Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Die Kapelle des Schweigens in Lourdes, die Kathedrale der Kräuter,
ein Bad der Wiedergeburt und alkoholische Situationskomik nach der abendlichen Messe

 

4. Juni
Lourde
s

In der Früh machte ich mich um 5 Uhr morgens auf, das riesige Gelände der Cité Saint Pierre zu erkunden. Es ist ein magischer Ort, der malerisch an einem Berghang liegt und durchsetzt ist mit knorrigen Eichen. Oben traf ich auf die kleine Kapelle des Schweigens, die mir in ihrer ergreifenden Schlichtheit wie ein Bethlehemstall vorkam. Auf einem Oberboden war Stroh aufgeschichtet und darauf ein Holzgestell, das auf seine Verwendung als Krippe wartete. Als ich heraustrat, ging gerade die Sonne auf und ich konnte die Geburt des neuen Tages begrüßen.

Eine mächtige Steinplatte als Hostielourdes

Etwas weiter ging es zur Kathedrale der Kräuter. In einer weiten Rundung des Berghangs war, durchsetzt von Thymian und Salbei, eine Art griechisches Naturtheater angelegt worden. Im Zentrum ruhte auf einem Baumstumpf eine mächtige runde Steinplatte in Form einer Hostie, die als Altar diente. Als ich sie berührte, standen mir die Haare zu Berge. Es ging eine ungeheure Energie von ihr aus.

Innerlich zutiefst beglückt und bestärkt ging ich in den Frühstücksraum. Hier traf ich auf eine tschechische Gruppe aus Prag, die unter der Leitung des jungen Paters Benedikt stand. Er war äußerst sympathisch und sprach gut Deutsch. Er teilte mir mit, dass er anschließend für seine Leute eine Messe in der Basilika der Unbefleckten Empfängnis abhielt, der ich kurz entschlossen beiwohnte.

Er stellte mich seiner Gruppe als Jakobspilger vor, worauf ein anerkennendes Raunen durch die Reihen ging. Viele sehen im Pilger offenbar lourdesjemanden, der etwas für sie mitträgt, und baten mich im Anschluss, am Zielort für sie zu beten. Von der Predigt verstand ich so gut wie nichts, doch in den tragenden Mariengesängen kam viel religiöses Sentiment rüber. Nachher legte mir Pater Benedikt eindringlich ans Herz, die Bäder zu besuchen, das sei sehr beeindruckend. Ich hatte keine rechte Vorstellung, was mich da erwartete und dachte zuerst an eine Art Schwimmbad mit heiligem Wasser. Doch als ich dort ankam, war der Zugang für diesen Vormittag bereits verschlossen.

Auf Umwegen ins heilige Wasser

Beim Rückweg kam ich an der Grotte vorbei, wo Bernadette Soubirous 1858 ihre berühmten Marienerscheinungen hatte. Dort hatte sich ein mächtiger Menschenauflauf gebildet und man bereitete sich gerade auf eine Messe vor. Ich hatte zufällig noch in der zweiten Reihe einen Stuhl ergattert, den ich allerdings schnell räumte, als bald darauf ein gebrechlicher Herr verzweifelt nach einem Platz Ausschau hielt. Ich erzählte dem Platzanweiser, dass ich eigentlich in die Bäder gewollt hätte und er teilte mir nach einem kurzen Handygespräch mit dem Bademeister mit, dass dort noch ein Platz für mich frei sei. Was für ein Glück! Wochen später erfuhr ich von einer Lourdes-Besucherin, dass sie sechs Stunden auf den Eintritt hatte warten müssen.

In der Frauenabteilung war gerade eine Gruppe deutscher Nonnen, die sich mit zarten gregorianischen Gesängen und Marienliedern auf das Ereignis vorbereiteten, für mich die ideale, seelische Einstimmung. In der Garderobe entkleidet man sich bis auf die Unterhose, die dann in der Badekammer durch ein weißes Handtuch ersetzt wird. Man steht vor einem körpergroßen, knietiefen Wasserbecken, in das drei Stufen hinabführen. Ich hatte immer noch keine Ahnung, was jetzt passieren sollte. Zwei kräftige Männer signalisieren mir, beim Eintritt ins Wasser still meine Gebete zu sprechen. Mir entfährt gerade noch die Essenz des Vaterunsers „Dein Wille geschehe“, bevor ich das Becken durchschreite. 009Am Ende fassen sie mich fest unter den Achseln und lassen mich plötzlich nach hinten blind ins Leere kippen und tauchen mich mit dem ganzen Körper unter Wasser. Man ist ihnen willenlos ausgeliefert, wird zu einem Vertrauen gezwungen, das man gleichzeitig als ungeheure Befreiung erlebt. Man stellt sich quasi unter ein höheres Gesetz, dem man sich blind überantwortet.

Ich schrieb anschließend in mein Tagebuch: Lourdes ist ein Ort der Kraft, der Heilung, der Wandlung und der Wiedergeburt.

Zum Mittagessen pilgerte ich zurück in die Cité Saint Pierre. Es gab einen einfachen, kräftigen Eintopf, bei Bedarf konnte man sich einen Nachschlag holen. Die Küchenhilfen sowie die Reinigungskräfte in den Gästehäusern kommen zum Großteil als Freiwillige aus den verschiedensten Ländern Europas, um hier für einige Wochen unbezahlt Dienst zu tun.

Musste erst jemand sterben, dass ich überleben darf?

Nach dem Mittagessen teilte mir meine Herbergsmutter mit, dass ich keine weitere Nacht in der Cité Saint Pierre bleiben könne und ich mich für eine Übernachtung ans Informationszentrum im Sanktuarium wenden müsse. Ich verabschiedete mich eilig von meinen tschechischen Freunden und pilgerte mit meinem Rucksack runter nach Lourdes.

Zu meiner Überraschung erfuhr ich, dass ich erneut der Cité Saint Pierre zugeteilt wurde. Ich begriff, dass hier die eigentliche und alleinige Vermittlungszentrale saß und alles seine gute Ordnung haben musste. Die Improvisation vom Vorabend war die absolute Ausnahme.

Wie beiläufig erwähnte ich, dass ich morgen vorhabe, von Gavarnie, dem letzten Talort südlich von Lourdes, in die Zentralpyrenäen aufzusteigen. Ich kam gar nicht mehr dazu, dem freundlichen Herrn von den glasklaren Bergseen und grandiosen Canyons des Nationalparks von Ordesa vorzuschwärmen, denn ihm traten fast die Augen aus den Höhlen. Er beschwor mich eindringlich, von so einem wahnwitzigen Unternehmen abzulassen. Ich begriff zunächst gar nicht, wo das Problem lag. Denn normal waren um diese Jahreszeit die Pyrenäenpässe problemlos zu überschreiten. Und konditionell fühlte ich mich so einer Geschichte auch gewachsen. Doch er verwies mich darauf, dass nach diesem Jahrhundertwinter oben immer noch meterhoch Schnee läge, es gerade wieder Neuschnee gegeben habe und derzeit erhöhte Lawinen- und Steinschlaggefahr herrsche. Ein Bergsteiger sei zwei Tage vorher auf ebendiesem Weg, den ich vorhabe, ums Leben gekommen.

Eine eigenartige Fügung, dass ich wegen meines Zimmers überhaupt in die Info-Zentrale musste und dort zufällig um drei Ecken erfuhr, dass erst jemand sterben musste, um mich vor diesem vielleicht lebensgefährlichen Unternehmen zurückzuhalten.

Ich war erfüllt von einem bedingungslosen Gottvertrauen und bereit, in jedem Moment auf seine Zeichen zu achten, die Geistesgegenwart erfordern und normal Unvorhersehbares signalisieren. Dann hatte ich die Gewissheit, auf jedem Schritt geführt zu werden und in guten Händen zu sein.

Zwingende Änderung meiner Routenpläne

Daraufhin war auf jeden Fall eine umgehende Änderung der Pläne angesagt und einiges Improvisationstalent gefragt. Ich wollte nach Möglichkeit nicht über einen der klassischen Zugänge von Oloron über den Somport-Pass oder über Roncesvalles nach Spanien gelangen, sondern suchte nach einer weniger begangenen Möglichkeit, die Pyrenäen zu überschreiten.

Der nette Herr legte mir einen alten Pyrenäen-Pilgerweg durchs Ossau-Tal nahe und machte mir eine grobe Skizze: Straße gen Westen nach Pau, bei Bétharram Abzweig nach links Richtung Mifaget, wo es auch eine Herberge gäbe. Dann in einer zweiten Etappe über Louvis-Juzon nach Laruns. Dort könne ich mich erkundigen, wie es weiter durchs Valle d´Ossau über die Berge nach Spanien ginge. Das war zwar nicht viel, aber wenigstens eine Groborientierung. Über die Zentralpyrenäen, die ich eigentlich überschreiten wollte, hatte ich gutes Kartenmaterial dabei. Doch über die Westlichen Pyrenäen, die mir nun so plötzlich bevorstanden, hatte ich nichts. Und ich konnte in Lourdes auf die Schnelle dazu auch nichts auftreiben. Doch das konnte mich in diesem Moment wenig erschüttern.

Ich kehrte nachmittags in die Cité Saint Pierre zurück und bekam wieder das gleiche Zimmer, das noch gar nicht aufgeräumt war. Man hatte offenbar schon mit mir gerechnet. Die tschechische Gruppe musste am nächsten Tag per Bus die Heimreise antreten und Ivana, die ich vorher kennen gelernt hatte, hatte das Bedürfnis, mit ihrem Sohn Michael nochmals die abendliche Lichterprozession mitzuerleben. Wir verabredeten uns, doch als sie eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit noch nicht da waren, dachte ich, ich hätte sie vielleicht verpasst und machte mich eilig allein auf den Weg.

Gefährliche Blasen am Fuß

Mehr beschäftigte mich in diesem Moment, dass meine Füße bereits vor Beginn der Wanderung eine Blase und eine Schwiele aufwiesen und Letztere war auf dem besten Wege war, das Nagelbett des großen Zehs zu entzünden. Ich war zwei Tage in meinen neuen Sandalen herumgelaufen und hatte den beunruhigenden Zustand meiner Füße erst vorher auf dem Zimmer beim Wechseln der Socken festgestellt. Mit solchen Geschichten ist beim Pilgern nicht zu spaßen.

Nach einigem Hin und Her fand ich im Zentrum von Lourdes kurz vor Ladenschluss endlich eine Apotheke, die mich nach eingehender Fleischbeschau mit Desinfektionsspray und Isolierpflaster eindeckte. Nach zwei Tagen sorgsamer Behandlung ging die Entzündung zurück, die Blase trocknete ein und ich hatte wenigstens mit den Füßen auf der weiteren Reise keine Probleme mehr.

Eine Sintflut als heilendes Wasser und ein Diskurs über die Wahrheit

Auf dem riesigen Vorplatz der Basilika rund um die bekannte, strahlend weiße Statue der Marienerscheinung formierten sich inzwischen gut 10.000 Gläubige zur abendlichen Lichterprozession.

In dem unübersichtlichen Menschengewimmel stand plötzlich Ivana vor mir. So hatten wir uns doch noch gefunden. Ich stimmte erneut voll Lourdes-rosenkranzbasilikaInbrunst in das immer wieder zweifach wiederholte „Ave, Ave, Ave Maria“ ein, das eine innige Gemeinschaft schafft unter so vielen Menschen verschiedenster Sprachen und Nationalitäten. Während der anschließenden Messe zogen pechschwarze Wolken am Himmel auf. Bald fielen die ersten Regentropfen und kurz darauf ging ein heftiger Gewitterschauer nieder. Die Priester, die wohl mit solchen Situationen vertraut sind, kamen schnell zum Ende und die Menschen suchten panisch das Weite.

Wir fanden Unterschlupf unter dem Vordach eines gegenüberliegenden Restaurants. Inzwischen goss es wie aus Kübeln, als eine etwa 50-köpfige französische Gruppe vorbeistürzte, die verzweifelt Schutz unter ihren Schildern suchte mit der Aufschrift: „Jesus, errette uns vom Alkohol“. Auf der Rückseite stand „Das Wasser möge uns heilen“, was eine merkwürdige Situationskomik ergab, wo der Himmel gerade dabei war, so großzügig seine Schleusen zu öffnen. Wir warteten in einem Café noch das Ende des Regens ab, wo sich ein tiefschürfendes Gespräch über Glaubenswahrheiten entwickelte. Ich resümierte am Ende: „Wahrheit kann man nicht besitzen. In Wahrheit kann man nur sein.“

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 4 – Ein Reisebericht

Bildnachweise:
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

 

 

 

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt