Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

 

 Bischkek – Von tückischen Hausnummern und nicht-existenten Reisebüros

Die Angestellte von „Altyn Air“, wo ich unsere Tickets nach Osh kaufen möchte, schlummert selig auf der Schreibtischplatte. Mein fröhliches 07-kirgisistan-schilder„Guten Morgen“, mittags um eins nimmt sie mir übel. Die Kassiererin sei nicht da, knurrt sie mich an, ich solle in einer Stunde wiederkommen.

So mache ich mich auf die Suche nach einem Reisebüro. Ratlos stehe ich auf der Uliza Moskowskaja – ich sehe Haus Nummer 122, ich sehe 126, wo aber ist die Nummer 124? Eine ältere Kirgisin, bepackt mit Einkaufstüten, spricht mich an, Moment, das haben wir gleich! Nicht nur dass sie mit ihren schweren Taschen die Häuserreihe höchstpersönlich abschreitet, nein, sie rennt – obwohl ich ihr sage, dass es so wichtig nicht sei – über die Straße ins gegenüberliegende Geschäft, wird dabei fast noch von einem Lkw umgefahren, um mir das zu sagen, was ich selbst schon vermutet habe: Haus Nummer 124, und damit auch das Reisebüro, das ich gesucht habe, gibt es nicht mehr.

 Auf der Suche nach blauäugigen Pferden…

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, flötet mir wenig später die junge Dame in der Reiseagentur „Novej Nomad“ entgegen. Pauschalangebote zum Issykul-See? Traurig schüttelt sie den Kopf. Das ist doch alles viel zu teuer… Sie breitet eine überdimensionierte Karte vor mir aus, schwärmt mir von diesem und jenem Ort vor, längst sind wir tief im Süden des Landes. Aber eigentlich wollte ich doch an den Issykul-See, werfe ich vorsichtig ein. Ach so, ja. Was ich denn überhaupt sehen wolle? Die Pferde mit den blauen Augen. Wie bitte? Davon habe sie ja noch nie gehört. Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich seit meiner Ankunft wiederhole, dass ich diese Pferde auf Fotos von Freunden gesehen habe, und es sie irgendwo in der Nähe des Issykul-Sees geben muss. So, so – ganz offensichtlich glaubt sie mir nicht. Also wenn es jemanden gibt, der es wissen könnte, dann ihre Freundin Anna. Die nämlich arbeitet in Chopon Alta, dem größten Gestüt des Landes. Schon greift sie zum Telefon: Ja, sie hätte da eine deutsche Touristin sitzen, die etwas von blauäugigen Pferden erzählt, nuschelt sie in den Hörer und bemisst mich einem seltsamen Blick. Ach so, ach tatsächlich? Mit aufgeregten roten Wangen kommt sie zurück, Entschuldigen Sie, ja, es gibt sie tatsächlich, aber sie sind sehr selten…. Mmh, sage ich, ich habe es wohl vernommen, und lehne mich triumphierend zurück….

Eine Stunde später sitze ich noch immer über der Landkarte, kenne inzwischen die schönsten Flecken des Landes, und möchte sie fast anflehen: „Mensch, Mädchen, versuch doch wenigstens, mir was zu verkaufen!“. Stattdessen freut sie sich, durch mich erfahren zu haben, dass es in ihrem Land blauäugige Pferde gibt. Sie verspricht mir, wenn ich das nächste Mal käme, diese mir auch zu zeigen und wünscht mir einen weiterhin schönen Aufenthalt. Die Grundprinzipien der Marktwirtschaft scheint man hier noch nicht so recht verinnerlicht zu haben.

Im „CBT“ (Community Based Tourism Center, ein durch Schweizer Gelder unterstütztes „volksnahes“ schonendes Tourismus-Programm), über das ich mehr zufällig stolpere, gibt mir ein junger Mann namens Asylbek in fließendem Englisch Auskunft. Nachdem ich die obligatorische Frage, woher in Deutschland ich denn käme, mit Hamburg beantworte, grinst er breit und schwenkt in ein nicht minder fließendes Deutsch um: „Ich habe drei Jahre an der TU in Harburg studiert“. Binnen fünf Minuten hat er alles für meinen Ausflug zum Issykul-See klar gemacht: Zwei Übernachtungen im Jurten Camp bei voller Verpflegung inklusive Ausritt. Nur den Transport, den solle ich selbst in die Hand nehmen – denn das sei organisiert ja viel zu teuer. Ach, das habe ich ja schon mal irgendwo gehört…

Als ich sicherheitshalber erst zwei Stunden später wieder bei Altyn Air auftauche, ist die junge Angestellte ausgeschlafen und fühlt sich imstande, die bestellten Tickets auszustellen.

 Vor den Toren Bischkeks – Ala Archa Nationalpark

Ich bin fünf Minuten zu spät und ernte einen vorwurfsvollen Blick von Dao: „Ich dachte, die Deutschen seien immer pünktlich?“ Wir haben großes Programm. Heute will er mir die Pferde mit den blauen Augen zeigen. Zunächst aber geht es zum Ala Archa Nationalpark, ca. 5008-kirgisistan-ala2 Kilometer südlich von Bischkek. Die schneebedeckten Berge glitzern in der Morgensonne, Eselkarren und Pferdefuhrwerke zuckeln vereinzelt die Straße entlang, auf den Weiden grasen Kühe. Dao erzählt mir von der Hungersnot damals in Kasachstan, die seinen Großvater nach Kirgisien übersiedeln ließ, von seinem Studium als Bau-Ingenieur, dem Chaos, der dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte und ihn seiner Arbeit beraubte, von seiner Frau und seinen drei Töchtern, dem finanziellen Mangel…. Und von seinem alten Studienfreund, dem Schwager des Präsidenten Akajew, der nahe des Flughafens ein Gestüt mit Rassepferden besitzt, wo es mit Sicherheit ein Pferd mit blauen Augen gibt. Das ist unser nächster Programmpunkt. Aber eins nach dem andern.

Ein Bauer muss nach der richtigen Abzweigung befragt werden und wird gleich ein Stück des Weges mitgenommen. Ob er denn schon einmal von Pferden mit blauen Augen gehört habe? Der gute Mann will sich auf dem Rücksitz kaputtlachen. Dao weist ihn forsch zurecht: „Es gibt sie! Ich habe sie selbst schon gesehen!“ Das Gelächter verstummt augenblicklich, weicht einem überraschten „Oh!“. Dennoch kann sich der Bauer ein Glucksen nicht verkneifen, als er sich zehn Minuten später mit einem „Viel Glück bei der Suche“ verabschiedet.

 Eine einsame Jurte und „man spricht viel Deutsch“

Ein kleines verwaistes Hotel, eine einsame Jurte vor der Kulisse eines atemberaubenden Bergpanoramas. In den Bäumen bricht sich das Morgenlicht, auf dem Gras glitzert der Morgentau und ein rauschender Gebirgsbach macht die Idylle perfekt. Ein Mann macht sich an der Jurte zu schaffen und winkt uns zu sich… Aus Deutschland sei ich? „Guten Morgen“, tönt es mir auf Deutsch entgegen. Er war in fünf Jahre als Offizier in Deutschland stationiert, in Ludwigslust. Heute erwarte man eine offizielle chinesische Delegation, vier Generäle, dafür die Jurte aufgerüstet, mit rundem Tisch, edlem Geschirr und Kristallgläsern. Und weil man sich so über den unverhofften Gast aus Deutschland freut, wird mir haarklein der technische Aufbau einer Jurte erklärt, inklusive ihrer ursprünglichen inneren Aufteilung (in der ein Tisch natürlich nichts zu suchen hatte) – der linke Bereich für die Frauen, der rechte für die Männer, die Mitte für das offene Feuer. Jede Verstrebung, jedes Flechtwerk, jedes verwendete Material wird mir erklärt. Nach einer halben Stunde bin ich kaum mehr aufnahmefähig, gut dass die Zeit drängt, der Ex-Offizier rüstet weiter für die Ankunft der chinesischen Generäle und ich solle Ludwigslust schön grüßen…

Ich nötige Dao zu einem kleinen Spaziergang, die ersten 500 Meter stapft er noch vergnügt und munter plappernd an meiner Seite einher, freut sich über den herrlichen Blick und die wunderbare klare und gesunde Luft, während er sich eine Zigarette nach der anderen ansteckt. Dann09-kirgisistan-alaarcha2 wird er immer langsamer, einsilbiger und ich spüre, dass es ihm eigentlich widerstrebt, sich spazierenderweise fortzubewegen…Er ist sichtlich erleichtert, als er zwanzig Minuten später wieder hinter dem Lenkrad sitzt: Jetzt fahren zu den Pferden mit den blauen Augen! Daos ganzer Ehrgeiz liegt darin, mir die blauäugigen Pferde zu präsentieren, und eines ist inzwischen klar: Er ist aufgeregter und begeisterter als ich.

Die extreme Frischluftzufuhr am frühen Morgen, das Getucker des Diesels und die warmen Sonnenstrahlen fordern ihr Tribut. Mir fallen gleich die Augen zu. Ich brauche einen Kaffee. Der Besitzer des kleinen Cafés, offensichtlich ein Freund Daos, in dem ich wenig später einen vorzüglichen Kofe sa slivkami, Kaffee mit Sahne, bekomme, begrüßt mich mit einem stark akzentuierten „Wie geht es Ihnen?“ – er hat in Magdeburg gedient. Auch ihm bleibt die Arie mit den blauäugigen Pferden nicht erspart. Stell dir vor, extra aus Deutschland ist sie deswegen gekommen! Daos schmale Brust schwillt an. Mmh, mmh, murmelt der Café-Besitzer, Pferde mit blauen Augen, höre ich zum ersten Mal… Er ist höflich genug, nicht zu kichern. Freut sich dafür umso mehr über meinen Besuch, schüttelt mir fest die Hand, ich solle bitte bald wiederkommen.

 

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)

Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken- Teil 4

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

Letzte Artikel von Cornelia Strössner (Alle anzeigen)