Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Wie Fran zwei Wochen als Pilger ohne Geld durchkam, der wildschöne Camino de San Salvador,
zum ´Knecht in Santiago´ nur über den ´Herrn in Oviedo´…

09. Juli
León – La Robla (27 Kilometer)

Ich war gestern noch bis in die Nacht hinein mit meinem wiedergefundenen Freund Fran durch die Bars von León gezogen und hatte mir dabei die jüngsten Erlebnisse seiner Pilgerschaft seit unserer Trennung in Viana am 21. Juni erzählen lassen. Zunächst bestürmte ich ihn mit Fragen: „Was ist denn passiert? Hat es in Viana mit der Arbeit bei der Gemeinde nicht geklappt?“

Es war Fran nicht sehr angenehm, darüber zu reden. Er wollte nicht schon wieder ein Scheitern aufs Brot geschmiert bekommen, doch schließlich rückte er heraus:
„Ich bin vier Tage in Viana geblieben, doch nach zwei Tagen gab es schon massive Probleme. Der Herbergsvater meinte, ich dürfe keine weitere Nacht im Albergue bleiben, das sei ihm behördlicherseits verboten. Dann saß ich erst mal auf der Straße, ging zur Guardia Civil und ließ mich von ihr als Obdachloser vorübergehend unterbringen und verköstigen. Daneben war die Arbeit auch viel zu schwer für mich, ich bin ja ziemlich kreuzgeschädigt und kann nicht mehr so gut und viel heben, was hier täglich verlangt wurde und mir so manchen abfälligen Kommentar einbrachte. Schließlich machte auch die Polizei Druck und so beschaffte ich mir ein ärztliches Attest, um mich legal von der Arbeit befreien zu lassen. Doch was sollte ich jetzt noch hier? So ließ ich mir die paar Euro Lohn auszahlen und machte mich wieder auf Wanderschaft.“

In der Not lernst du die Menschen kennen

Ich meinte: „Dein erster Versuch, ins Leben zurückzuspringen, ist somit zunächst geplatzt. Jetzt kannst Du Dich provisorisch wieder bei mir unterstellen, doch du weißt, dass ich alles andere als im Geld schwimme. Wir müssen die Knete mit gemeinsamer Anstrengung und Anspruchslosigkeit zusammenhalten. Wie bist Du denn überhaupt die ganze Zeit durchgekommen mit so wenig und in den letzten zwei Wochen erneut gar keinem Geld mehr? Die Pilger haben dich doch sicher durchgetragen.“

Fran verzog etwas die Schnute: „Glaub das nicht. In der Not lernst du die Menschen kennen. Solche Pilger wie du mit so einer selbstverständlichen Gastfreundschaft, die teilen, was sie haben, und einem das nie unter die Nase reiben oder abfällig spüren lassen, laufen nur wenige herum. Die meisten halten geizig das Ihre zusammen. Dass Geben und dazu meine Präsenz, oft gewürzt mit Gedichten, auch als Bereicherung erlebt werden können, schien ihnen fremd zu sein. Manche laden dich spontan ein zu ihrem selbstgekochten Abendessen, doch das ist eher selten. Es ist so, als ob du, je bedürftiger du bist – trotz allem Lächeln und gespielter guter Laune – einen Geruch von Schnorrer oder ´Assi´ verbreitest und alle schauen dann angestrengt weg, um ihre mangelnde Hilfsbereitschaft nicht vor Augen geführt zu bekommen. Du triffst ja auf dem Weg auch stets erneut die gleichen Leute und da bist du schnell in einer Schublade. Der Einzige, der mich nie verlassen hat, ist mein Gott. Ich schmetterte immer wieder meine Loblieder auf ihn und seine Allmacht und Eminenz. Und er reichte mir stets, wenn ich alle Erwartungen hatte fahren lassen, unverhofft seine gnädige Hand.

Gott gibt eher Almosen

Ich strahlte ihn an: „Dann war das ja wenigstens eine sehr intensive Gotteserfahrung für dich. Du durftest quasi täglich aus seiner Hand essen und musstest dich fast jesuanisch nicht um den morgigen Tag sorgen.“

Fran verzog etwas die Mundwinkel: „Das wäre etwas zu sozialromantisch gesehen. Und zu einem bedingungslosen Vertrauen, wie das Christus in seinen himmlischen Vater hatte, fehlten mir noch Lichtjahre. Und ob du das willst oder nicht: Armut wird in unserer materialistischen Welt immer als Demütigung erlebt. Gott gibt eher Almosen, wenn du meinst, es geht gar nicht mehr weiter. Ich habe mitunter offen seine Stellvertreter auf Erden angesprochen und ein Pater hat mir sogar einmal 15 Euro in die Hand gedrückt.“

Hinter León - berauschende einsame LandschaftenIch bin ohne Geld auf einer Pilgerschaft des Glaubens und warte auf Seine Zeichen, um ein neues Leben zu beginnen

Ich fragte neugierig: „Wie machst du das bloß? Näherst du dich ihm im Beichtstuhl oder nach der Messe?“
Fran
schaute mir geradlinig in die Augen: „Ich sage offen, was Sache ist: Ich bin ohne jeglichen materiellen Ballast auf einer ´Pilgerschaft des Glaubens´ und warte auf sein Zeichen, um ein neues Leben unter seinem Namen zu beginnen. So ein Gottvertrauen erleben die meisten Priester in ihren Gemeinden ja schon lange nicht mehr und so sind sie oft ziemlich überwältigt und zücken daraufhin eher schüchtern als freudig ihre Geldbörsen. Ein anderes Mal setzte ich mich, nachdem ich schon zwei Tage gehungert hatte, recht verzweifelt nach der Messe vor die Kirche und entrollte meinen Pilgerausweis mit meinen ganzen Stempeln drin. Ich bat die Leute lautstark darum, mich bei der Fortsetzung meiner Pilgerfahrt zu unterstützen. In Santiago würde ich auch für sie beten. Auch so kam der eine oder andere Euro zusammen.“

Meine Schwierigkeit von Sahagún im Hinterkopf, selbst in der Not um das Not-wendende zu bitten, fragte ich: „Ist das nicht recht demütigend, so auf der Straße um Almosen zu betteln?“

Mit leerem Magen verlierst du so manche Skrupel

Fran lachte etwas gepresst: „Mit leerem Magen verlierst du so manche Skrupel. Natürlich kostet das am Anfang eine riesige Überwindung, sich wie der letzte Dreck zu fühlen. Doch das ist leider auch die Tatsache, dass du elend in der Scheiße steckst. Da war es schon weit angenehmer, wenn einem ein trächtiger Kirschbaum in die Quere kam oder ein mitleidiger Bäcker mir eine Stange alten Weißbrots gab oder eine alte Frau mir ohne viel Worte eine Schale Reis kochte. Für mich schmeckte das immer wie ein Festmahl, das ich mir nach innigem Dank an Ihn ausgiebig auf der Zunge zergehen ließ.

Marisa die freiwillige Hospitalera und Ex-Pilgerin – eine echte Christin

Hier in León lud mich zwei Tage lang Marisa, die freiwillige ´Hospitalera´, privat zu sich zum Abendessen ein. Sie war früher selbst oft gepilgert und wusste, was sie mir schuldete, ohne mir das im Geringsten vorzurechnen. Bei ihr gab es deftige Fleischspeisen, Gemüse, Salat und leckere Nachtische und ich konnte mir den Bauch beliebig vollschlagen. Zum Abschied drückte sie mir noch eine große ´Chorizo´-Wurst und einen Klumpen ´Mancha´-Käse als Wegzehrung in die Hand. Marisa war eine herzensgute Frau und eine echte Christin, die ich gar nicht aus meiner dankbaren Umarmung entlassen wollte.“

Wir scheren als einzige aus dem großen Pilgerpulk ausLeón- Hostal de San Marcos, Muschelfassade

Als wir früh um 6.30 Uhr morgens das Monasterio de Carvajalas in León verließen, war es noch eiskalt draußen. Quer durch die Stadt ging es den goldenen Muscheln am Pflaster nach immer gen Westen. Nach 1,5 Kilometer standen wir vor der mächtigen, plateresken Muschelfassade des Hostal de San Marcos, wo wir vor 500 Jahren noch gerngesehene Gäste gewesen wären. Heute ist nur noch dem 5-Sterne-Publikum der Zugang gestattet.

Hier teilte sich der Pilgerweg: Geradeaus über die Brücke des Rio Bernesga ging der Camino francés direkt weiter entlang des 42. Breitengrades nach Santiago.

Als wir hier scharf nach rechts in den Camino de San Salvador nach Oviedo einbogen, waren wir die Einzigen, die aus dem großen Pilgerpulk ausscherten. Auch dieser Weg war von Anfang an gut ausgeschildert, was mich beruhigte, da ich in León keine gescheiten Informationen über diesen Weg sammeln konnte. Hauptquelle war der von daheim mitgebrachte Outdoor-Führer, der für vier Megawandertage gerade mal zehn magere Seiten verschwendete.

Wer nach Santiago geht und nicht zum Erlöser, besucht nur den Knecht und vergisst ganz den Herrn

Der Camino de San Salvador ist der klassische Umweg, den viele mittelalterliche Pilger auf sich nahmen, um die reiche Reliquiensammlung von Oviedo zu besuchen. Da die Kathedrale von Oviedo dem ErlöserEl Salvador – geweiht ist, entstand als Anreiz für die Pilger und passender Werbespruch bald das geflügelte Wort:

Abzweig zum „Camino de San Salvador“ von León nach Oviedo„Quien va a Santiago y no al Salvador,
visita al criado y olvida al Senor.“

Wer nach Santiago geht und nicht zum Erlöser,
besucht nur den Knecht und vergisst ganz den Herrn.

Diese Route umgreift in ihrem zentralen Teil eine lange, anstrengende Hochgebirgsetappe, die auch geübten Wanderern nur bei günstigen Witterungsverhältnissen anzuraten ist, da besonders hier die Ausschilderung manchmal etwas sparsam geraten und zudem auch noch das Wasser knapp ist. Es gibt auf dieser über 30 Kilometer langen Etappe mit Poladura de la Tercia nur eine kleine Ortschaft unterwegs, in der man sich nicht verproviantieren, doch wo man in der Casa Rural zur Not übernachten kann. Die angeschlossene Bar wartet zu Mittag mit einer ausgezeichneten Küche auf.

Die wilde Schönheit des Camino de San Salvador

Im Ganzen ist der etwa 125 Kilometer lange Camino de San Salvador von einer wilden Schönheit, da er ständig neue, traumhafte Aussichten auf die nahen, dolomitengleichen, über 2600 Meter hohen Picos de Europa eröffnet.
Er durchstreift ausgedehnte Almengebiete, passiert verträumte Dörfer und erfordert durch die ständigen, steilen An- und Abstiege im zerklüfteten Gebirgsgelände eine gute körperliche Verfassung.
Beim Überschreiten des Pajáres-Passes (1400 Meter) von der Provinz
León in die Region Asturien wechselt man gleichzeitig vom trockenheißen Kontinentalklima ins feuchtwarme Atlantikklima, was die Vegetation nachhaltig beeinflusst.
Eine so kulturträchtige wie anmutige Stadt wie
León zu verlassen, fällt besonders dann sehr schwer, wenn sie kilometerlang in hässlichen Vorstädten ausfranst.
Es ist durchaus möglich, das in fünf oder zehn Jahren in diesem breiten, grünen Tal des
Rio Bernesga schmucke Urbanisationen stehen, doch momentan bekam man das Gefühl, durch ausgestorbene Geisterstädte zu wandern.

Menschenleere Geisterstädte

Die Immobilienkrise hatte hier voll zugeschlagen: Die meisten Läden waren heruntergeklappt. Nirgendwo war eine Bar oder einen Laden eröffnet. Die Asphaltstraßen zwischen den Häuserblocks endeten abrupt in schlaglochreichen Feldwegen. Die Hälfte der Gebäude standen überhaupt noch im Rohbau. Zwischendrin gähnten stumme Kräne, doch niemand arbeitete an den Baustellen. Voraussichtlich warteten die Spekulanten auf bessere Zeiten.

Doch allein die Tatsache, dass hier von Optimisten oder einfach gierigen Spekulantenhaien so viel investiert wurde, ließ darauf schließen, dass in León viel Geld unterwegs war und nach fester Anlage suchte. Im Stadtgebiet sind die Mieten teuer und die Wohnverhältnisse in der mittelalterlichen Altstadt sicher auch nicht optimal. Der Traum jedes Spaniers ist ein eigenes Haus oder zumindest eine Eigentumswohnung und davon wurden in den modernen Vorstadtblocks unzählige Einheiten zu günstigen Konditionen angeboten. Doch mit der Krise hat in Spanien, dessen Arbeitslosigkeit gerade über 20 Prozent geklettert ist, auch die Kaufkraft massiv eingebüßt. Ein scheinbarer Teufelskreis. So wird wohl die nächste Generation noch mit vielen dieser Bauruinen leben müssen.

Wildromantisch durch Steineichenwälder, Ginster und viel mediterranes Gewächs

Über Asphalt- und Feldwege erreichten wir nach sechs Kilometer die langgestreckte Ortschaft von Carbajal de la Legua. Gut zwei Kilometer zog sich die Durchquerung dieser farblosen Vorstadt und einen weiteren Kilometer ging es über eine Sandpiste, bis endlich ein anmutiger Berg-, Wald-und Wiesenpfad rechts bergauf abbog. Wildromantisch durch Steineichenwälder, Ginster und viel mediterranes Gewächs streifte er sehr unterhaltsam stets hügelig bergauf und bergab. Man kreuzte weiche Matten, passierte eine frische Quelle, bevor man über einen üblen Geröllpfad erneut viel der mühsam erreichten Höhe verlor, von der man eine berauschende Aussicht über das grüne Tal genoss. Camino de San Salvador, wildromantischer Weg durch Steineichenwälder

Nach 15 Kilometer – von León aus – tauchten die Ruinen des Dorfes Valle auf. Nach Überquerung eines Bächleins ging es halblinks über eine Wiese steil bergauf, nach 100 Meter rechts und bald darauf konnte man auf der Hügelkuppe erneut den Pfad erkennen, der sich über 500 Meter dort hinaufschlängelte. Über Pisten und Feldwege ging es dann abrupt hinab bis in die Nähe des Flussufers, dessen Verlauf man im weiteren folgte.

Eine Sandweg stieg 700 Meter leicht an, führte 400 Meter bergab und erreichte nach einem Kilometer den Eingang von Villalbura, dessen Ortszentrum an der Plaza del Peregrino ein Brunnen zierte. Zwei Kilometer weiter liegt auf der anderen Flussseite das Dorf Cabanillas, wo wir uns eine kurze Rast in einer Bar gönnten. Am Fluss legte Fran noch eine kleine Badepartie ein, natürliche Gewässer zogen ihn unwiderstehlich an. Zurück über die Brücke folgten wir nach einer einstündigen Siesta links zwei Kilometer dem Weg, bis er in eine Landstraße überging, die uns bald nach Cascantes brachte.

Vor La Robla stehen uns die Haare zu Berge

Dann ging es die letzten drei Kilometer bis La Robla vorbei an hässlichen Industriestätten, einem mächtigen Zementwerk und einem Atomkraftwerk, in dessen Nähe eine derartige Spannung herrschte, dass einem die Haare zu Berge standen.

In La Robla hatten wir nach 27 Kilometer unser Tagesziel erreicht. Da die neue Herberge gerade erst im Bau war, fanden wir auf Vermittlung der Ortspolizei Unterschlupf auf dem Polideportivo. Der Platzwart, der uns freundlich empfing, brachte uns aus der Turnhalle Matratzen in die Umkleideräume des großen Sportgeländes. Eine Konserve mit einem asturischen Bohnengericht ließen wir uns in einer Bar wärmen und durch Rotwein begleiten, worauf wir bald in einen seligen Schlaf sanken.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 40 – Ein Reisebericht

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Teil 1 – 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen – Ein Reisebericht

Bildnachweis Titelbild:  León- Hostal de San Marcos, ehemals Sitz des Santiagoordens, heute Museum und 5-Sterne-Hotel
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt