Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

 

 Ohne Scheuklappen im weltgrößten Wallfahrtsbetrieb Lourdes als Chorknabe,
Zaungast einer italienischen Familienmesse und die nächtliche Laternenprozession

 

3. Juni
Lourdes

Germanwings hob pünktlich um 13 Uhr vom Flughafen Köln/Bonn ab und um 15 Uhr schwebte ich in Lourdes ein. Während des Fluges war ich nur damit beschäftigt, mich über Meditationen innerlich leer zu machen, um der Fülle der bevorstehenden Ereignisse in meiner Seele Raum zu verschaffen. Ich wollte bewusst nichts mehr, legte vielmehr alles in Seine Hand und war bereit, das Gute wie das Böse ebenso wachsam wie offen auf mich zukommen zu lassen.

10 Geh-Bote des Pilgers

Kurz vor der Landung stieß ich in meinem kleinen, privat zusammenkopierten Sprüchebüchlein auf die sehr instruktiven „10 Geh-Bote des Pilgers“ des Schweizers Bruno Kunz (aus Jakobus-Info). Sie nahmen sich wie ein alchimistisches Rezept zur Erstellung des Opus magnus, des Großen Werkes aus und bildeten fortan für mich so eine Art Pilger-ABC, das sich in unendlichen Variationen durchbuchstabieren ließ:

„Geh. Geh langsam. Geh leicht. Geh einfach. Geh alleine. Geh lange. Geh achtsam. Geh dankbar. Geh weiter. Geh mit Gott.“

Der Flughafen von Lourdes liegt 13 Kilometer außerhalb des Ortes und wer keinen privaten Abholer hat, ist auf das Taxi angewiesen. Während ich noch auf das Gepäck warte, verlasse ich für eine Zigarette kurz das Flughafengebäude und treffe auf Bea, eine Malerin aus dem Rheinland. Sie streift mit ihrem Campingbus und ihrem Dackel Lukas bereits zwei Wochen durch die Gegend und erwartet jetzt hier ihren Mann. Sie ist bereit, mich bis Lourdes mitzunehmen, womit die erste Hürde schon einmal glücklich genommen ist. Meinen Rucksack kann ich im Hotel Restaurant Compostelle abstellen, wo ich beabsichtige, zu Abend zu essen. Beim Tourismusbüro besorge ich mir einen Stadtplan und eine Groborientierung über das gewaltige Sanktuarium. Da ich schon mal hier in Lourdes bin, will ich mir diesen Wallfahrtsbetrieb wenigstens auch näher anschauen. Ich habe weder Vorstellungen noch Vorbehalte gegenüber dem, was mich erwartet, und bin bereit, mich mit wachen Sinnen auf alles Mögliche einzulassen.

Im Sanktuarium täglich ein Chor mit neuer Besetzung

Beim Betreten des ausgedehnten, ovalen Areals des „Sanctuaire“ stoße ich zur Linken auf die Basilika Pius X., aus der leise Gesänge nach außen dringen. Nichts wie rein, da ist irgendetwas los. Ich treffe auf einen riesigen, unterirdischen Kirchenraum aus Beton, flankiert von meterhohen Gemälden sämtlicher Heiliger, in dem gut 20 Personen lose verteilt über Bänke mit einem Chorleiter Lieder einstudieren. Ich geselle mich zulourdes-basilika der Gruppe, bekomme ein Liederbuch in die Hand gedrückt und kann dank dem Herren neben mir, der mir lautstark ins Ohr singt, binnen kurzem die ersten Choräle mitsingen. Die Texte stehen in sechs Sprachen untereinander und jeder aus dem internationalen Publikum kann in seiner Landessprache mitwirken. Es klingt erstaunlich harmonisch, nur der Refrain in Französisch oder Latein ist einheitlich. Die Organisation finde ich äußerst beeindruckend. Das Ganze ist darauf abgestimmt, täglich Laien aus aller Herren Länder unter der Regie meisterhafter Dirigenten binnen weniger Minuten zu einem Chor zusammenzuschweißen, der die anschließende Messe musikalisch begleitet.

In der nächsten Stunde füllen sich langsam die Reihen um den leicht erhöhten Altar im Zentrum, von allen Seiten werden über sanfte Rampen Rollstuhlfahrer auf ihren einheitlichen, blauen Wägelchen hereingefahren. Bei einer Gesangspause komme ich mit meinem Nachbarn ins Gespräch, einem Schwaben, der bereits zum 23. mal hier ist. Er kam erstmalig nach einem tragischen Unfall hierher, der lebenslange Spätfolgen zeitigte, und kann sich nichts Tröstlicheres als diesen Ort vorstellen: „Er tut mir einfach in der Seele gut und hilft mir, mit meinem schweren Schicksal fertig zu werden.“ Er orientiert mich auch noch kurz über die wichtigsten Baulichkeiten des Sanktuariums, so dass ich mich nach der Messe leichter zurechtfinde.

Am Ende des ovalen Prozessionsplatzes erheben sich die Kirchenräume in drei Etagen übereinander: zu ebener Erde die Rosenkranzbasilika, die man über das Tor des Lichtes oder das Tor des Lebens betreten kann. Aus dem Altarraum leuchtet eine riesige, liebreizende Madonna mit Kind, die einen mit tröstenden, wärmenden Blicken umfängt und einen immer anschaut, egal, wo man sitzt.

Über zwei ausladende Freitreppen erreicht man den oberen Teil dieser Anlage und bekommt einen eindrucksvollen Überblick über die Landschaft, in die dieses Sanktuarium eingebettet ist. Es wird von drei Seiten von der reißenden Gave de Pau umspült, wie es eines großenlourdes-grotte-von-massabrelle Wasserheiligtums würdig ist. Ich bin sicher, dass dieses magische Territorium bereits in vorchristlicher Zeit kultisch besetzt war, wenngleich ich darüber keinerlei Informationen habe. Von der Plattform geht es hinunter in die Krypta der Bernadette Soubirous, auf deren Marienerscheinungen im Jahre 1858 dieser Wallfahrtsort zurückgeht. Und über ihr erhebt sich die Basilika der Unbefleckten Empfängnis, die mit unzähligen Votivtafeln gepflastert ist von Gläubigen, die hier Hilfe erfuhren.

Heilsames Wasser

Vor der Kirche ist eine Quelle, an der man sich das heilsame Wasser abfüllen kann. In zahllosen Touristikläden unten im Ort werden Flaschen und Kanister von ein bis zehn Litern angeboten, um das heilige Nass mit in die Heimat zu transportieren. Und davon wird reichlich Gebrauch gemacht. Mir erscheint das ein wenig abartig, wenn Kofferräume von Autos und Reisebussen mit Wasserkanistern vollgeladen werden. Allerdings fülle ich mir auch einen halben Liter in meine kleine Flasche, die ich in den nächsten Wochen, kurz bevor es verbraucht ist, immer wieder mit normalem Wasser nachfülle. Ich begreife das heilsame Wasser als eine Art homöopathischer Medizin. Diese besteht ja zunächst auch aus 1% Wirkstoff und 99% neutraler Flüssigkeit. Sie wird im gleichen Prozentsatz so lange geschüttelt und verdünnt, bis nach etwa 30 mal dieses Procederes vom ursprünglichen Wirkstoff materiell praktisch nichts mehr vorhanden ist, während sich dessen geistige Wirkung ständig weiter potenziert. Der Schulmediziner betrachtet so ein Medikament alslourdes-pilger-krankheilung reine Scharlatanerie, jedoch habe ich oft genug erfahren, dass es wirkt, und wie… Und so hielt ich es auch mit dem Wasser von Lourdes, das hundertfach verdünnisiert den kraftvollen Geist dieses Ortes immer präsenter machte. Doch jeder möge nach seiner Facon selig werden.

Osterwunder in aktueller Bildsprache

Über den Basiliken erhebt sich ein mächtiger Hügel, an dem ein Kalvarienberg angelegt wurde. Gleich zur ersten Station führt eine steile Treppe, die man gemäß Schilderhinweis nur auf den Knien rutschend hinauf und hinunter betreten darf. Ich mache mal diesen halsbrecherischen Versuch und möchte im Nachhinein nicht wissen, zu wie viel tragischen Abstürzen frommer Mütterchen es hier schon gekommen ist. Die einzelnen Kreuzstationen sind mit goldener Farbe überzogen, für mich etwas zu viel des guten Geschmacks. Man trifft zahlreiche, auch junge Paare, die andächtig ganze Litaneien herunter beten. Abgesehen von der berückenden Landschaft hat mich diese Anlage nicht sonderlich beeindruckt. Doch gerade, als ich gar nichts mehr erwartete, kam die Überraschung an der letzten Station, die dem Thema Ostern gewidmet war: eine mächtige, natürliche Felsspalte als Symbol des offenen Grabes Christi, davor eine große, runde Steinplatte mit strahlenförmigen Ritzungen wie eine leuchtend aufgehende Sonne. Eine ganz einfache, sehr eindrucksvolle Bildsprache.lourdes-Heilsames Wasser

Italiener zwischen Mama und Madonna

Zutiefst bewegt kam ich nach diesem Rundweg zur oberen Basilika zurück, wo aus der kleinen, seitlichen Sankt Gabriels-Kapelle inbrünstige Lieder ertönten. Eine italienische Gruppe, die mit Kind und Kegel angereist war, zelebrierte hier mit Gitarrenbegleitung eine Messe, in der ihre tiefe und zugleich fröhliche Volksfrömmigkeit zum Tragen kam: Kräftige Stimmen mit viel Gefühl, die das Herz zerfließen lassen und die Seele in Wallung bringen.

Ich zog mich in eine kleine Nische zurück, ging auf die Knie, streckte meine Hände nach vorne, legte die Stirn auf die Steinplatten und ließ dieses Szenario in voller Ergebenheit minutenlang auf mich wirken. Diese innige Marienverehrung kennt man in dieser Intensität nur bei den mediterranen Völkern. In ihrem Zentrum steht die Familie, vor allem die Mutter, die ihr mit ihrer Liebe den inneren Halt gibt. Ich habe selten eine kraftvollere Hostie zu mir genommen wie in dieser intimen Messe.

Das ergreifende „Ave“ bei Nacht

So langsam knurrte mir der Magen und ich machte mich auf zum Restaurant Compostelle. Doch dort hatte die Küche gerade geschlossen und die Tische wurden hochgeklappt. So schulterte ich meinen dort deponierten Rucksack und suchte ein italienisches Restaurant auf, um daslourdes-nacht spirituelle Italien-Erlebnis auch kulinarisch etwas ausklingen zu lassen. Bei Einbruch der Dämmerung wälzten sich immer mehr Menschen Richtung Sanktuarium, was mich neugierig werden ließ.

Auf dem Vorplatz zur Basilika formierten sich gut 10.000 Gläubige zur abendlichen Lichterprozession, unter ihnen Tausende von Kranken und Behinderten, die auf einfachen, blauen Wägelchen gezogen wurden. Gegenüber Leiden, Krankheit und Tod herrscht absolute Gleichheit, hier waren alle Unterschiede von Rang und Namen aufgehoben. Die Organisation des Wallfahrtsbetriebes war wie immer an diesem Ort perfekt. Sämtliche Teilnehmer hatten in ihren Hotels Kerzen in kleinen Laternen ausgehändigt bekommen, die sie bei jedem „Ave“ feierlich in die Höhe schwangen. Die Messe fand in sechs Sprachen statt.

Die Nacht in der Cité Saint Pierre

Danach musste ich mir eiligst Gedanken darüber machen, wo ich die Nacht verbringen wollte. Ich fragte einen Polizisten nach einer Pilgerherberge und er verwies mich auf die Cité Saint Pierre zwei Kilometer außerhalb des Ortes. Dort wurde ich, obwohl es schon stockfinster war, als Jakobspilger freundlichst empfangen, und bekam sogar ein Einzelzimmer in einem der Gästehäuser. Die Bezahlung für Kost und Logis war freiwillig, man entrichtete das, was es einem wert war. Womit hatte ich mir all dieses Glück nur verdient? Tief überwältigt von so vielen Eindrücken kostete es mich einige Mühe, den Schlaf zu finden.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 3 – Ein Reisebericht

Bildnachweise:
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

 

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt