Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

1016 Kilometer zu Fuß und Unmengen von Erfahrungen lagen hinter mir –
Magisches Kap Finisterre: unglaubliche Begegnungen, wiegende Steine gegen
Unfruchtbarkeit, Brot und Wein,
das verbrannte Hemd und das Bad der Reinigung…

 

27. Juli
Santiago de Compostela – Finisterre – Kap Finisterre (87 Kilometer per Bus, 10 Kilometer zu Fuß)

Normal sind es zu Fuß von Santiago zum Westkap Finisterre noch drei gefüllte Tagemärsche, doch meine inzwischen auch knapp bemessene Zeit ließ mich dafür den Autobus nehmen. Landschaftlich ist die Fahrt entlang der Rias, der weit ins Land einschneidenden Fjorde von einer unvergesslichen Schönheit: das glasklare, blaugrüne Wasser der weiten Strandbuchten, die bunten Wimpel der Fischerboote, Mais- und Kohlfelder, Eukalyptushaine, urige Dörfer aus hartem Granit mit freundlichen Blumenbalkonen.

Pepe – Fidel Castro wie aus dem Gesicht geschnitten

Im Bus saß ich neben Ramona, die auf ihrer Kamera gerade die Bilder der letzten Tage durchlaufen ließ. Ich schaute ihr etwas über die Schulter und erkannte auf einem Foto Pepe, den Dauerpilger, der mit ihr in einer sehr innigen, unzweideutigen Umarmung umschlungen war. Sie bekam bei der Rückerinnerung ganz verträumte Augen und ich meinte: „Den kenn ich auch. Das ist doch Pepe. Der ist Fidel Castro wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Das hätte ich wohl besser nicht gesagt, denn die rassige Ramona stellte sich als Exilkubanerin heraus und war eine militante Gegnerin des kommunistischen Regimes. Ich hatte zwar mit meiner Anmerkung keinerlei Parteinahme ausgesprochen, doch für sie war es empörend und provozierend, dass ihr sympathischer, so zärtlicher Pepe mit dem in ihren Augen verabscheuungswürdigen Diktator der Zuckerinsel auch nur entfernte Ähnlichkeiten haben könnte.

Zwar war es mir unmöglich, im Weiteren meine aufgebrachte Nachbarin zu beruhigen, die sich für den Rest des Weges ostentativ abwandte, doch ich war dem Rätsel Pepe etwas näher gekommen. „Fruchtbarkeitssteine“ an der Ermita de San Guillermo nahe Finisterre, von Priestern im 18. Jh. zertrümmert

Ein wiegendes Steinbett macht Unfruchtbare fruchtbar

Gegen 10 Uhr morgens langte ich mit Lisbeth und Ann-Britt im Dorf Finisterre an. Die letzten Kilometer bis zum Cabo Fisterra, wie es die Gallegos nennen, sind zu Fuß zurückzulegen. Auf der Hälfte der drei Kilometer langen Asphaltstraße zum Kap trennte ich mich von meinen schwedischen Gefährtinnen und nahm eine steile Sandpiste scharf nach rechts zum „Santuario de San Guillermo“.

Der Hl. Wilhelm hauste hier auf den Höhen des Kapgebirges in grauer Vorzeit als Einsiedler. Sein Heiligtum war bis ins 18. Jahrhundert von eremitischen Nachfolgern besetzt. Von den Einheimischen, besonders von den unfruchtbaren Frauen, wurde er als Retter in höchster Not verehrt, als eine Art von Fruchtbarkeitsgott. Denn über seiner Kapelle befand sich ein „wiegendes Steinbett“, das die Natur aus Granitblöcken geformt hatte, in dem die verzweifelten, nach Nachwuchs lechzenden Paare mit seinem Segen eine Nacht verbringen mussten.

Die noch an vielen Orten Galiciens anzutreffende Steinmagie erinnerte an keltisch-druidische Heilungspraktiken, über die Erfolgsquote dieser Methoden konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Jedenfalls war die Nachfrage nach diesem „heidnischen Aberglauben“ derart gewaltig, dass sich der zuständige Bischof im 18. Jahrhundert entschloss, diesem Ärgernis ein gewaltsames Ende zu bereiten und die Felsblöcke zertrümmern zu lassen, wie Padre Sarmiento in seinen MeEinsame Strände und gischtendes Meer am Kap Finisterremoiren voller Genugtuung berichtete.

Auch Maria wurde auf wundersame Weise schwanger

„Wiegende Steine“ in ähnlicher Funktion gibt es bis heute im Küstenort Muxia, die in römischer Zeit der Liebesgöttin Venus unterstanden, bevor sie in der christlichen Ära in die Obhut Marias übergingen, die ja auch auf wundersame Weise schwanger wurde. Sie soll hier der Legende nach dem erfolglosen Missionar Jakobus zur Aufmunterung in einem steinernen Schiff erschienen sein. Die Frucht dieser legendären Begegnung soll das neben Padrón früheste Marienheiligtum der Welt gewesen sein. Die bis heute hochverehrten, magischen Steine an der Küste werden als Segel ihres Bootes gedeutet.

Vom Sanktuarium des San Guillermo sind leider nur Trümmer übriggeblieben. Archäologische Ausgrabungen sind derzeit dabei, das dort früher stehende Gotteshaus zu rekonstruieren. Die intakte Höhle, in der der Eremit hauste, kann bei Bedarf jederzeit von einem neuen Guru bezogen werden. Die einst magiegeladenen Steine sind jedoch derart deformiert, dass es reichlicher Phantasie bedarf, sich ihren ursprünglichen Zustand vorzustellen. Da hat unser Bischof ganze Arbeit geleistet. Blick auf das Dorf Finisterre

Allein, der Blick von der Höhe hinunter auf das Fischerdorf Finisterre und in der anderen Richtung auf das weit ins Meer hinauszüngelnde Westkap ist berauschend. Hier war der richtige Ort, mich auf die letzten Kilometer einzustimmen.

Gott ist Meer – in ihm Welle werden

Meine lädierten Beine waren auf dem besten Wege, mich die letzten Kilometer bis ans Finisterre, ans „Ende der Welt“ zu tragen. Dahinter nur noch endlose Weite, voreinst der bodenlose Absturz in den Hades, der Eingang in die Unterwelt. Was mochte ein Pilger im Mittelalter hier empfunden haben, bevor Kolumbus den Globus abrundete und aus dem linearen Ende eine zirkulare Unendlichkeit wurde?

Für mich war es ein Gefühl wie auf dem Gipfel eines hohen Berges. Man fühlte sich Gott näher. Hier wurde man winzig klein, solange man auf festem Boden verblieb, in den endlosen Horizonten verschwamm die persönliche Identität zu einem fast unmerklichen Nichts. Ich versuchte mir vorzustellen, Welle zu werden, ohne Anfang und ohne Ende, in stetiger Wandlung, Teil eines viel Größeren. Gott ist mehr! Hier war man geneigt zu sagen: Gott ist Meer.

1016 Kilometer zu Fuß und Unmengen von Erfahrungen lagen hinter mir

Für mich war der 54. und letzte Tag meiner Pilgerfahrt angebrochen. Ich hatte nach meiner akribischen Abrechnung 1016 km zu Fuß und 386 km per Autostop, Bus oder Bahn hinter mir. Am gleichen Abend wollte ich mit dem Bus noch zurück nach Santiago und mit dem nächtlichen TALGO weiter nach Madrid, um dort meiner Tochter Ariadne einen mehrtägigen Besuch abzustatten, bevor es per Flug in die Heimat zurückging.

Sicher wärKreuz am Kap Finisterree es auch für mich eine rundere Sache gewesen, wenn ich dieses Kap am „Ende der Welt“ pilgernd komplett zu Fuß erreicht hätte. Doch daran hatten mich gesundheitliche wie zeitliche Probleme gehindert. So konnte ich schrittweise meine Pilgerschaft zu Ende bringen: In O Cádavo Baleira wollten mich die Füße nicht länger tragen und ich musste bis in die Jakobsstadt auf den Bus umsteigen. In Santiago durfte ich dafür die grandiosen Fiestas und das fulminante Feuerwerk in der Nacht zum 25. Juli miterleben. Heute stand mir der finale Abschied von der großen Reise bevor, dem ich mit einem dankbar lachenden und einem wehmütig weinenden Auge entgegenblickte.

War es bis hierher zwei Kilometer bergauf gegangen, so zog sich der steinige Wildpfad durch stacheliges Unterholz nochmals über die gleiche Distanz hinunter zum Cabo Fisterra. Im Café am Leuchtturm hatte ich mich mit Lisbeth und Ann-Briitt verabredet und ich staunte nicht schlecht, als ich an einem Tisch in der Ecke meine mexikanischen Bekannten Emilio und Silvia wiedertraf.

Mit ihnen schien mich ein geheimnisvolles Kabel zu verbinden, denn ich traf sie zwei Tage später nochmals mitten im Zentrum der Fünfmillionenmetropole Madrid, als ich gerade ein Internetcafé verließ. Emilio meinte dazu nur lakonisch: „Die Welt ist klein. Wenn du mal in Mexiko vorbeikommst, schaust du bei uns vorbei.“ Doch zunächst wollte dieses herzliche Wiedersehen begossen werden.

Dann rief ich meinen Herzensfreund Fran auf seinem Handy an: „Hola amigo, ich habe dich tagelang in Santiago vergeblich erwartet. Jetzt bin ich am Kap Finisterre. Wo bist du, wie geht´s dir?“

Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin in guten Händen und werde in jedem Moment von Ihm geführt

Er war ganz außer sich, meine vertraute Stimme wieder zu hören. Er konnte mich ja telefonisch nicht erreichen, wenn ich mich nicht rührte:
„Ich bin in Lugo und habe hier Arbeit gefunden. Eine große Baustelle, wo ich Installationsarbeiten ausführen muss. Es ist physisch leichte Maloche, die mein Kreuz verkraften kann. Für Übernachtung und Verpflegung ist gesorgt. Der Lohn, naja, was willst du erwarten in diesen Zeiten der Immobilienkrise? Man kann schon froh sein, dass man überhaupt noch schaffen darf. Doch was ich hier verdiene, kann ich für Carmen zurücklegen. In wenigen Wochen werde ich ihr alles mit Heller und Pfennig zurückzahlen, was ich ihr schulde. Dann sehen wir weiter. Ich werde sie nie vergessen und nicht wie ein Schmarotzer, sondern wie ein Caballero um sie kämpfen.“

Ich brachte noch kurz Carlos aus Barcelona ins Spiel:
„Es ist möglich, dass du in nächster Zeit einen Anruf von einem Carlos bekommst. Das war ein Mitpilger von mir, der dabei ist, ein Stiftungsprojekt für Bedürftige und Gescheiterte aufzubauen. Ich habe ihm deine Handynummer gegeben. Der ist schwer in Ordnung und könnte dir vielleicht in der Zukunft eine Hand reichen.“ Jakobspilger kurz vorm „Ende der Welt“

Ich gab ihm noch seine Telefonnummer mit dem Hinweis, dass es vielleicht besser sei, nicht auf ihn zuzugehen, sondern seine Reaktion abzuwarten:

„Carlos ist ein gebranntes Kind und ist mit seinen selbstlosen Hilfsangeboten für Asoziale in der Vergangenheit wiederholt böse auf die Nase gefallen.“

Fran meinte voll tiefen Gottvertrauens:
„Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin in guten Händen und werde in jedem Moment von Ihm geführt. Du warst der einzige wahrhafte Christ und der einzige echte Pilger, dem ich unterwegs begegnet bin. Dank dir habe ich meine Fehler und Irrfahrten eingesehen und mich total Seinem Willen verschrieben. Welchen Kelch er mir auch schickt, ich werde ihn mit Freude und Dankbarkeit bis zur Neige leeren. Die Rechnung wird erst am Ende aufgemacht, wie in deiner wunderbaren Geschichte von Salas, die ich nie vergessen werde.“

„Deinen Glauben und deine Zuversicht möchte ich haben, du hast mir viel beigebracht. Meinst du, dass wir uns noch mal wiedersehen werden?“
„No dudes!“ – zweifele nicht daran!, schallte es aus dem Hörer. Dann war die Leitung unterbrochen, doch im Grunde auch alles gesagt.

Als ich das Lokal verließ, näherte sich auf der Straße eine etwa ein Dutzend starke Gruppe von Pilgern, unter ihnen zwei weißgewandete Mönche in ihren Habits. Ich erkannte bald, dass es sich dabei um meine französischen „Pélerins“ handelte, mit denen ich vor langen Wochen in Burgos das Morgengebet zelebriert hatte. Wie damals stellten sie sich auf in einem großen Kreis, in den ich mich problemlos einreihen durfte. Sie hatten sich zum Abschluss ein würdiges Ritual vorgenommen: Ein Priester weihte die Hostien und den Wein und ließ sie herumgehen, wobei jeder seinem Nebenmann das Sakrament mit den Worten stiftete „Christi Leib für dich gegeben“, „Christi Blut für dich vergossen“.

Kleine Blumen mögen zu blühen beginnen und ihren Duft ausbreiten, wo immer du gehst

Am Ende erteilte der andere Mönch seinen Pilgerbrüdern einen Irischen Reisesegen, den ich über mein kleines Aufnahmegerät mitnehmen konnte:

„Segen sei mit dir,
der Segen des strahlenden Lichts,
Licht um dich her
und innen im Herzen.
Sonnenschein leuchte dir
und erwärme dein Herz,
bis es zu glühen beginnt
wie ein großes Torffeuer,
zu dem der Fremde tritt,
sich daran zu wärmen,
und der Freund.

Aus deinen Augen
strahle gesegnetes Licht
wie zwei Kerzen
in den Fenstern eines Hauses,
die den Wanderer einladen,
Schutz zu suchen dort drinnen
vor der stürmischen Nacht.

Wen du auch triffst,
wenn du über die Straße gehst,
ein freundlicher Blick von dir
möge ihn treffen.

Und der gesegnete Regen,
der köstliche, sanfte Regen,
ströme auf dich herab.
Die kleinen Blumen
mögen zu blühen beginnen
und ihren Duft ausbreiten,
wo immer du gehst.

Möge der Segen des großen Regens
auf deinen Geist herniederströmen
und ihn hell und rein waschen
und dort einen See füllen,
in dem das Blau des Himmels
sich spiegelt
und manchmal ein Stern.

Der Segen der Erde,
der guten, reichen Erde,
sei für dich bereit.
Weich sei die Erde,
wenn du auf ihr ruhst,
müde, am Ende des Tages.
Und leicht ruhe die Erde auf dir,
am Ende deines Lebens
dass du sie am Ende leicht
abschütteln kannst
und auf und davon gehen
auf deinem Wege zu Gott.“

 

Ein letzter Händedruck im Kreis, ein demütig verbeugendes „Amen, so sei es“, dann lagen sich alle freudestrahlend in den Armen. Es war vollbracht. Ihre große Pilgerfahrt, die sie schon von Frankreich herführte, war zu Ende.

Der Kreis schließt sich: zu Anfang Heiliges Bad in Lourdes – Ritualbad im Atlantik zum AbschlussFinisterre- Ende meiner Pilgerreise- schlapp, aber glücklich

Für mich gab es noch eine Kleinigkeit zu erledigen, wofür ich allein sein wollte. So folgte ich an diesem strahlendblauen Tag, an dem der Wind heute an diesem normal sturmumbrausten Kap fast den Atem anhielt, einem kleinen Pfad hinunter zum Strand. In meiner Hosentasche hatte ich mein zerschlissenes, einst weißes T-Shirt dabei. Unter meinem flackernden Feuerzeug ging es in Flammen auf.

...da gehts ja noch weiter nach AmerikaDann entledigte ich mich meiner wenigen Klamotten und stürzte mich in die kalten Fluten, gerade lange genug, dass der Schweiß abperlte. Die Erfrischung war mehr der Nebeneffekt, in Wahrheit handelte es sich um ein Ritualbad der inneren Reinigung.

Ich fühlte mich dabei stark an den Beginn meiner Pilgerfahrt in Lourdes erinnert, als ich nach dem Besuch der dortigen heiligen Bäder in mein Tagebuch notierte: „Lourdes ist ein Ort der Kraft, der Heilung, der Wandlung, der Wiedergeburt.

Hier am „Ende der Welt“, am Ende meiner Reise brauchte ich für Lourdes nur Kap Finisterre einzusetzen, sonst hatte ich wenig hinzuzufügen. Doch war ich dort noch als Greenhorn quasi wie ein Kind gestartet, so war ich hier und jetzt wie ein durch tausend Erfahrungen bereicherter und gereifter erwachsener Pilger angekommen. Ich war glücklich im Ziel eingetroffen – doch der Weg geht weiter…


Redaktion allesanderswo.de

Beginnen Sie zu lesen:
Teil 1 – 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen – Ein Reisebericht

Bildnachweis Titelbild: Kap Finisterre: Am Ende meiner Pilgerreise
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt