Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Nach über 1000 Kilometer Ende des Fußpilgerns, mit Maria per Bus in die alte Römerstadt Lugo,
Saubären in der Küche und eine Epileptikerin im Schlafsaal…

23. Juli
O Cádavo Baleira – Lugo (34 Kilometer per Bus, fünf Kilometer zu Fuß)

Das Dauergewitter, das bis in die Morgenstunden an die mich umgebenden Scheiben prasselte, hatte mich fast nicht schlafen lassen. Zum zweiten Mal in Folge wachte ich morgens auf wie gerädert.

Über dem Tal hing so dichter Nebel, das man kaum die Hand vorm Gesicht sehen konnte. Der Gussregen hatte sich etwas abgemildert, doch immer noch tröpfelte es stetig vor sich hin.

Die feuchtkalte Luft tat meiner Leiste nicht gut. Dazu malte ich mir aus, wie nach dieser Nacht die Waldpfade auf der 34-Kilometer-Monsteretappe bis Lugo ausschauen würden: knietiefe Schlammlacken, aufgeweichter Lehmboden, der sich gern in dicken, schweren Klumpen an den Stiefelsohlen festmachte und dazu das unsichere Wetter, das erneute Gewitter befürchten ließ. Ich wusste in diesem Moment noch nicht, dass zwei Stunden später der Himmel ganz unverhofft aufreißen und einem milden Sonnentag Platz machen würde.

Der Weg wächst im Gehen

Maria hatte auch saumäßig geschlafen, die Orkanstürme machten ihr furchtbare Angst und sie saß bei jedem Donnerschlag aufrecht im Bett. So wurden wir uns beim Frühstück nach Abwägung all dieser objektiv wie subjektiv miesen Umstände schnell einig, dass wir heute bis Lugo den Bus nehmen würden.

Sie war nicht so wie ihre zehn Jahre jüngere Freundin Daniela von dem Ehrgeiz besessen, unter allen Umständen Wind und Wetter zu trotzen und bis Santiago zu Fuß zu pilgern. Sie hatte im Leben Abenteuer genug hinter sich und brauchte diese Bestätigung nicht mehr. Mir ging es ähnlich und ich machte noch schnell meine allmorgendliche Meditation.

Heute wuchs der Weg erstmals unter vier Rädern. Doch es war für mich schon ein Wunder, dass ich überhaupt so weit gekommen war, hinter mir lagen immerhin gut Tausend zu Fuß erpilgerte Kilometer. Um kurz nach 8 Uhr morgens saßen wir dann schon nebeneinander im Autobus, der uns mit vielen Stopps in kleinen, verträumten Dörfern in einer knappen Stunde in die größere Provinzhauptstadt Lugo bringen sollte.

Mit ´all inclusive´ ist jeder Qualitätsservice vorbei

Maria war Mitte 40, hatte allein zwei Kinder großgezogen, nachdem ihr Mann an Krebs verstorben war, und machte gerade den ersten Urlaub ihres Lebens. Sie war bereits mit 17 Jahren schwanger geworden und hatte noch nicht viel vom Leben gehabt. Jetzt, wo die Kinder erwachsen waren, fühlte sie sich endlich etwas freier. Sie arbeitete auf Gran Canaria seit 20 Jahren als Kellnerin in einem Hotel, das im Besitz einer Deutschen war und vornehmlich deutsche Gäste beherbergte:

„Früher war das Haus auf Qualitätstourismus spezialisiert und es kamen sehr gepflegte, angenehme Gäste. Das hat sich in den letzten fünf Jahren gewandelt. Jetzt kommen fast nur noch Pauschaltouristen, die all inclusive gebucht haben. Und um dieses Angebot voll auszuschöpfen, sitzen sie schon ab 8 Uhr morgens in der Bar und kippen ein Bier nach dem anderen in sich hinein. Viele sind um 10 Uhr bereits sturzhagelvoll und gröhlen den Rest des Tages nur noch herum. Sie machen undezente Anspielungen auf mich, die weit unter der Gürtellinie liegen, und kommandieren lautstark ihre nächste Bestellung, die mir fast keine Zeit mehr lässt, für die anderen Gäste in Ruhe das Frühstück vorzubereiten. Das wird jeden Tag stressiger und macht eigentlich überhaupt keinen Spaß mehr. Ich muss ständig ein freundliches Gesicht zum bösen Spiel machen und weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte. Jetzt brauchte ich endlich mal Abstand und eine kleine Auszeit und habe mich dafür zum Pilgern aufgemacht.“

In Lugo konnten wir unsere immer noch feuchten Rucksäcke in der Hinterkammer eines Restaurants deponieren, das in der Nähe der städtischen Herberge lag, die erst um 13 Uhr mittags ihre Pforten öffnete. Während wir am Tresen unseren Milchkaffee tranken und die „Churros“, diese fettigen Teigkringel darin schwenkten, nestelte ich aus meiner Handtragetasche mein Notizbüchlein hervor.

Zerflossen aller Schmerz, übervoll das Herz, vor Glück fast krank. Gott sei Dank!

Ich wollte Maria ein kleines, lyrisches Geschenk machen, das ich hier vom Spanischen ins Deutsche übertrage:

Türklopfer auf dem spanischen Jakobsweg„Jakobswege
endlos und träge,
nicht rückwärts schauen,
allein auf Ihn vertrauen.

Stolpern und fallen,
pilgernd wallen.
Aufstehn und weiter
mutig und heiter.

Mit meiner Kräfte Resten
vorwärts nur nach Westen.
Sankt Jakob ist mein Ziel,
ihn umarm ich still.

Zerflossen aller Schmerz,
übervoll das Herz,
vor Glück fast krank.
Gott sei Dank!“

Maria war schwer beeindruckt, wie ich so kleine Poesien in wenigen Minuten aus dem linken Ärmel schütteln konnte. Als ich ihr sagte, dass ich ein ganzes Bündel von Texten dabeihätte, mit denen ich allmorgendlich vor dem Abmarsch meine regelmäßigen Meditationen bestritt, die mich dann den Tag über begleiteten, fand sie das eine hervorragende Idee: „Ich werde heute mal durch die hiesigen Buchhandlungen streifen, vielleicht finde ich etwas ähnlich Passendes, das mich täglich ein wenig zum Nachdenken und zur Besinnung bringt.

Der Jakobsweg war ursprünglich ein Weg des Lug, des obersten keltischen Gottes

Lugo ist eine beschauliche Provinzhauptstadt, die bereits auf eine römische Geschichte zurückblickt. Damals war sie Hauptstadt der Provinz Gallaecia und eine noch vollkommen erhaltene, 2,5 Kilometer lange Stadtmauer zeugt bis heute eindrücklich von dieser rühmlichen Vergangenheit. Doch sie ist wohl noch 1000 Jahre älter, denn ihr Name geht auf den obersten keltischen Gott, den Sonnengott Lug zurück, der früher an der Stelle der heutigen Kathedrale ein großes Heiligtum besaß. Unter den Kelten war der heutige Jakobsweg nach Meinung renommierter Wissenschaftler ein Lug-Weg, der entlang des energiegeladenen 42. Breitengrades von den Pyrenäen zu den großen Kultstädten an der galicischen Westküste führte.

Die intakte Altstadt innerhalb des Mauerrings, die seit Jahrhunderten keine Zerstörungen mehr erlebt hatte, lud mit ihrer Fußgängerzone ein zum lockeren Flanieren. Viele kleine spezialisierte Läden, die seit 40 Jahren die gleiche Kundschaft aus der umliegenden Provinz bedienten, zahlreiche Handwerksbetriebe, denen man beim flinken Schaffen zusehen konnte, lauschige Plätze mit Bettlern und Straßenmusikanten, großzügige Flaniermeilen, wo man sehen und gesehen werden wollte. Dazwischen unzählige Bars und gute Restaurants, in denen die Leckerbissen der sehr variablen, galicischen Fleisch- und Fischküche im Angebot waren und verlockende Duftmarken verbreiteten.

Marianismus und Stierkult: Die Große Muttergöttin und ihr stierhörniger Jünglingsgeliebter

Wir lenkten unsere Schritte gezielt der gotischen Kathedrale zu, die Maria unbedingt besuchen wollte. Sie war durchaus fromm, wie viele spanische Frauen. Stilistisch war dieses Bauwerk ein ziemliches Sammelsurium: Die Seitenschiffe und der Westteil waren noch von romanischen Rundbögen überspannt. Das wesentlich höhere Hauptschiff wie auch das Äußere des Gotteshauses trug eine eindeutig gotische Handschrift.

Der Hauptaltar strahlte im Barock ebenso wie die Hauptkapelle im Chorumgang, wo man eine berühmte Marienstatue verehrte, die der Kirche ihren Namen gegeben hatte. Als Stütze des Lesepults diente in Lebensgröße recht phantasievoll Gabriel, der Erzengel der Verkündigung.

Da gerade eine Messe zelebriert wurde, konnten wir uns auch gleich noch eine Hostie einverleiben. Maria blieb danach noch lange sitzen, tiefinnig ins Gebet vertieft. Die Jungfrau mit dem Kind, die zugleich ihre Namensvetterin war, hatte es ihr total angetan.

Der Marianismus spielt in der spanischen Volksfrömmigkeit eindeutig die erste Geige, Christus tritt dahinter deutlich zurück. Das mag mit einer langen religiösen Tradition zusammenhängen, die ihre Wurzeln im Neolithikum hat, als aus dem Orient der Kult für die Große Muttergöttin und ihr zu Ehren der Stierkampf herüberschwappten. Der Stier war im Alten Orient ein Vertreter des Jünglingsgeliebten der Göttin, der nach dem Paarungsakt geopfert wurde und dessen Blut die Frühlingserde befruchtete.

Nicht zufällig findet man auf einigen andalusischen Fiestas bis heute den „Toro Cristo“, den mit Christus identifizierten Stier, der auf dem Höhepunkt seiner Kraft unschuldig geopfert wird und mit dem an Ostern zum ersten Frühlingsvollmond die Stierkampfsaison beginnt. Bis heute ist jede spanische Arena der Jungfrau Maria geweiht.

Die Große Mutter der Erde hat von der babylonischen Ischtar über die phönizische Astarte, die ägyptische Isis, die griechische Aphrodite, die römischeVenus bis zur christlichen Jungfrau Maria unzählige Male die Namen gewechselt, während ihre kultische Substanz stets fast die Gleiche blieb.

Als Zwischenmahlzeit ließen wir uns in einer Bar einige köstliche „Tapas“ aus Meeresfrüchten munden und machten dann einen ausgiebigen Spaziergang auf der historischen Stadtmauer einmal rund herum um die Altstadt. Sie ist nahezu fünf Meter dick, zwölf Meter hoch, besitzt alle zwanzig Meter einen Wehrturm, der in weitem Rund nach vorne springt, und wird reichlich von Müttern mit Kindern, Touristen und Radfahrern frequentiert.

Endlich wieder ein Bett und ein Trockenboden für meine durchweichten Sachen

Um 13 Uhr mittags öffnete endlich die Herberge ihre Tore und ich befand mich seit vielen Tagen mal wieder in der komfortablen Situation, ein Bett zu kriegen und es mir sogar nach Belieben aussuchen zu können. Normal wurden die Albergues, je näher man Santiago kam, immer voller, da sich auf den letzten 100 Kilometer viele Freizeitpilger tummelten, die in erster Linie unterwegs waren, um die begehrte „Compostela“-Urkunde für eine rechtmäßig anerkannte Pilgerschaft einzuheimsen.

Jetzt bot sich erstmals nach den Regentagen die Möglichkeit, den Rucksack auszuräumen und sein Inventar in Augenschein zu nehmen. Die Wäsche war angefeuchtet und muffelte leicht. Doch alles, was ich an Papieren und Büchern dabeihatte, war völlig durchgeweicht, einschließlich der beiden Pilgerausweise, in denen viele Stempel zerlaufen und gar nicht mehr zu erkennen waren. Ich wusch die Wäsche und legte die Papiere alle sorgfältig nebeneinander auf den Boden zum Trocknen. Bis zum Abend war diese Situation dann weitgehend bereinigt und am nächsten Morgen auch das letzte Stück trocken.

Die Pilger sind alle Schweine und hinterlassen die Küche wie einen wüsten Saustall

Als ich mir in der Küche einen Tee kochen wollte, war dort kein Topf und weder Teller, Tasse noch Geschirr aufzutreiben. Als ich Manuel, den Herbergsvater nach einer Erklärung dafür fragte, begann er wild zu schimpfen:

„Die Pilger sind alle Schweine. Ich habe wochenlang Morgen für Morgen die Töpfe und Pfannen geschrubbt und das gebrauchte Geschirr vom letzten Abend abgewaschen. Obwohl ein großes Schild über dem Herd hing, dass jeder Gast das von ihm benützte Geschirr zu reinigen und die Küche wie vorgefunden zurücklassen möge, hielt sich niemand daran. Eines Tages ist mir der Kragen geplatzt, als die Küche ausschaute wie ein wüster Saustall. Da habe ich das ganze Inventar gepackt und im Müllcontainer versenkt. Einen Blöden sollen sie sich woanders suchen. Ich bin Herbergsvater und keine Putzfrau.“

Das Problem rührte in erster Linie von den spanischen Männern her, von denen viele nie dazu erzogen wurden, auch nur den geringsten Handschlag im Haushalt zu tun. Bei Mitteleuropäern ist mir das unterwegs nie begegnet, die in diesem Fall jedoch die Folgen fremden Fehlverhaltens mit ausbaden mussten.

Da tat es einen dumpfen Knall aus dem oberen Stockbett

Als ich nach dem ausgiebigen Spaziergang in der Schlafstube etwas mein Bein hochlegte, tat es am anderen Zimmerende plötzlich einen dumpfen Knall. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass noch wer im großen Raum präsent war. Ich schreckte auf und eilte hinüber: Da wand sich eine Frau mit Schaum vorm Mund am Boden, der Körper war wie erstarrt. Ich merkte gleich, dass sie einen epileptischen Anfall erlitten hatte und offenbar aus dem oberen Stockbett gefallen war. Ich redete beruhigend auf sie ein und half ihr nach einiger Zeit, als die Verkrampfung langsam nachließ, wieder auf die Beine. Weitere Hilfe lehnte sie ab, sie käme jetzt schon selber klar, da sie sich nicht weiter verletzt hätte. Wir wechselten nur noch ein paar Worte. Brigitte war von Deutschland nach Bilbao geflogen und von dorther auf der alten Küstenroute gewandert. Unterwegs hatte sie verschiedene Touren durch die hochalpinen Picos de Europa gemacht, wo sie sich dank wenig korrekter Beschreibungen des Outdoor-Führers elend verlaufen hatte.

Ich war ihr schon in Oviedo in der Herberge begegnet, doch ihr ausgehärmtes und stets etwas mürrisches Gesicht hatte mich nicht motiviert, ihre nähere Bekanntschaft zu machen. In Salas trafen wir erneut zusammen, da erzählte sie sehr vage von verschiedensten Krankheiten, die sie mit sich herumtrüge, ohne konkreter zu werden. Jetzt hatte sie ungewollt den Offenbarungseid geleistet. Nun wusste ich Bescheid und zollte ihr meinen höchsten Respekt. Wie leicht schiebt man andere doch aufgrund irgendwelcher Äußerlichkeiten in falsche Schubladen! Was für ein Mut und ein höheres Vertrauen gehörten wohl dazu, mit so einem Handicap allein auf Pilgerreise zu gehen?


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 54 – Ein Reisebericht

Beginnen Sie zu lesen:
Teil 1 – 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen – Ein Reisebericht

Bildnachweis Titelbild: Letzte große Rast auf dem spanischen Jakobsweg
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt