Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Während der Tau noch auf dem blühenden Heidekraut hängt,
erwartet uns bei eisigen Regenschauern eine gastfreundliche Stube…

 

17. Juli
Salas – Tineo (21 Kilometer)

Der Morgentau hing noch auf dem blühenden Heidekraut, auf den Baumwurzeln und Flechten. Duft von Thymian, Salbei und Rosmarin. Der erste Hahnenschrei, Lerchen schwangen sich hoch in die Luft. Neuer, hoffnungsvoller Morgen voller Zuversicht, ich lobte ihn schon vor dem Abend.

Schlotternd vor verschlossener Herberge

Die Leistenschmerzen waren noch nicht vollkommen abgeflaut, doch es ging sich wesentlich besser als noch zwei Tage zuvor. Wenn alles gutging, wollte ich heute die 21 Kilometer bis Tineo zurücklegen. Das Wetter war trübe und tiefhängende, graue Wolkenschwaden deuteten auf baldigen Regen hin. Nach Salas ging es zwei Kilometer kontinuierlich steil bergauf auf einem beschaulichen Waldweg, bis er in Serpentinen die Nationalstraße erreichte. Nach kurzem Asphalttreten auf der verkehrsreichen Straße und einer weichen Waldpiste nach links kamen wir nach Überwindung von 400 Meter Höhenunterschied auf die Anhöhe von Porciles. Inzwischen hatte der Regen eingesetzt und auf der Hochebene fuhr uns ein eiskalter Wind durch die Glieder. Fran fertigte aus einer versprengten Plastikplane für meinen Rucksack eilig einen provisorischen Regenschutz, damit bloß die Wäsche nicht anfängt, feucht zu werden und zu schimmeln. Bald erreichten wir eine erst jüngst eröffnete, moderne Herberge, deren Türen verschlossen waren, obwohl sie offensichtlich bewohnt war. Doch alles wütende Klopfen führte zu keinem Erfolg. Vormittags wollte der Herbergsvater noch nicht gestört werden.

Pilgerimprovisation- mit einer umgekehrten Milchtüte eine Konserve erhitzenSo was lernt man im Knast

So suchten wir schlotternd Unterschlupf unter einem windgeschützten, wasserdichten Verschlag und träumten von etwas Warmem im Magen. Wir hatten uns am Vortag eine Konserve mit asturischem Bohnen- und Fleischeintopf besorgt, doch wie war sie zu wärmen ohne Topf und Kocher?

Als Fran im Straßengraben eine leere Milchtüte entdeckte, ging alles sehr schnell: Er schlitzte sie auf, drehte die Papierseite nach innen und formte mit der Alufolie außen eine Rolle, die er sogleich von unten entzündete und auf den Boden stellte. Dieses Feuergerät zog und schmauchte wie ein Kamin und warf flackernde Flammen nach oben. Darüber fädelte er die Konserve an ihrer Öffnungslasche auf ein altes Schnürbändel und in fünf Minuten stand der wohlerhitzte Eintopf am Tisch.

Ich war beeindruckt über so viel Improvisationskunst. Fran meinte mit einem listigen Augenzwinkern: „So was lernt man im Knast. Da kochten wir oft spätabends auf der Stube aus irgendwelchen Resten ein leckeres Menü zusammen. Und da wir keinen Kocher besitzen durften, musste man eben anders Feuer machen. Ohne diese Technik nach Marke Eigenbau wären uns viele schöne Stunden entgangen.“

Hier im Dorf passiert ja nicht viel, während mit den Pilgern die große, weite Welt zu Besuch kommt

Der Magen war nun leidlich gefüllt, es fehlte anschließend nur noch der obligatorische Kaffee. Kaum hatte sich dieser Wunsch in unserem Hirn festgesetzt, kam eine freundliche, ältere Frau vorbei, die in der Nachbarschaft wohnte und uns gleich zu sich in die Stube einlud: „Bevor die Herberge eröffnet wurde, hatte ich oft Besuch von Pilgern, die ich gerne bewirtete. Hier im Dorf passiert ja nicht viel, während mit den Pilgern die große, weite Welt zu Besuch kommt. Da lernt man viele interessante Leute kennen. Ich habe Post aus aller Herren Länder bekommen“, meinte sie stolz mit Verweis auf die vielen bunten Ansichtskarten an der Wand.

Dann kredenzte sie uns heißen Kaffee und leckeren Sandkuchen. Fran brach umgehend in ausschweifende Lobeshymnen über die außerordentliche, asturianische Gastfreundschaft aus, die man so nirgends in Spanien fände. Das konnte ich nicht so ganz unterschreiben, wenn ich nur an die vielen Großzügigkeiten im baskischen Navarra dachte. Doch das wurde hier natürlich gern gehört und die Beigaben am Tisch umgehend noch um einige Schokoladenkringel erweitert.

Draußen prasselt der Regen und der Orujo wärmt uns von innenUnterwegs auf dem spanischen Jakobsweg: Zwischen Salos und Tineo

Wir schlugen uns in der warmen Stube genüsslich mit all dem süßen Zeug, das stets reichlich nachgelegt wurde, die Bäuche voll. Unterdessen prasselte der Regen an die Scheiben und die herzensgute Senora bemerkte: „Bei so einem scheußlichen Wetter jagt man ja keinen Hund vor die Tür“, und dachte wohl weiter: …und schon gar nicht unterkühlte, durchnässte Pilger, was sie sogleich noch dadurch unterstrich, dass sie eine Flasche selbstgebrannten Orujo aus dem Schrank nestelte. Dieser Tresterschnaps wärmte wunderbar von innen und war für die vielen Süßigkeiten sicher eine hervorragende Verdauungsförderung. Im nächsten Moment lichtete sich urplötzlich die Wolkendecke und ließ schüchtern einige Sonnenstrahlen durchscheinen. Das war das Signal zum Aufbruch nach diesem willkommenen, gastfreundlichen Intermezzo.

Fran bat um ein Lebenszeichen von seiner Ex Carmen und bekam eine Hiobsbotschaft

Kaum waren wir draußen, klingelte Frans Handy und seine verflossene Freundin Carmen aus Valencia war am Apparat. Er war gleich ganz aus dem Häuschen: „Gestern Abend habe ich inständig meinen Herrgott gebeten, dass du mich anrufen mögest, und jetzt kann ich endlich wieder deine vertraute Stimme hören.“ Er hatte das Handy auf Lautstärke gestellt, sodass ich mithören konnte, was sie ihm mit bitterer Stimme sagte: „Freu dich nicht zu früh, ich habe keine gute Nachricht für dich. Ich fand vorhin in meiner Post einen Brief vom Gericht, der mich zur Zahlung von 1500.- Euro verurteilt wegen deines jüngsten Mofa-Unfalls, welches auf meinen Namen angemeldet war. Ich kann das momentan gerade noch vorstrecken, doch ich möchte das Geld auf jeden Fall so bald wie möglich von dir zurückbekommen.“ Alles Strahlen war auf einen Schlag aus Frans Gesicht entwichen und er beteuerte ihr stammelnd zum Abschied, seinen Verpflichtungen umgehend nachzukommen, so bald er Arbeit fände.

Dann meinte er zu mir: „Jetzt wird´s ernst, die freie, unbeschwerte Pilgerei neigt sich ihrem Ende zu. Ich werde in den nächsten Tagen verschärft die Augen offen halten und die erste Beschäftigung annehmen, die sich mir bietet. Diese Schulden lasse ich nicht lange auf mir sitzen, das hat Carmen nicht verdient. Sie hat so schon genug mit mir durchgemacht und ertragen. Das ist jetzt ein massiver Ansporn für einen Neuanfang. Alles Übel hat auch sein Gutes!“

„Richtig“, fügte ich hinzu, „das Geben und Nehmen muss erst wieder in einen gesunden Ausgleich kommen, bevor eure Beziehung vielleicht eine neue Chance erhält.“

Spanischer Jakobsweg - immer weiter voran...An Liebeskummer kann man auch sterben, irgendwann macht das Herz nicht mehr mit

Fran war sich absolut sicher: „Ich weiß, dass sie mich noch liebt. Die Trennung aus dem Affekt heraus war der größte Irrtum meines Lebens. Carmen ist meine Frau, so eine finde ich nie mehr. Auch sie weiß, dass ich zu ihr gehöre, egal, was vorgefallen ist. Ich habe im Herzen gar keinen Platz für eine andere, ich träume jede Nacht von ihr und ihr wird es ebenso gehen. Nach dem Laufpass hatte ich wochenlang elende körperliche Schmerzen. Glaub nicht, dass man an tiefem Liebeskummer nicht sterben kann! Ich hätte so was vorher auch nie für möglich gehalten, doch ich war nah an einer Grenze. Irgendwann macht das Herz nicht mehr mit und der tiefe Schmerz einer verflossenen Liebe verwandelt sich unvermittelt in den kalten Tod.“

Die Route ging die nächsten fünf Kilometer relativ eben dahin, passierte die verschlafenen, kleinen Dörfer La Espina und La Pareda und stieg nach El Pedregal erneut 100 Meter an. Hier kam just zum Beginn eines erneuten Regengusses eine Straßenwirtschaft sehr gelegen. Es gab die üblichen, kräftigen Bocadillos und wir genehmigten uns dazu ein Gläschen Wein, da die letzten sieben Kilometer bis Tineo nur noch leichtes Gefälle versprachen.

Beim Aufstehen verspürte ich erneut das schon bekannte starke Stechen in der Leiste. Zunächst meinte ich, es ginge gar nicht mehr weiter. Doch Schritt für Schritt lief ich mich zunehmend wärmer und erreichte im Schleichtempo, humpelnd und das Bein gestreckt nachziehend und immer wieder länger pausierend, nach drei Stunden endlich die große, moderne Herberge am Ortsrand von Tineo. Ich streckte mich gleich zwei Stunden auf dem bequemen Bett aus, bis mich Fran etwas übermütig weckte.

Die Spanier haben das seltene Talent, aus jedem noch so kleinen Anlass eine rauschende Fiesta zu machen

Er hatte offenbar schon reichlich Wein intus, nachdem er mit einem großzügigen Gönner mit Namen Javi im Supermarkt einen Großeinkauf absolviert hatte. Auf den Holztischen vorm Haus stand auch schon ein herrliches Menü bereit, das Fran gerade zusammengezaubert hatte: Zur Vorspeise gab es gemischten Salat mit Tomaten, Eiern und Thunfisch. Als Hauptgericht warteten zu einem vorzüglichen Duero-Wein riesige Schweinskoteletts, Broccoli-Gemüse mit Sahnesauce und Bratkartoffeln. Und zum Nachtisch ein Flan, eine Art Vanillepudding und als Krönung ein Carachillo – ein Café sólo, der zur Hälfte mit hochwertigem spanischen Brandy angereichert war.

Das ist das Angenehme, wenn Spanier die Atmosphäre in einer Herberge bestimmen. Sie verstehen einfach, zu leben. Mit ihnen hält sogleich eine verfeinerte Lebensart Einzug, die gepaart ist mit ausgelassener Geselligkeit und großzügiger Gastfreundschaft. Sie haben das seltene Talent, aus jedem noch so kleinen Anlass eine rauschende Fiesta zu machen. Für sie ist der Pilgerweg, anders als für viele Deutsche, weniger ein Leistungspensum, sie wollen sich dabei nichts beweisen, sie wollen primär gut leben und verpassen dazu keine Chance.

 Es ging bis in die Nacht hinein hoch her, bis ich leicht beschickert die Horizontale aufsuchte und sogleich in einen seligen Schlaf versank.


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 48 – Ein Reisebericht

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Teil 1 – 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen – Ein Reisebericht

Bildnachweis Titelbild: Waldweg über Salas
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt