Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Vorüberlegungen und praktische Vorbereitungen für die Reise auf dem spanischen Jakobsweg:
„Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft.“

März bis Mai
Berlin

Es muss etwa im Februar oder März gewesen sein, dass ich zu Peter Förtner, mit dem ich ideenmäßig das Webprojekt „allesanderswo“ erörterte, äußerte: „Wenn wir schon an einem Thema Pilgern arbeiten, erschiene es mir ganz sinnvoll, mich auch einmal selber und alleine zu Fuß auf Pilgerschaft zu begeben, um herauszufinden, was sich da eigentlich abspielt.“ Ich war 1998 mit meiner damaligen Freundin das Stück auf dem Jakobsweg in Spanien von León bis Santiago gelaufen und hatte dabei die Erfahrung gemacht, dass man nie so richtig loslassen kann, wenn man ständig von allzu Bekanntem und Bekannten umgeben ist.

Pilgern – eine Erinnerungsreise durchs eigene Leben

Beim Pilgern braucht man vielReisevorbereitungen in Berlin Zeit für sich, um parallel zur äußeren Bewegung eine lange, intensive Erinnerungsreise durchs eigene Leben zu unternehmen. Es gilt Knackpunkte herauszufinden, Strukturen, die sich in verschiedenen Formen immer wiederholen, um die eine oder andere Weiche umzulegen. Pilgern bedeutet unterwegs sein und hat oft eine Menge mit Rückbesinnung, Krise, Neuaufbruch und der Öffnung von Prozessen der inneren Heilung und Verwandlung zu tun.

Viele beschreiben den Pilgerweg als einen Pfad der Erleuchtung, doch damit wäre ich vorsichtig. Das ist harte Arbeit, dabei wird einem nichts geschenkt. Wer ans Licht kommen will, muss erst die Dunkelkammern der eigenen Seele durchwandert haben. Viele stellen sich Erleuchtung vor wie einen Blitz aus der Höhe und dann ist alles hell. Das ist Mumpitz. Das Licht existiert nicht ohne Finsternis ebenso wenig wie das Ego ohne seinen Schatten.

Das Wesentliche einer Pilgerfahrt passiert erst ein halbes Jahr später,
wenn die Seele zu Fuß wieder daheim angekommen ist

Im Nachhinein würde ich sogar behaupten: Das Wesentliche einer Pilgerfahrt passiert erst ein halbes Jahr später, wenn die Seele zu Fuß wieder daheim angekommen ist und sich mit dem per Rückflug vorausgeeilten Leib erneut vereint. Erst jetzt kann einem so manches Licht aufgehen, für dessen Wahrnehmung man unterwegs bei den 30-Kilometer-Tagesmärschen schlicht zu müde war.Bei glühender Hitze auf dem spanischen Jakobsweg...

Wenn Pilgerschaft aus religiösen Gründen erfolgt, und das ist in der einen oder anderen Schattierung bei der großen Mehrzahl der Fall, dreht sie sich um die ewigen Fragen der menschlichen Existenz: „Wo komme ich her? Wer bin ich und welchen Sinn hat mein derzeitiges Dasein? Wo gehe ich hin?“ Letztlich muss jeder selber auf diese Fragen seine sehr eigenen Antworten finden. Doch das Zusammentreffen und der rege Austausch mit so vielen Gleichgesinnten machen einem leichter klar, dass man nicht allein in diesem Schlamassel hängt, das sich „mein Leben“ nennt. Manchem hilft es auch, im Spiegel der Anderen leidige Grübeleien über Dinge, die nicht mehr verändert, sondern nur noch ungeschminkt und mutig angeschaut und angenommen werden können, abzustellen und den richtigen Fragen näher zu kommen.

Richtige Fragen sind auf jeden Fall solche, die nicht mit „warum“ anfangen. Denn jede Warum-Frage sucht den Schuldigen meiner Misere im Außen und nie bei mir selbst. So kann sie zur Selbsterkenntnis auch nichts beitragen. Aber darum geht es. Definitive Antworten wird es nicht geben, doch so manche Frage löst sich in Luft auf, wenn man eine neue stellt. Die letzte Frage „Wo gehe ich hin?“ wird uns bis zum Tod begleiten. Eine Pilgerfahrt geht zum Grab eines Heiligen oder Apostels und stellt so symbolisch eine Reise durchs Leben hin zum eigenen Tod dar.

„Eile nicht! Geh lanUnterwegs auf dem spanischen Jakobsweg...gsam! Das einzige Ziel, das Du erreichen sollst, bist du selbst.“

Die Kelten, in deren Lebensphilosophie die irdische Pilgerschaft einen zentralen Stellenwert einnahm, brachten sie mit folgenden Worten auf den Begriff: „Eile nicht! Geh langsam! Das einzige Ziel, das Du erreichen sollst, bist du selbst.“
In moderner Form hat das Antonio Machado ganz ähnlich in seinem berühmten Satz ausgedrückt: „Wanderer, es gibt keinen Weg. Den Weg bahnt man sich beim Gehen.“

Aurelius Augustinus hatte eine sehr tiefe Vorstellung vom Pilgern: „Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das andere, das Fremde. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht, kann ihn niemals ganz erfüllen. Seine Sehnsucht ist größer. Im Grunde seines Herzens sucht er ruhelos den ganz Anderen, und alle Wege, zu denen der Mensch aufbricht, zeigen ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg ist, ein Pilgerweg zu Gott.“

Trinkpause in LourdesWege zu Gott

Nach Ansicht der Deutschen St. Jakobusgesellschaft sind die Wege der Jakobspilger Wege zu Gott. Der Weg soll daher mit einem geistlichen Inhalt gefüllt sein, welcher dem Glaubensspektrum einer Spiritualität des Pilgerns gerecht wird:
„Memoria, Askese, Mystik, Kontemplation, Aufbruch, Heimatlosigkeit, Zugehen auf Gott, Ökumene, Schöpfung, Frieden, Gerechtigkeit, Fürsorge, Nächstenliebe, Stellvertretung, Teilhabe, Suche, Begegnung, Demut, Fürbitte, Versöhnung, Lob, Dank, Anbetung, Umkehr, Nachfolge und Leben.
Die ´Wege der Jakobspilger´ unterscheiden sich somit von touristischen, ausschließlich auf Landschaft, Geschichte und Kunst orientierten Routen.“

Bücher zur Einstimmung und eingelaufene StiefelDer Bart ist gleich ab...

An Büchern, die für mich wichtig waren zur Einstimmung, möchte ich neben den Klassikern Paulo Coelho, Shirley MacLaine und Hape Kerkeling besonders Rolf Legler „Sternenstraße und Pilgerweg“ hervorheben. Das ist inzwischen leider vergriffen und kann nur noch über Antiquariate bezogen werden. Er präsentiert ein Buch, das sehr weit ausholt, tief gründet und wirklich originelle, neue Antworten auf bisher offene Fragen bezüglich des falschen und des wahren Jakob gibt.

Zwei Monate vor meiner Abreise fing ich an, meine neu gekauften Stiefel täglich ein paar Stunden einzulaufen. In den letzten vier Wochen ging ich zwei- bis dreimal die Woche 20 bis 30 Kilometer mit gepacktem Rucksack quer durch Berlin, um mich langsam an das Gewicht zu gewöhnen. Bei der Abfahrt hatte ich immer noch zwölf Kilogramm dabei. Eine Woche später sollte ich zwei Kilogramm heimschicken und mit zehn Kilogramm vorliebnehmen. Das ist mehr als genug. Proviant und Wasser sind extra zu tragen.

Rast auf dem spanischen JakobswegIch werd an Dich denken in Spaniens Weiten, werde Dir danken Schritt um Schritt

Nachdem die Krankenkasse die Spezial-Schuheinlagen für meine Arthrose-Knie nicht übernehmen wollte, erklärte sich meine Podologin Martina spontan bereit, mir diese gratis anzufertigen. Dafür bekam sie einen selbstgepflückten Blumenstrauß und zum Dank ein Gedicht:

„Dein´ sensible Sorge um meine Sohle
hat mein Herz zutiefst berührt.
Ein jeder Schritt von Dir gekürt,
und das alles ohne Kohle!
Vergelt Dir´s Gott, was Dir gebührt,
ich stoße an zu Deinem Wohle!

Kein Segen war zu viel

Zwei Wochen vor dem Abflug von Köln nach Lourdes fing ich an, mich mit spirituellen Segenswünschen einzudecken:
Ich erhielt sie von dem Dominikanerpater des Paulusklosters um die Ecke, er verlas streng und recht formal den klassischen Roncesvalles-Segen nach seiner Agende. Es begann mit Abrahams Auszug aus Chaldäa ins Gelobte Land, doch ich erinnere mich nur noch an einen kurzen Abschnitt: „… Führe sie glücklich ans Ziel ihrer Fahrt und lass sie wieder unversehrt nach Hause zurückkehren. …“ Das konnte zumindest nicht schaden.

Wegweiser auf dem spanischen JakobswegPfarrerin Rebiger von der evangelischen Heilig-Geist-Kirche in Berlin erteilte ihn spontan und sehr persönlich, in Form einer modernen Fassung des 23. Psalms:

„Er ist mein Hirt.
Und mir fehlt nichts.
Er gibt mir Licht und Leben.
Es ist wie am Wasser.
Er stillt meinen Durst.
Er sagt mir, wie´s weitergeht.
Er ist der Gott, auf den ich hoffte.

Mein moslemischer Palästinenserfreund Khaled verband sie mit der Lektüre der zentralen, heilsgeschichtlichen Bedeutung Jesu im Koran, die mich sehr positiv überraschte. Dann besuchten wir in der Moschee in Reinickendorf im Zuge eines eindrucksvollen Rituals mit einer vorherigen rituellen Reinigung das Freitagsgebet. Anschließend händigte er mir eine Schutzkette aus Holzperlen aus und ein Büchlein „Mohammed – die Weisheit des Propheten“.

Schließlich legte mirDer Bart ist ab: Jetzt bin ich glatt rasiert... zum 96. Geburtstag meiner Mutter im Kreis meiner Familie zwei Tage vor meiner Abfahrt mein ältester Pfarrerbruder Walter die segnenden Hände auf: Loslassen war dabei der Grundton: die Heimat, die Sprache, das Klammern an wissenschaftlichen Begriffen. Freiwerden, Leerwerden, um Platz für Neues zu schaffen, um dem Anderen zu begegnen, Seine Gegenwart zu spüren, einen Ruf, nah und gewaltig: „Ich bin da!“

Vor dem Abmarsch in Lourdes segnete mich noch Pater Benedikt aus Prag mit kurzen, eindrücklichen Worten. Unterwegs ab Jaca konnte man sich in regelmäßigen Abständen quasi zur spirituellen Wegzehrung in den Pilgermessen meist mit dem Roncesvalles-Segen begleiten lassen.

Ich bin bis heute der Überzeugung, dass alles das kein einziges Mal zu viel war, dass man diese Segenswünsche wirklich als Wegbegleiter braucht, als eine Art tägliches Lebensbrot auf der symbolischen Pilgerschaft auf Erden.

Spirituelle Pilgerapotheke und modernes Traggestell am Rucksack

 Um diese für mich sehr wichtige, religiöse Dimension meiner Pilgerschaft zu unterstützen, fertigte ich mir aus Fotokopien eine „Spirituelle Pilgerapotheke“ an, aus der ich mir täglich eine meditative Dosis verabreichen konnte. Ich bediente mich dabei primär zweier Quellen: des Reisebegleitbuchs von Peter Müller „Wer aufbricht, kommt auch heim“, 2. Auflage Eschbach 1996, zitiert unter „Müller“ und des Webportals „Jakobus-Info.de“ von Thekla Schrange und Aloys Schäfer unter der Sparte „Gebete, Texte, Lieder und Verse“.

Die letzten Tage vor Mein Rucksack wird noch für die Reise angepasst...meiner Abfahrt waren noch ziemlich hektisch gewesen. Plötzlich musste alles sehr schnell gehen, nachdem man Vieles wochenlang vor sich hergeschoben hatte. Mein günstiger Flug ging obligatorisch am 3. Juni nur ab Köln. Doch ich hatte seit meiner Abfahrt von Berlin am 30. Mai noch Einiges zu erledigen. Zunächst arrangierte ich es, dass der 96. Geburtstag meiner Mutter im Kreis der Familie in München um zwei Tage auf den 1. Juni vorverlegt wurde. Am selben Abend fuhr ich mit meinem Bruder zurück nach Berchtesgaden, wo ich als Jugendlicher aufgewachsen war und mit meinen neuen Stiefeln eine kleine Bergtour unternehmen wollte. Doch dazu kam es dann gar nicht mehr.

Ich stattete vormittags meinem alten, tödlich abgestürzten Kletterkameraden am lokalen Friedhof einen Besuch ab. Dann ließ ich auf den letzten Drücker beim einzigen noch verbliebenen Schuster des Ortes, der schon vier Jahre im Ruhestand war, meinen Rucksack auf Vordermann bringen. Am gleichen Abend kehrte ich mit dem Spätzug nach München zurück, wo ich bei meinem früheren Klassenkameraden Franz übernachten konnte.

Um 5:23 Uhr morgens ging es per Bahn mit dem ICE nach Köln, wo ich in der beeindruckenden, romanischen Andreaskirche das Grab des Albertus Magnus aufsuchte, bevor ich zum Flughafen Köln/Bonn weiterfuhr.
Das Reiseabenteuer Spanischer Jakobsweg kann beginnen.


Redaktion
allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 2 – Ein Reisebericht

Bildnachweise:
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt