Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Die Magie einer einsamen Bergkapelle, eine gigantische Fjordlandschaft
und in später Nacht eine wundersame Heilung…

20. Juli
Berducedo – Grandas de Salime (18 Kilometer)

Nach der Begrüßung der aufgehenden Sonne und einem gemächlichen Frühstück mit meiner schwedischen und dänischen Bekanntschaft in der Bar „La culpa fué de Maria“ brachte ich meinen meditativen Morgentext von Christine Wutzl mit einiger Mühe in ein passables Englisch.

Ich mag dich, bleib nicht zurück!

Er handelte davon, wie zerschundene Füße seit Wochen durchs Land getragen wurden und Augen signalisierten: Ich mag dich, bleib nicht zurück!

Mir war vor allem die PassaBergkapelle Buspolge wichtig, dass mich meine besorgten Mitpilgerinnen nicht allein zurücklassen werden, wenn erneut meine Beschwerden auftreten, womit ich früher oder später sicher rechnen musste. Maja wollte sofort das ganze Gedicht ins Spanische übersetzt bekommen, das ihr sehr nahegegangen war.

Über Pisten sowie steinige und manchmal waldige Wege mit zahlreichen Anstiegen erreichten wir nach 1,5 Stunden das Dorf La Mesa. Das Wetter war wunderschön und kein Wölkchen am Himmel, was bald große Hitze versprach. In den Morgenstunden waren die Täler noch mit einem dichten, weißen Nebelmeer überzogen, während man sich in 1000 Meter Höhe dem Himmel näher fühlen durfte.

Maja suchte sich bald ein ruhiges Plätzchen, um diese eindringliche Stimmung über eine Yoga-Meditation tief in ihr Inneres einzugraben und meinte später: „Ich mache das an allen Stellen des Weges so, an denen ich merke, dass meine Seele in besondere Schwingungen gerät. So werden diese Augen-Blicke für mich unsterblich.“

Danach ging es auf der Straße 1,5 Kilometer bergauf und dann 800 Meter wieder bergab. In einer Linkskurve folgte man bei einem Markierungsstein einem Pfad zu einem alten Gehöft, das im Mittelalter als Pilgerherberge diente.

Die Magie der Kapelle von Buspol

Dahinter stand einsam in der Landschaft die kleine, schiefergedeckte Kapelle von Buspol. Wem das kleine Glöcklein in dieser Weltabgeschiedenheit wohl läuten wollte? Einmal im Jahr zum Festtag der Santa Marina strömte hier aus den umliegenden Dörfern eine große Wallfahrt zusammen, die restliche Zeit gehörte sie allein den spärlichen Pilgern. Die Capilla de Buspol hatte architektonisch absolut nichts Besonderes vorzuweisen. Doch durch den in der Umgebung gebrochenen Naturstein und ihre rustikale Bauweise schmiegte sie sich wunderbar in die Landschaft und strahlte eine seltene Magie aus, die zur inneren Einkehr geradezu einlud.

Vor dem Gitterfenster des Marienbildes hing eine Tafel mit einer Fürbitte für die Jakobspilger, in der es u.a. hieß: „Herr Santiago, gib mir ausreichend Kraft, um diese Etappe zu bestehen. Schenk mir christliche Nächstenliebe für die Pilger, die mir unterwegs begegnen. Festige meinen Glauben, um Gottes Gegenwart inmitten meines Daseins entdecken zu können. Spende mir Freude und Schwung für mein ganzes weiteres Leben. Amen.“Pilgergebet an Kapelle von Buspol

Dieses stille Gebet sprach mir tief aus dem Herzen und ich konnte mich lange nicht vom Zauber dieses Ortes lösen.

Und plötzlich taucht ein blaugrün schimmernder Fjord auf

Der Rausch ging weiter, als sich wenige Schritte weiter ein phantastischer Blick über die grüne Schlucht eröffnete, die der Rio Navia 600 Meter tiefer ausgegraben hatte. Man hatte ihn hier zu einem gigantischen See aufgestaut, der sich wie ein norwegischer Fjord im blaugrünen Schimmer kilometerlang malerisch dahinzog. Da hinunter galt es zu kommen, was mit dem Schubgepäck und der rutschig rollenden Unterlage der Gesteinsbrocken äußerste Aufmerksamkeit erforderte und bald mächtig auf die Knie drückte.

Aus den mit Heidekraut übersäten Matten ging es bald in waldiges Piniengelände über. An einer Lichtung etwa 200 Meter über der Wasseroberfläche war eine Wegkreuzung: Nach links zeigte ein Schild zu einer Fähre über den Stausee, mit der man sicher zwei Stunden Weges rund um das Gewässer sparen könnte – bei dieser drückenden Hitze eine ungemein verlockende Perspektive. Ein Zusatz verwies allerdings darauf, dass sie nur nach vorheriger Vereinbarung verkehre. Sollten wir das auch ohne Vorankündigung riskieren? Die gelben Pfeile hingegen wiesen eindeutig nach rechts und wir beschlossen schweren Herzens, dem Pilgerweg treu zu bleiben. Zum Glück, wie sich später herausstellte, denn es fuhr weder eine Fähre noch ging vom Anlegeplatz ein Uferweg rund um den See, sodass wir den steilen Abstieg nochmals in umgekehrter Richtung bis zum hiesigen Ausgangspunkt hätten zurücklegen müssen.

Blick über Navia-StauseeSo ging es auf ebener Piste zwei Kilometer nach rechts, bis ein deutliches Schild des Jakobsweges auf einen steilen Pfad links bergab verwies. Über einen angenehm weichen Weg durch einen prächtigen Kastanienwald war nach 1,5 Kilometer die Nationalstraße erreicht. 400 Meter weiter bot ein Wehrbalkon in einer Art ehemaligem Kastell eine interessante Aussichtsplattform und einige 100 Meter darauf wurde die Staumauer des Rio Navia überschritten.

An einer im Dickicht versteckten, deutlich rauschenden Quelle dahinter lockte frisches Wasser, doch wir vertrauten den Schildern, die zwei Kilometer oberhalb ein Restaurant ankündigten, um dort unseren Durst zu stillen.

Geschlossenes Restaurant – offener Wasserschlauch

Die Sonne brannte erbarmungslos auf den Asphalt, die Zungen klebten am Gaumen, die Blicke über das glasklare Wasser des Stausees waren hingegen berauschend. Die Phantasien über das bevorstehende Mittagessen schlugen hohe Wellen, und als wir endlich das weithin sichtbare Etablissement erreichten – war es geschlossen. Maja wollte sich mit dieser Enttäuschung nicht vollends zufriedengeben und machte in den umliegenden Gärten einen Bewässerungsschlauch ausfindig, der sie zu einem freistehenden Wasserhahn führte, der nun reichlich unsere ausgetrockneten Kehlen benässte und die Flaschen füllte.

Der Wassermangel war im eigentlich niederschlagsreichen Asturien ein ständiges Problem, da trotz des bergigen Geländes nur selten Quellen oder Brunnen zur Verfügung standen. Man durfte keine Gelegenheit der Flüssigkeitszufuhr auslassen.

Unter den schattigen Eingangsarkaden des verwaisten Restaurants schlugen wir unseren Platz für eine Mittagsrast auf und hingen noch eine kleine Siesta dran. Bald k Blick auf den aufgestauten Rio Navia tief unten im Talam auch Carlos aus Barcelona des Weges, der sich schon an der frischen Quelle zwei Kilometer unterhalb aufgetankt hatte und so gut in Fahrt war, dass er nach kurzem Smalltalk gleich weitermarschierte. Bald folgten ihm die beiden Schwedinnen, doch Maja und ich ließen uns dadurch nicht antreiben. Das Etappenziel Grandas de Salime war nur noch knapp fünf Kilometer entfernt, allerdings war bis dahin noch ein erheblicher Aufstieg zu bewältigen.

Wertvolle Lektionen eines wohltuenden Mitgefühls

Ich spürte, je länger ich rastete, erneut das bekannte, schmerzhafte Ziehen in der Leiste und dementsprechend gestaltete sich der Weitermarsch zunehmend qualvoll. Die fast 40 Jahre jüngere Dänin war physisch gut durchtrainiert und merkte bald, dass ich ihr mit meinem Humpelbein von Minute zu Minute schwerer folgen konnte. Sie bot mir freundlich an, einen Teil meines Gepäcks zu übernehmen, doch die Annahme dieser netten Offerte verbot mir ein dummer, männlicher Stolz. Wir blieben stattdessen immer öfter stehen, sie um vermeintlich die herrliche Aussicht zu genießen, ich um mein lädiertes Bein etwas zu entspannen und zu durchatmen.

Nach einigen Serpentinenkurven bog scharf links ein kleiner, gelbmarkierter Pfad ab, der bald in einen lauschigen Waldweg überging. Waren mir sonst das Über- oder Unterschreiten querliegender Baumstämme und die kunstvolle Umgehung schlammiger Bachbetten eine willkommene Abwechslung zum geisttötenden Asphalttreten, so war meinem Bein nun jedes Hindernis zu viel. Ich nahm jetzt dankbar einige beiläufige Hilfestellungen Majas an und war froh, mich im Schlepptau ihres gebremsten, offenbar auf mich zugeschnittenen Gehrhythmus bewegen zu dürfen. Sie benahm sich wirklich sehr taktvoll, nahm ständig diskret Rück-Sicht und vermied jeglichen Anschein einer Demütigung, was ich ihr hoch anrechnete. Sie hätte ja auch einfach in ihrem gewohnten Tempo abdüsen können. Wo gelbe Pfeile fehlen, tuns auch ein paar Pinienzapfe

Andere kämen wohl gar nicht auf die Idee, sich über eine physische Beeinträchtigung eines Mitpilgers überheblich hinwegzusetzen. Ich war es vielmehr selber, der insgeheim bisher diesen abschätzigen Urteilen unterlag so nach dem Motto: „Wer den Strapazen des Weges nicht gewachsen sei, solle gefälligst zu Hause bleiben.“ Ich war solche Beschwerden am eigenen Leibe bis dato nicht gewöhnt und konnte mich nur schwer damit abfinden. Auf diese Weise bekam ich täglich wertvolle Lektionen eines wohltuenden Mitgefühls erteilt.

Der Zufall erteilt mir das letzte Bett in der miefigen Herberge

Am frühen Nachmittag erreichten wir glücklich Grandas de Salime, dessen Ethnographisches Museum im Reiseführer als unbedingt besichtigenswert angepriesen wurde. Es hatte allerdings an diesem Wochentag gerade geschlossen, was ich in meinem Zustand nicht wirklich bedauerte. Auch die sehenswerte Kirche und das blaue Rathaus betrachtete ich nur von Weitem. Das gedrängte, ziemlich muffelige Albergue mit engen Gängen zwischen den quietschenden Dreistockbetten war total überfüllt. Ich machte mich schon mit dem Gedanken vertraut, in meiner angespannten Finanzlage auf meiner Isomatte im beschaulichen Stadtpark zu übernachten.

Doch durch Zufall konnte ich dann noch einen Platz ergattern, da der Schwede Sven sich entschloss, aus der miefigen Herbergsatmosphäre auszuziehen und sich mit Maja ein Doppelzimmer in einer sauberen Pension zu teilen. Maja, offenbar ein gebranntes Kind, war von dieser Offerte zunächst wenig begeistert und beruhigte sich erst, als er ihr beteuerte, dass um Gottes Willen von ihm keinerlei Gefahr ausginge: Er sei schwul und schnarche zudem nicht. Das waren durchschlagende Argumente, die sie schließlich überzeugten.

Da es in der Herberge für 20 Pilger nur eine Dusche gab und ich als Letzter eingetrudelt war, war diese entsprechend versifft und auch nicht gerade nach meinem Gusto. Doch was wollte man erwarten? Die Übernachtung in dieser städtischen Einrichtung war gratis und man war nach langen Wochen des Vagabundenlebens selbst ziemlich abgerissen und einiges gewöhnt. So ließ ich genüsslich den Schweiß abperlen, warf mich in frische Klamotten und legte erst einmal eine ausgiebige Siesta ein, nachdem ich mich mit Maja und der schwedischen Belegschaft zum Abendessen verabredet hatte.

Ein scharfes Prosit auf Majas Geburtstag

Um 19 Uhr holte man mich gut erholt aus den Federn. Maja hatte inzwischen ein Restaurant mit deftiger, einheimischer Küche ausgespäht. Neben der skandinavischen Mannschaft gesellten sich noch Carlos und meine mexikanischen Freunde zu unserer internationalen Runde und es wurde ein unvergesslicher Abend in sehr heiterer, gelöster Atmosphäre. Die Essensrationen in Asturien waren offenbar für schwerstarbeitende Holzfäller und Minenarbeiter bemessen, ich hätte schon nach der üppigen Vorspeise, einer Gemüsesuppe mit Nudeln und reichlicher Fleischbeilage, die Segel streichen können. Doch zum Hauptgericht des Pilgermenüs wurde erst richtig aufgefahren: alternativ riesige Puten- oder Schweinsschnitzel mit Kartoffeln und Gemüse, von denen am Schluss die Hälfte übrigblieb. Dummerweise hatte ich es versäumt, mir die Reste als Proviant für den morgigen Tag einpacken zu lassen. Stattdessen freuten sich sicher die Schweine über diese Leckerbissen.

Der Nachtisch bot die Auswahl zwischen Flan, Eis oder Obstsalat und zum Abschluss den obligatorischen „Café sólo con algo“. Dieses üppige Abendmahl zu unglaublich günstigen Preisen zog sich über zwei Stunden hin und wurde mit reichlich Rotwein begossen. Zum Abschluss stießen wir mit einem heimischen „Orujo“ auf Maja an, die am folgenden Tag ihren 22. Geburtstag feiern sollte.

Doch du sollst nicht auf meine diversen Lippen, sondern in meine Hand schauen!

Maja, die mir gegenübersaß, hatte einen wunderschönen, sinnlichen Mund und mir als geborenem Sonnenzeichen Waage, dem die Liebesgöttin Venus zugeordnet ist, fiel solch vollendete Ästhetik sofort ins Auge. Es heißt ja, dass die Nase eines Mannes etwas mit seinem ´Johannes´ zu tun hat und eine gleichförmige Entsprechung soll es nach Kennern der Materie zwischen dem Mund einer Frau und ihren Schamlippen geben. Ich hatte wohl etwas zu lange und intensiv auf ihre Lippen gestiert und dann noch vage angedeutet, dass es da Theorien gäbe, die Korrelationen zwischen Gesichtsteilen zu anderen Körpermerkmalen sähen. Maja meinte darauf resolut: „Ich kenne diese Theorien auch. Doch du sollst nicht auf meine diversen Lippen, sondern in meine Hand schauen!“

Ich hätte in diesem Moment vor Scham im Erdboden versinken mögen, da sie mich so frisch bei meinen erotisch aufgegeilten Hintergedanken ertappt hatte. Ich musste voll Selbstironie an Umm al Ala, die blutjunge, bildhübsche Dichterin aus dem 11. Jahrhundert denken, die einen älteren Herrn aus dem Reich Al-Andalus mit einem eleganten Vers abservierte:

„Willst du denn mit deinen weißen Haaren
noch mein junges Blut erhitzen?
Männer, die so reich an Jahren,
sollten mehr Verstand besitzen.“

Die ewige, wochenlange Enthaltsamkeit während der Pilgerfahrt hatte sich offenbar schrittweise zu einem mächtigen Überdruck aufgebaut und suchte sich nun solche Ventile. Peinlich, peinlich! Nicht alles ließ sich mit spirituellen Höhenflügen kompensieren, mitunter verlangte auch der Körper sein Recht. Ich fragte mich: „Wie gingen eigentlich andere Langzeitpilger mit ihrer Sexualität um?“ Außer mit Fran hatte ich bisher noch mit niemandem offen darüber reden können.

Du musst dir die Handfläche wie eine Landschaft vorstellen, mit Bergen, Tälern und Flüssen

Genau, Handlesen, das hatte ich ihr gestern ja versprochen und daran klammerte ich mich jetzt. So gingen wir anschließend in den Stadtpark und nahmen im hellen Schein einer Bogenlampe auf einer Bank Platz. Ich massierte sanft ihre Fingerkuppen, eine nach der anderen, schloss die Augen und ließ dem Fluss der Energien freien Lauf. Dann ließ ich sie spontan die Hände falten: Der rechte Daumen lag obenauf, was nach der Seitenverkehrung über das Nackenkreuz auf die Dominanz der linken Gehirnhälfte schließen ließ. Ich konzentrierte ich mich nun auf ihre rechte Hand und erklärte ihr allgemein etwas zur Kunst des Handlesens:

„Du musst dir die Handfläche wie eine Landschaft vorstellen, mit Bergen, Tälern und Flüssen. Hier hast du den Venusberg, der je nachdem, ob fleischig fest oder lasch, viel über Lieben und Leiden aussagt. Gegenüber siehst du den Mondberg, deine mütterliche Seite und darunter den Mars, der deine Befähigung zum Lebenskampf ausdrückt. Die Flüsse dazwischen, die das Wasser des Lebens führen, sind von besonderer Wichtigkeit. Ein Fluss ist gesund, wenn die Strömung stimmt, sie sollte nicht zu heftig, doch auch nicht zu schwach sein. Über die Ausprägung der Flüsse, sprich der vier Hauptlinien jeder Hand, lässt sich auf das Temperament einer Person schließen. Wenn man die Hand spannt, treten sie entweder tiefrot und kräftig hervor oder abgestuft rosa bis fast farblos.

Gleichzeitig spiegeln sich in diesen Linien alle Ereignisse, die tiefe Spuren im Leben des Einzelnen hinterlassen haben. Da gibt es Querflüsse, die wie Risse das Flussbett durchschneiden, Verletzungen, die der Strömung nicht zuträglich sind. Daneben gibt es die Nebenflüsse, Bäche oder kleineren Rinnsale. Wenn sie von hinten einströmen, verstärken sie die Strömung. Wenn sie nach vorn aus dem Fluss hinausfließen, entziehen sie ihm Wasser. Das gleicht einem vertrockneten Wadi, die investierte Energie endet in einer Sackgasse, quasi vergebliche Liebesmüh´. Dann existieren Inseln, die den Strom zerteilen, in diesen Phasen fühlt man sich innerlich zerrissen. Tröstlich ist, dass diese schweren Zeiten normal überwunden werden. Punktartige Vertiefungen oder dunkle Flecken hinterlassen bleibende Spuren. Sterne deuten auf umwälzende, geistige Erleuchtungen oder überglückliche, emotionale Sternstunden hin.

Fortschritte sind in Wahrheit Rückschritte – Erinnerungen an das in dir Angelegte

Die drei Grundlinien, die man auch als Lebenslinie, Verstandeslinie und Liebeslinie bezeichnet, umgreifen die physische und gesundheitliche Beschaffenheit, die geistige Entwicklung und das seelische und emotionale Leben. Die vierte Linie als eine Art Synthese ist die Schicksalslinie, die meist auch die Verstandeslinie und manchmal sogar die Liebeslinie kreuzt, was dann andeutet, dass du mit deinem dir Geschickten geistig und emotional im Einklang bist.

Die rechte Hand ist für dich die väterliche Hand. Sie verändert sich in dem Maße, wie du dich innerlich entwickelst. Wenn du jetzt und in fünf Jahren einen Handabdruck machst, kannst du diese Fortschritte sehen, die in Wahrheit Rückschritte, Erinnerungen an das in dir Angelegte sind. Die andere, mütterliche Hand ist quasi der Genotyp, in der Astrologie entspricht sie dem Aszendenten. Sie steckt den optimalen Rahmen deiner bei deiner Geburt gegebenen Möglichkeiten für dein Leben ab. Was du davon in die Wirklichkeit umsetzt, unterliegt deinem freien Willen.

Freiheit besteht primär darin, dich für oder gegen deine Bestimmung zu entscheiden

Allerdings besteht die Freiheit primär darin, dich für oder gegen deine Bestimmung zu entscheiden. Im letzteren Fall wird es sehr anstrengend und aufreibend, du rennst quasi wie Don Quijote gegen die Windmühlenflügel und bekommst ständig eins auf die Nase. Die väterliche Hand sagt nur etwas über die Vergangenheit und Gegenwart aus, sie eignet sich auf keinen Fall zu Zukunftsprognosen. Allerdings, wer wirklich im Hier und Jetzt lebt, formt damit im gleichen Moment aktiv seine Zukunft.

Freilich, ob so etwas wie ein von oben gesetztes ´Fatum´ existiert, und was unserem Leben von außen für Grenzen gesetzt sind, darüber kann man ewig streiten. Darauf werden Gläubige, Laizisten und Nihilisten sehr verschiedene Antworten geben. Die esoterische Astrologie, die ich von meinem Lehrmeister Peter Orban gelernt habe, geht von so einer Bestimmung aus, von einer spezifischen Aufgabe, die jeder in seinem Leben abzuarbeiten hat.Sie kann als eine Art Parallel-“Wissenschaft“ zur Chiromantik verstanden werden.“

Schmerzhaftes, total verdrängtes Trauma im 5. Lebensjahr

Nach dieser allgemeinen Einführung, die auch sie zur kritischen Beobachtung der eigenen Hände befähigen sollte, ging ich ausgiebig auf ihre spezifischen Linien ein und blieb an einer rätselhaft tiefen Einkerbung am Anfang ihrer Gefühlslinie hängen. Ich fragte sie, ob in ihren ersten Lebensjahren irgendetwas besonders Schmerzhaftes vorgefallen sei, was bleibende Narben in ihrer Seele hinterlassen hatte. Maja begann heftig am ganzen Leibe zu zittern und heulte schließlich wie ein Schlosshund, bis sie mir stotternd erklärte: „Mit fünf Jahren hatte sich meine Mutter aufgehängt. Ich kam daraufhin zu Stiefeltern, die nie mehr auf dieses traumatische Ereignis zu sprechen kamen, was ich mit den Jahren selber total verdrängt habe.“

Ich trage diese Schuldenlast bis heute

Ich fragte sie behutsam, ob sie sich als Kind für den Selbstmord ihrer Mutter schuldig gefühlt hatte. Ihre Antwort kam, wie aus der Pistole geschossen: „Ich trage diese Schuldenlast bis heute. Ich bin immer noch im magischen Weltbild eines Kindes befangen und vielleicht noch gar nicht richtig erwachsen geworden.“ Ich konnte nun nicht einfach mit dem Handlesen fortfahren. Das zentrale Thema ihres Lebens hatte sich so unverhofft deutlich herauskristallisiert und ich fühlte mich zu einer außerordentlichen Geste genötigt: „Ich werde mit dir eine Übung machen, die ich vor Jahren in einer tiefen existenziellen Krise aus den Händen einer Frau als sehr heilsam erfahren durfte.“

Schweres Leid nur mit noch Schwererem zu heilen

Ich kniete mich vor sie hin, verbeugte mich bis auf den Boden und atmete tief aus, um innerlich völlig leer und total willenlos zu werden. Dann bat ich inständig meinen Gott, mich schlicht als Durchlauferhitzer Seiner heilenden Energien wirken zu lassen. Ich nahm dann ihren linken Fuß und massierte sanft einen bestimmten Punkt ihres Mittelfußkochens. Das Gleiche wiederholte ich mit dem rechten Fuß und ging dann zum linken Handteller über und am Ende zum Rechten. Während dieser ganzen Massage zitterte Maja am ganzen Leibe, der Schweiß trat ihr aus den Poren und die Tränen flossen in Strömen. Schließlich massierte ich sie unterhalb ihrer Brust an der linken Seite, worauf sie aufstöhnend vollkommen kraftlos zusammensank.

Ich nahm sie behutsam in den Arm und fragte: „Weißt du, was ich gerade an dir gemacht habe?“ „Ja, du hast mich eben an meiner Lende massiert, wo ich eine Narbe von einer Operation trage, an der ich vor zwei Jahren fast gestorben wäre.“ „Davon wusste ich nichts, doch wenn du das sogleich assoziierst, wird es seinen Sinn haben.

Ich weiß allerdings, dass man nach homöopathischer Regel ein schweres Leid nur mit einem noch Schwereren heilen kann. Und im Abendland gibt es nur einen wirklichen Heiland. Deshalb habe ich dir symbolisch Massagen an den fünf Wundmalen Christi verabreicht und dich seiner wundersamen Heilkraft überantwortet. Seine unfassbare Liebe wird dich in keinem Moment deines Lebens mehr verlassen und dich durch alle niederschmetternden Krisen durchtragen. Auch deine Mutter, die dir aus dem Reich der Schatten sehr nahe ist, liebt dich und will nicht, dass du länger wegen ihr leidest. Das war ausschließlich ihre Angelegenheit, mit der du nichts zu tun hast und die du dir nicht aufladen darfst.“

In diesem Moment kehrte ein strahlendes Leuchten in ihr Gesicht zurück

Ich hatte mir diese Worte vorher nicht überlegt. Ich hörte mir vielmehr selber zu und war überrascht, als sie durch das sie durchströmende höhere Vertrauen und ihre menschliche Wärme einen ängstlich verborgenen Schleier bei Maja lüfteten. In diesem Moment kehrte ein strahlendes Leuchten in ihr Gesicht zurück. Sie fiel mir um den Hals, kuschelte sich in meine Arme und bedankte sich tausend Mal für diese umwälzenden Worte und Gesten von mir. Sie weinte ohne Ende, doch jetzt vor Freude, als wäre ihr in demselben Augenblick ein Riesenstein vom Herzen gefallen. „Das werde ich dir nie vergessen, dank Dir darf ich noch einmal ganz von Neuem anfangen“, schluchzte sie und drückte sich noch fester an mich. Nun hatte ich nicht nur ihren Mund, sondern sie ganz mit ihrem wunderbar straffen Körper, den ich sanft liebkoste und sie dabei langsam beruhigte. Wir verabschiedeten uns mit zärtlichen, spanischen Küssen, die Dank und Liebe fließen ließen und nun nichts Anrüchiges mehr hatten.

Auch ich war überglücklich über diese umwerfende Erfahrung. Ich dankte meinem verborgenen Gott, denn ich hatte ja im Grunde nichts weiter getan, als Ihm als Medium zu dienen. Was dabei im Einzelnen geschieht oder geschehen ist, kann ich bis heute nicht erklären. Für mich war es ein Akt absoluten Gottvertrauens, der allein Ihn wirken ließ. So passieren manchmal Zeichen und Wunder.


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 51 – Ein Reisebericht

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Teil 1 – 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen – Ein Reisebericht

Bildnachweis Titelbild:  Navia-Stausee, glasklar wie ein norwegischer Fjord
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt