprochen, dass sie nicht noch ewig mit diesem Zettel in ihrem drall gefüllten BH herumlaufen musste.

Sie wollte anschließend unbedingt ein Foto mit ihrem „poeta“, wozu sie sich wohlig an meine Brust kuschelte. Es blieb mit dieser anschmiegsamen Schmusekatze bei überschwänglichen Danksagungen und zarten, nicht enden wollenden Abschiedsküsschen, die in Spanien nichts Anrüchiges hatten, auch wenn sie gelegentlich – wie hier – der unterschwelligen Erotik nicht entbehrten. Mein Gott, wie leicht waren diese unschuldigen Teenies beeindruckbar, ich hatte fast etwas ein schlechtes Gewissen!

Mit 94 Jahren noch täglich sechs Kilometer Walken... verlassenes Kloster Benivivere- hier hat sichs mal „gut gelebt"

Fünf Kilometer weiter lag zur Rechten der Landstraße die verfallene Abtei Santa Maria de Benivívere, wo man dem Namen nach „gut leben“ konnte. Sich den einstigen Reichtum des 1169 gegründeten Franziskanerklosters vorzustellen, bedurfte reichlicher Phantasie: Die Hallen waren verwaist und mit Spinnweben verklebt, die verblichenen Holztüren knarzten in ihren Angeln, innen war es muffig feucht vor Wandschimmel und der Kreuzgang war zu einer Schutthalde umfunktioniert worden. Myrtenhecken ließen noch den Gedanken an ehemals gepflegte Gartenanlagen aufkommen, dazwischen lagen wertvolle Stelen und feinziselierte Kapitelle als Bruchstücke herum und warteten darauf, von irgendeinem Kunsträuber abgeholt zu werden.

An der Außenwand waren mehrere, halbmeterhohe Steinstümpfe aufgereiht, die sich hervorragend als Sitzplätze eigneten. Und es dauerte nicht lange, da kam in Form dreier alter Männer auch schon das passende Publikum vorbei, um mich in einen regen Plausch zu verwickeln. Benivívere- In welchem Pilgerrucksack ist für so schöne Trümmer noch Platz?

Der Älteste von ihnen hieß Enrique und war 94 Jahre alt. Er war spindeldürr, aber noch gut bei Fuß, denn, um in Form zu bleiben, legte er täglich bei jedem Wetter die 3 km von seinem Dorf hierher zurück. Nach einer Rast ging es dann wieder heim. Seiner äußeren Erscheinung nach könnte er leicht als 75jähriger durchgehen, lediglich das faltige, wettergegerbte Gesicht zeichnete alle Facetten von Lebenserfahrung dieses kerngesunden, steinalten Menschenschlages nach.

Ich war immer noch ziemlich vom ausgiebig genossenen Geburtstagwein geschwängert und hatte nach meinem Dafürhalten mit 31 Kilometer heute mein Pensum reichlich erfüllt. So beschloss ich, hier mein Lager unter freiem Himmel aufzuschlagen. Selbst die Sterne meinten es gut mit mir und schickten mir zum Gruß immer wieder langschweifige Schnuppen herunter.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 32 – Ein Reisebericht

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Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt