Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

 

Bischkek – wohl hinter den Bergen, nicht aber hinter dem Mond

Michael Schumacher prangt an allen Wänden, aus den Lautsprechern schallt „Radio Europa Plus“, die Kellner tragen knallrote Formel 1-Montur, der Capuccino kommt aus der Tüte und als neckisches Extra ist er mit einem Pulverhäubchen verziert. Das Cafe heißt „Pit Stop“ und hier rüste ich mich für meinen ersten Rundgang durch die Stadt.

Bischkek, 800.000 Einwohner, zu Fuße der bis zu 4800 Meter hohen Kirgi-Alatau-Gebirgskette, wirkt wie eine einzige Parkanlage, in die man Legosteinen gleich Häuser gesetzt hat. Grün, wohin das Auge blickt. Hauptsächlich sind es Eichen und Trauerweiden. Die Auswüchse sowjetischer Plattenbauarchitektur werden von der Dichte des Grüns nahezu verschluckt und da die Stadt im Schachbrettmuster angelegt ist, fällt die Orientierung leicht. Auf dem gleichen Breitengrad wie Barcelona und Rom gelegen, zählt Bischkek 300 Sonnentage im Jahr und das erklärt wohl auch die 04-kirgisistan-autoim September noch hochsommerlichen Temperaturen.

Gut 70 Prozent der Autos auf Bischkeks breit angelegten Straßen stammen aus deutscher Produktion, Durchschnittsalter 20 Jahre. Den Rest machen klapperige Sowjetfabrikate aus, aber auch Luxusvehikel mit getönten Scheiben und protzige Landrover. Die gehören den „Neuen Kirgisen“, über die sich das gemeine Volk mit einer Mischung aus Neid und Verachtung genauso mokiert, wie man es in Russland über die neureichen Russen tut.

Atmosphärisches Stadtbild

Straßenstände mit frischem Kwas und Bozo, dem Nationalgetränk aus vergorener Gerste, frischem Obst, Nüssen und einzelnen Zigaretten. Mineralwasser-Automaten an jeder Ecke. Kioske mit Billig-Ramsch aus China – ob es nun Synthetik-Socken, Taschenlampen, Schminkutensilien, Plastik-MPs für Kinder, Sonnenbrillen oder sonstig nützer und unnützer Kruschkram ist. Junge Mädchen, 05-kirgisistan-bischkekgrellgeschminkt, in knappen Jeans und T-Shirts, die Frauen stets figurbetont und meist in Stöckelschuhen, kleine Mädchen tragen Tüllschleifen im Haar, das Handy gehört ganz selbstverständlich zum Straßenbild, Pärchen flanieren händchenhaltend, hin und wieder sieht man ein älteren Mann mit dem Kalpak, der traditionellen kirgisischen Kopfbedeckung. Vorherrschende Religion ist der Islam. Allein vom Straßenbild würde man jedoch niemals vermuten, in einem moslemischen Land zu sein. Verschleierte Frauen sind seltener als in Hamburg. Die Moscheen in der Stadt müsste ich suchen und nicht ein einziges Mal höre ich einen Muezzin zum Gebet rufen.

Würde ich die Augen schließen, würde ich mich irgendwo in Russland wähnen – denn ich höre nur Russisch. Die Menschen auf der Straße sprechen Russisch, aus Lautsprechern und Autoradios tönen russische Schlager, auf den Bildschirmen, die zu beinahe jedem Straßencafe gehören, läuft das russische MTV. In Kirgistan ist neben der Nationalsprache Kirgisisch das Russische gleichberechtigte Staatssprache. Es sollen tatsächlich Tage vergehen, bis ich zum ersten Mal Kirgisisch höre.

Zentralasiatisches Multikulti

Irritierend ist das extreme Völkergemisch: Nur knapp über die Hälfte der Bewohner Kirgisiens sind Kirgisen. Der Rest sind Kasachen, Usbeken, Tadschiken, Uiguren (Turkvölker aus der Mongolei), Dunganen (moslemische Chinesen) – ich vermag die einen nicht von den anderen zu unterscheiden. Nie bin ich mir sicher, ob ich nun tatsächlich einem Kirgisen gegenüberstehe oder nicht vielleicht doch einem Usbeken oder Kasachen. Darüber hinaus gibt es Russen, Deutsche, Ukrainer, wenngleich deren Zahl seit der Unabhängigkeit ziemlich geschrumpft ist. So ist der größte Teil der Deutschen inzwischen in die Bundesrepublik abgewandert und nur noch die deutschen Namen der Dörfer vor den Toren Bischkeks erinnern an ihre einstige (durch die Umsiedlungen Stalins nach dem zweiten Weltkrieg entstandene) Präsenz. Auffallend auch ist die Vermischung der Völker untereinander: So haben viele Menschen eurasische Gesichtszüge, helle Augen oder helle Haare sind nicht ungewöhnlich. Und der letzte Schrei bei der Damenwelt mit dunklem Haupthaar sind blonde Strähnchen.

Ob Mobilfunk-Shops, Internet-Cafes oder High-Tech-Kodak Foto Center, westliche Supermärkte – alles ist vertreten. In der Beta-Gourmet Shopping Mall kann man Nutella ebenso kaufen wie holsteinische Butter, holländischen Käse, spanischen Schinken, russische Pilmeni oder koreanische Gewürze. Im angegliederten Open-Air-Bistro mit weich gepolsterten Rattansesseln gibt es Chicken Wings und Hamburger. Und im Zum, dem zentralen Kaufhaus gibt es kaum etwas, das es im Westen nicht auch gäbe. Ganz groß die Abteilung mit Mobiltelefonen und Technik jeglicher Art – ob es nun Digitalkameras, Plasma-TVs, DVD-Recorder oder MP3-Player sind.

06-kirgisistan-erindekAls sei das generell üppige Grün der Stadt noch nicht genug, reiht sich ein Park neben den anderen. Auf den schattigen Bänken des eichenbestandenen Erindek-Boulevards, der sich der Länge nach durch die Stadt zieht, schnattern Hausfrauen, knutschen Teenager, spielen alte Männer Schach, stricken Babuschka Jäckchen für ihren Nachwuchs. Nicht zu vergessen die Springbrunnen und Fontänen, die in solch einer Vielzahl vorhanden sind, das sie sogar alle eigens im Stadtplan aufgeführt sind. Beinahe unter jedem schattigen Baum, und derer gibt es, wie gesagt, sehr sehr viele, lädt ein plastikbestuhltes Cafe neben einem plätschernden Springbrunnen zum Ausruhen ein.

Der absolute Renner ist Straßen-Karaoke. Im Luna-Vergnügungspark mit Riesenrad und Fahrgeschäften, Losbuden, Garküchen und sonstigen Vergnügungen aller Art, steht alle zehn Meter eine phongewaltige Anlage, umlagert von sangeslustigen Menschen aller Altersgruppen, die inbrünstig ins Mikrofon trällern. Dass die Beschallung sich durch die unmittelbare Nähe gegenseitig ins Gehege kommt, stört wohl nur mein ausländisches Ohr. Aber das wird auch durch die generelle Phon-Stärke sehr in Mitleidenschaft gezogen. Grundsätzlich gilt: Wenn Musik, dann bitte so laut, dass einem das Trommelfell zu zerplatzen droht. Im idyllischen Eichenpark beschallt mich Rammstein, auf dem Neubau einige Meter weiter wird zu Abba-Hits gemörtelt und gemauert und in den Taxis plärren die russischen Superstars um die Wette.

Genauso überflüssig wie Straßenbeleuchtungen, die zwar existieren, aber aus welchen Gründen nicht angeschaltet werden, sind Fußgängerampeln. Es gibt sie schlichtweg nicht. Abends tappt man in völliger Dunkelheit über aufgeworfene Bürgersteige, mit hie und da aufklaffenden Kanaldeckeln. Tagsüber orientiert man sich an den Auto-Ampeln oder lässt sich blindlings mit dem Fußgängerstrom treiben.

 

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)

Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken- Teil 3

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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