Im Land der Pferde mit den blauen Augen…

-Von Cornelia Strössner-

 

Ein lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung: ich reise nach Kirgisien. In das Land der Pferde mit den blauen Augen. Vor mehr als zehn Jahren hatten mir Freunde davon erzählt, und seither träume ich davon, sie zu sehen.

 

Von Hamburg nach Zentralasien

Scheremetjewo Airport, Moskau, Transithalle. Der Nescafé im Plastikbecher kostet vier Dollar und Rauchen ist verboten. Geraucht wird trotzdem, vorzugsweise direkt unter dem Verbotsschild.

Drei kirgisische Geschäftsleute gesellen sich zu mir. Umgehend stehen Wodka-Flasche und Lachshäppchen auf dem Tisch. Auch mir wird sofort ein Gläschen angeboten. Dass ich als Touristin in ihr Heimatland reise, ist ein Grund zum Trinken. „Za drushba, auf die Freundschaft! Auf Kirgistan, das schönste Land der Erde!“ Gegenseitig übertrumpfen sie sich, mir ihre Heimat in den schillerndsten Farben zu schildern. Großes Gelächter allerdings ernte ich auf meine Frage nach den Pferden mit den blauen Augen – ha, ha, etwa solche Augen wie er hier?! Der Senior des Trios hat trotz deutlich asiatischer Gesichtszüge in der Tat blaue Augen. Ha, ha, ein Pferd! Ob ich da nicht etwas verwechsele. Man lacht noch über meinen vermeintlichen Scherz als der Bus für uns Transitpassagiere vorfährt…

Eine Französin neben mir rümpft die Nase: Ob ich etwa „zu denen da“ gehöre. Sichtlich erleichtert über mein „Nein, gerade eben kennen gelernt“, ergeht sie sofort sich in Lamentiererei über das Leben in Bischkek: „Dunkel und gefährlich“ sei es dort und die Menschen, so „sticky“ und unangenehm. Seit Jahren mühe sie sich im Rahmen eines EU-Projekts ab, den Kirgisen ein funktionelles Administrationssystem einzurichten. Aber die würden sich ja jeglichen Ansätzen verwehren. Sie zähle die Tage bis zu ihrem Vertragsende. Misstrauisch sieht sie sich um, kneift die Lippen zusammen und raunt mir zu: da fragt man sich doch, wer hier vielleicht einen Sprengstoffgürtel trägt. Ich bin froh, dass sie im Flugzeug weit weg von mir sitzt.

Manas Airport Bischkek

Manas Airport Bischkek, vier Stunden später, Ortszeit 3.30 Uhr.

„Taxi, Taxi“ – ein Schar von Fahrern bestürmt mich lautstark. Ich schüttele den Kopf, muss mich zu dieser frühen Morgenstunde erst einmal sortieren. „Brauchen Sie ein Taxi?“, flüstert es angenehm dezent an mein Ohr. Mein Blick wandert von blankgewienerten Schuhen über akkurate Bügelfalten und blütenweißes Hemd hinauf in ein vertrauenswürdiges Gesicht.

Ich versinke im Ledersitz eines grünen tipp-topp-gepflegten Mercedes Diesel, stolze 22 Jahre alt. Dao, Fahrer, hat ihn vor einigen Jahren aus München überführt – 7500 Kilometer in zehn Tage und unterwegs so viel mafiösen Wegezoll entrichtet, dass er ihn eigentlich auch vor Ort hätte kaufen können. Aber sein Bruder, mit einer Deutschstämmigen verheiratet, lebt nun mal in Deutschland – in jenem Land, in dem es Ordnung, Sauberkeit, gutes Bier und die besten Autos der Welt gäbe. Das alles erfahre ich, während wir im Dunkeln durch endlose Baumalleen brausen, die kaum vermuten lassen, dass wir uns einer Hauptstadt nähern.

Blick auf Kirgisistan

 

„Herzlich willkommen in Bischkek“ grüßt ein monströses Sowjet-Monument. Die ersten Häuserblocks tauchen auf, es bleibt stockfinster – Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Die Suche nach der Hausnummer gestaltet sich entsprechend schwierig. Aber Dao ist geduldig. Mit ihm habe ich in doppelter Hinsicht einen Glücksgriff getan: Pferde mit den blauen Augen? Aber sicher gibt es die! Und er weiß sogar, wo. Er wird sie mir zeigen. Um fünf Uhr morgens setzt er mich wohlbehalten vor dem richtigen Haus ab. Wir sehen uns übermorgen! Sechs Stockwerke (ohne Fahrstuhl) später keuche ich als hätte ich die 30 Kilometer vom Flughafen zu Fuß zurückgelegt. Oben erwartet mich ein traumhafter Blick auf die Berge und Reinhild mit frisch gebrühtem Mokka. Willkommen in Kirgisien!

Hinter den Bergen

Kirgisistan, ehemalige Sowjetrepublik, ein gebirgiges Kleinod im Herzen Zentralasiens, eingebettet zwischen Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und China. Mit 200.000 Quadratkilometern knapp halb so groß wie Deutschland, aber nur 5 Millionen Einwohner – und für die meisten Europäer ein weißer Fleck auf der Landkarte. Über 90 Prozent der Staatsfläche wird von Gebirgsmassen eingenommen: Vom Nordwesten Chinas zieht sich der Tian Shan (Berge des Himmels) auf einer Länge von 2500 Kilometern bis nach Kasachstan (höchster Gipfel der Pik Pobedy mit stolzen 7500 Metern). Im Süden erheben sich Alai- und Transalai-Gebirge sowie die Ausläufer des Pamir.

Die Kirgisen, ursprünglich ein (vom sibirischen Jenissej in den Süden abgewandertes) Nomadenvolk, das sich in dem einst grenzenlosen Turkestan frei bewegte und durch die Einverleibung in das russische Zarenreich (1876) sukzessive in die Sesshaftigkeit gezwungen wurde. Die neuen Herrscher holten zuhauf russische Siedler ins Land und sprachen ihnen die im Sommer von den Nomaden verlassenen Weidegründe zu.

Im Laufe einer drei Generationen andauernden repressiven Sowjetpolitik, die mit Enteignung und Unterdrückung einherging, wurden die letzten Spuren des Nomaden-Daseins ausgewischt, die Menschen in Kolchosen gedrängt, ihnen die russische Sprache und Lebensform aufgezwungen. Als die Sowjetunion 1991 zerfiel und Kirgistan ein unabhängiger Staat wurde, stürzten sowohl Land als auch Menschen ins Chaos. Seiner ursprünglichen Wurzeln lange schon beraubt, seines funktionierenden, letztlich wohlbehüteten Systems des Sozialismus entledigt, stand da plötzlich ein Volk wurzellos, arbeitslos und ohne jeglichen Halt – auf der Suche nach seiner eigenen längst verlorenen Identität.

 

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)

Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken- Teil 2

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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