Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Glückliches Galicien am Santiago-Markt, zu Gast beim compostelanischen
Kirchenfürsten Gelmirez und der Heilige Jakobus in der Lichtaureole…

26. Juli
Santiago de Compostela (Drei Kilometer)

Mich erwartete ein neuer, ruhiger Tag ohne die übliche Anstrengung der letzten Wochen. Die lange und intensive Entspannung mit zehn Stunden Schlaf taten meiner Leiste gut, die sich ganz allmählich wieder erholte. Mit Lisbeth und Ann-Britt hatte ich mich um 14 Uhr zum Mittagessen verabredet und ausgemacht, heute Abend gemeinsam ein Folk-Freiluftkonzert zu besuchen, das innerhalb der einwöchigen Fiestas auf dem Quintana-Platz neben der Kathedrale gegeben wurde.

So pilgerte ich nach dem Frühstück mit Milchkaffee und getoasteten Croissants mit Butter und Marmelade beschwingt ins Stadtzentrum. Santiago war voller sehenswerter Kirchen, die man an anderen Orten sicher besucht hätte, doch für den Pilger zählte hier nur die Kathedrale. Ihr galt seine einzige Aufmerksamkeit. Doch heute gab es noch eine andere Attraktion, die ich mir seit langem einmal ansehen wollte, denn es war Markttag angesagt.

Rollende Karawanen breitgehörnter Zugochsen, rosiger Ferkel und ermatteter Hühner

Seit den frühen Morgenstunden waren sie mit Bussen und Lieferwagen, die oft rollenden Karawansereien glichen, aus allen Dörfern der Umgebung zum Santiago-Markt angereist: Bauern mit ihren stämmigen Frauen, die treu dreinblickende, breitgehörnte Zugochsen am Strick hinter sich herzogen. Ermattete Hühner mit zusammengeschnürten Beinchen konnten kaum noch atmen. Sonst als sanft apostrophierte Lämmer sträubten sich mit aller Macht und verzweifelten Mäh-Rufen gegen den Abtransport, so als könnten sie das Blut des Schlächters schon von Weitem riechen. Rosige Ferkel wimmelten durch aufgebaute Pferche und labten sich an einer mit Milchwarzen übersäten, fetten Sau.

Alte Bauersfrauen hatten sich behäbig auf Holzkisten hinter gestapelten Bündeln von Zwiebeln, Möhren, Kohlpflanzen und Bergen von Kartoffeln niedergelassen. Etwas weiter ein reges Palaver, ausgefuchstes Handeln und Fachsimpeln, Betasten und Zähne Begutachten auf dem Rossmarkt, auf dem die Füllen, Ponys, Esel, Maultiere und ausgewachsenen Deckhengste nervös die Köpfe aneinanderrieben.

Glückliches, ursprüngliches, ach so liebenswertes Galicien!

Unweit davon hatte ein großer Rummelplatz aufgemacht. Zauberer und Märchenerzähler hielten eine ganze, auf dem Boden kauernde Kinderschar in Atem. Kunsthandwerker boten ihre traditionellen und modernistischen Leder- und Töpferwaren feil. Junge Burschen verwöhnten ihre Mädchen mit Eis und Süßigkeiten. Mehrere Stände boten das tintenfischige Nationalgericht „Pulpo“ auf Holzbrettern an und reichten dazu den säuerlich erfrischenden Ribeira-Wein in landesüblichen Porzellantassen. Karussells und Schiffschaukeln wirbelten durch die Gegend.

Musik durfte auf Märkten und bei Fiestas nie fehlen: Gaitas, Tamborile und Pauken ließen die melodischen „Muneiras“ und „Ribeiras“ erklingen und einige junge Pärchen fielen zu den peitschenden Rhythmen gleich in graziös hüpfende Tanzschritte ein. Glückliches, ursprüngliches, ach so liebenswertes Galicien!

Gaumenschmaus drinnen – Augenschmaus draußen

Ich pilgerte gegen 14 Uhr der Rua de Villar zu, wo ich mich mit Lisbeth und Ann-Britt in einem Fischrestaurant zum Mittagessen verabredet hatte. Wir bestellten gemeinsam eine Riesenplatte mit verschiedensten, köstlichen Meeresfrüchten. Waren diese gleichermaßen ein Augen- wie Gaumenschmaus, so bekamen wir durch die geöffneten Fenster von draußen auch noch einiges geboten:

Das Festkomitee hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben für die schönsten Trachten und die urigsten Ochsengespanne. Sie holperten nun auf ihren eiernden, hölzernen Scheibenrädern über die Granitplatten und die weibliche Besatzung der Wagen hatte sich reizend in Schale geworfen mit ihren seidenen Spitzenhäubchen, gestickten Blusen und bunten Röcken. Die „Gaiteros“ sorgten für die musikalische Begleitung. Und Bauernburschen in weißen, bortenbestickten Hemden führten die Zügel der trägen Ochsen und leerten mit der anderen Hand Flaschen von Orujo, jenes köstlichen Tresterschnapses, der sie bisweilen in wilde Juchzer ausbrechen ließ.

Erzbischof Gelmirez – ein skrupelloser, machiavellistischer Politiker

Nach dem Mittagessen beschlossen wir, den Palast des Erzbischofs Gelmirez aus dem 12. Jahrhundert zu besuchen, der sich zur Rechten der Kathedralstürme duckt: ein prächtiges, romanisches Bauwerk mit eindrucksvollen, palmengefächerten Säulenhallen, das den hohen Kunstsinn und den Prunk am Hof des bedeutendsten compostelanischen Kirchenfürsten erahnen ließ.

Unter diesem Herrscher erreichte Santiago zu Beginn des 12. Jahrhunderts seinen größten Einfluss. Denn Don Gelmirez war ein skrupelloser, machiavellistischer Politiker, der virtuos mit allen Fäden der Macht zu spielen wusste und gut in die Zeit der Frührenaissance gepasst hätte.

Kurz zuvor hatte sich die spanische Kirche mit dem Vatikan versöhnt, den alten mozarabischen Ritus abgeschafft und durch die römische Liturgie ersetzt sowie dem burgundischen Reformorden von Cluny großen Einfluss im Kgr. Castilla y León eingeräumt.

Im machtpolitischen Dreieck von Rom, Cluny und Santiago wurde das Abendland aus der Taufe gehoben

Der spätere König Alfons VII., der direkt aus einer Burgunderdynastie stammte und ein Neffe des Papstes Calixtus II. war, war das Mündel von Bischof Gelmirez, der lebenslang sein Berater, Kanzler und Beichtvater blieb.

Im familiär vielfach verbandelten, machtpolitischen Dreieck von Rom, Cluny und Santiago wurde wenige Jahre nach dem 1054 vollzogenen Schisma mit Byzanz das Abendland aus der Taufe gehoben, das zwischen 1080 und 1120 in seine formgebende Phase trat.

Santiago de Compostela wurde zum 2. Jerusalem und zum neuen Fernziel eines dichten Netzes von Pilgerwegen West-, Nord- und Mitteleuropas, für das nun der ganze mächtige Propagandaapparat der römischen Kirche in Aktion trat.

Denn 1070 war das Heilige Land in die Hände der Seldschuken gefallen, die dem Oströmischen Reich 1079 bei Manzikert eine vernichtende Niederlage beibrachten, von der es sich bis zu seiner Eroberung durch die Osmanen 1453 nie mehr wirklich erholte.

Rom war damit endgültig vom Damoklesschwert der militärischen Bedrohung durch Byzanz befreit. Zugleich war Jerusalem als bisheriges Hauptpilgerziel der Christenheit ausgefallen, wenngleich die einsetzenden Kreuzzüge noch zwei Jahrhunderte vergeblich versuchten, diese Uhr zurückzustellen.

Gelmirez war der eigentliche Schöpfer und gewiefteste Propagandist des europaweiten Jakobskults

Unter der 40-jährigen Herrschaft von Gelmirez von 1100 bis 1140 wurde die romanische Kathedrale eingeweiht und durch seine privilegierten Beziehungen zum spanischen Papst und großen Pilgerfreund Calixtus II. sein Bistum zum Erzbistum erhoben. Er rief sogleich die Historia Compostelana ins Leben, mit der die rechtlichen Ansprüche der jungen Erzdiözese zurechtgetürkt und gegen die viel Älteren des Metropoliten von Braga abgesichert wurden.

Der Bragenser Klerus suchte fortan zusammen mit dem Handelsbürgertum von Porto seine Zuflucht in der portugiesischen Unabhängigkeit, die mit einem kurzen Interim 1580 -1640 bis heute Bestand hatte.

Gelmirez war zudem der eigentliche Schöpfer und ein gewiefter, mit allen Wassern gewaschener Propagandist des europaweiten Jakobskults. Dieser hatte seine Ursprünge zwar schon im 9. Jahrhundert, doch die Pilgerströme nahmen erst jetzt nach dem Abflauen der Ungarn- und Normannenstürme und mit dem Rückenwind Roms internationale Ausmaße an.

Zwischen 1130 und 1150 wurden erstmals sämtliche Legenden über den Apostel im Codex Calixtinus zusammengefasst. Er war auch als Liber Sancti Jacobi, Buch des hl Jakobus bekannt, welches ein Extrakapitel mit einem detaillierten Reiseführer der Pilgerrouten zu seinem Heiligtum in Santiago de Compostela enthielt.

Lisbeth war sehr dankbar, dass sie durch meine Vermittlung doch noch eine Menge von Santiago mitbekam, und war heute in Spendierlaune. So durften wir uns Kaffee und die besondere Santiagotorte unter spätgotischen Gewölben im vornehmen Fünfsternehotel Hostal de los Reyes Católicos leisten, das vom Königspaar Fernando und Isabela 1492 als feudale Pilgerherberge gestiftet worden war. Ihre Fassade zum Obradoiro-Platz ist ein Meisterwerk der profanen, spanischen Spätgotik, die als isabellininischer Dekorstil bezeichnet wird.

Durch die Fenster fielen die letzten Lichtstrahlen ein, die Seitenschiffe lagen bereits in düsterem Schatten, doch im Zentrum des Altares prangte Santiago wie ein gütiger, weiser Buddha in der Abendsonne

Es war gerade kurz nach fünf Uhr nachmittags, als wir mehr durch Zufall nochmals in die Kathedrale schlenderten. Das Schauspiel, das sich hier bot, war allerdings atemberaubend. Durch die Fenster fielen die letzten Lichtstrahlen ein, die Seitenschiffe lagen bereits in düsterem Schatten, doch im Zentrum des Altares prangte Santiago wie ein gütiger, weiser Buddha im Widerschein seines silbrigen Brustpanzers. Diese Aureole geballten Sonnenlichts begleitete ihn eine halbe Stunde, dann war auch sein Glanz erloschen. Welch kostbares Abschiedsgeschenk dieses Herrn, der mich 50 Tage auf meinem Weg geleitet und behütet hatte!

Um 20 Uhr war innerhalb des umfangreichen Festprogramms auf der Praza de Quintana eine Folk-Veranstaltung einer Latinogruppe angesetzt. Der Platz war eine ideale Freiluftbühne mit hervorragender Akustik und erlesener Architektur inmitten von ehrwürdigen historischen Bauwerken. Die Granitplatten der großen Freitreppe speicherten noch eine Zeitlang die Wärme der Tagessonne, und bildeten eine natürliche Heizung, doch dann wurde es empfindlich kalt. Wir drückten uns fröstelnd aneinander, bis uns die heißen Rhythmen voll in ihren Bann schlugen und wir uns dem wogenden Meer tanzender, sich windender Körper zugesellten, bis in die späte Nacht hinein.


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 57 – Ein Reisebericht

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Bildnachweis Titelbild: Santiago – Blick auf die Kathedrale
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt