Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

 

Ay Rej – die Diva mit den blauen Augen

Von Ala Archa geht es einmal quer durch die Stadt in die entgegengesetzte Richtung Norden. Wir rauschen den Flughafen-Highway entlang. Auf der anderen Straßenseite lässt ein berittener Hirte seine Herde neben der Fahrbahn grasen. Vielleicht hat sein Pferd auch blaue Augen?, grinst Dao schelmisch, tritt unvermittelt auf die Bremse, wendet ungeniert und pfeift den Hirten heran. Der kommt brav angetrabt. Sein Pferd hat dunkelbraune Samtaugen und er, der junge Bauernbursche, schüttelt ungläubig den Kopf und sieht Dao und mich an, als seien wir10-kirgisistan-gaul geradewegs vom Mars geplumpst. Das zum Hirtenpferd gehörende Fohlen tänzelt derweil vergnügt auf der Fahrbahn herum, die Schafe machen sich unkontrolliert über vier Fahrspuren breit, Lkws donnern heran, die Schafe blöken unwillig, die Kühe bleiben wie angepflockt mitten auf der Straße stehe und glotzen den heranbrausenden Autos entgegen… Dao entlässt den verdutzten Hirten, wendet erneut unter Getute und fährt ungerührt weiter. Ich drehe mich um, in der Herde ist das völlige Chaos ausgebrochen, quietschende Reifen, wütendes Gehupe und ein verzweifelter Hirte, der versucht, seine Herde wieder zusammen zu treiben.

Dao hingegen gluckst vergnügt hinter dem Steuer: Gleich sind wir da, da wirst du Augen machen! Vor lauter Aufregung fällt er ins Du. Und ich bin ganz gerührt von seiner Begeisterung. Wir holpern einen Feldweg entlang, halten vor einem mit hohen Mauern umrandeten Grundstück und einem Schild mit der irritierenden Aufschrift: „konizavod“, wörtlich übersetzt: Pferdefabrik. Ich denke an Pferdebratwürste. Dao lässt mich im Wagen warten, um unseren Besuch anzukündigen. Ich zweifele an meinen Russisch-Kenntnissen und halte es nicht für ausgeschlossen, dass es sich bei dem angeblichen Gestüt schlichtweg um eine Abdeckerei handelt, als Dao mir mit leuchtenden Augen entgegen springt. Komm, steig aus! Leider sei sein Freund nicht da, dafür aber dessen Bruder. Der freut sich über den ausländischen Besuch und führt uns stolz durch die Stallungen. Rennpferde. Hier ein englisches Rassepferd, da ein holländisches. Das hat dann und dann diesen Preis gewonnen, dieses kommt gerade aus den Emiraten zurück, jenes geht morgen nach Kasachstan. Schöne, edle Tiere, ja, aber…. Daos Geduld ist noch schneller erschöpft als die meinige: Ja, ja, schon gut, unterbricht er. Und jetzt….

 Ay Rej – die blauäugige Zicke

Und da steht sie: eine weiße Stute mit himmelblauen Augen. „Ay Rej“, heißt sie, übersetzt Paradies. Sie ist zickig und hypernervös. Bis ich mich versehe, hat man mich in die Box hineingeschubst, was dem edlen Tier so wenig behagt wie mir. Fass sie an, streichele sie! Ich tue, wie11-kirgisistan-gaulundich geheißen, die Diva legt unwillig legt die Ohren an, schnaubt aufgebracht und ich erstarre vor Angst.

Dao springt aufgeregt von einem Bein aufs anderes, ist glücklich, dass er mir dieses Pferd zeigen konnte. „Wollen Sie sich mal draufsetzen, für ein Foto?“, fragt der Präsidenten-Schwager-Bruder. Nein, um Himmels willen, bloß nicht, denke ich. Höflich sage ich, „Nein danke, nett von Ihnen, aber nicht nötig“. Aber da kommt er schon mit Sattelzeug angerannt. Im Nu ist die blauäugige Zicke gesattelt, sie tänzelt unwillig im Sonnenschein, wirft ihren Kopf hysterisch hin und her, bleckt unwillig die Zähne, ich sitze stockbrettsteif obenauf, Dao drückt auf den Auslöser, bitte lächeln, noch eins und noch eins, und freut sich wie ein kleines Kind….Zwei Minuten später darf ich absteigen, schweißgebadet. Dao sprudelt über: Wissen Sie, vorhin, da war ich irgendwie schläfrig – dezenter Hinweis auf die ungewöhnlich frühe Morgenstunde, zu der ich ihn bestellt hatte – aber als ich die Pferde und besonders Ay Rej gesehen habe, da ist mir als passioniertem Reiter, da hat es mir vor Begeisterung richtig in den Beinen gekribbelt. Gut denke ich mir, in meinen hat es auch gekribbelt – aber vor Angst!

 Zum Wochenende ins Fergana-Tal

Die kleine Propeller-Maschine von Altyn-Air hat Rostflecken, Heck-Einstieg und im allergünstigsten Fall dreißig Jahre auf dem Buckel. Aber zwanzig andere Passagiere steigen ohne ängstliche Blicke ein. Wir bemühen uns, es ihnen gleichzutun.

Eine knappe Flugstunde später setzen wir wohlbehalten in Osh, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, auf. Eine Meute Taxifahrer preist ihre Dienste an. Wir ignorieren sie geflissentlich – schließlich werden wir von der CBT-Koordinatorin erwartet. Ein feister Dickwanst ist besonders penetrant, will sich partout nicht abwimmeln lassen – Damit eins mal klar ist, faucht ihn Reinhild an: Mit Ihnen fahren wir sowieso nicht, auf gar keinen Fall! Zwanzig Minuten später stehen wir noch immer am Flughafen. Alleine und verlassen. Ein Telefonat klärt, dass es ein Missverständnis bei der Übermittlung unserer Ankunftszeit gegeben hat. Sämtliche Taxis sind verschwunden. Einzig der unsympathische Dickwanst schleicht noch um uns herum. Kleinlaut steigen wir in seinen Lada, triumphierend steigt er aufs Gas.

Wir treffen die CBT-Koordinatorin, in dem Restaurant, in dem sie heute ihren Geburtstag feiert. Sie ist leicht angeschickert, untröstlich über das Missverständnis, geleitet uns zu unserem Wochenenddomizil, einem Privathaus mit brummeligen Hausherrn und devoter Hausfrau, und bietet uns als Entschädigung an, mit ihr und ihren Freunden zu feiern. Wir lehnen dankend ab, rüsten uns stattdessen im Restaurant nebenan bei einem schnellen Schaschlik, Bier und einem Auftakt-Wodka für unser dichtgedrängtes Wochenendprogramm und fallen früh ins Bett.

 Von heiligen Wasserfällen und gelebter Völkerfreundschaft

Um neun Uhr morgens stehen Acel und Azyz bereit. Wir haben wunderbar geschlafen, ausgiebig gefrühstückt und sind entsprechend gerüstet für unseren Ausflug in den Süden. Acel, unsere Reiseführerin ist 19, Studentin an der Fakultät für internationale Sprachen, und etwas enttäuscht darüber, dass ihr fließendes Englisch nicht zwingend benötigt wird, da Russisch genügt. Azyz ist 22 und der Fahrer.

Unser Ziel ist der heilige Wasserfall im Apshirsey-Tal, 80 Kilometer südlich von Osh, im Fergana-Becken, am Fuße des Kichi Alay12-kirgisistanfuhrwerk Gebirges. Das fruchtbare Fergana-Tal, 300 Kilometer lang, 170 Kilometer breit, versorgte seinerzeit die Routen der Seidenstraße und beherbergt 20 Prozent der gesamten zentralasiatischen Bevölkerung. 1924 durch Stalins rigorose Teilungspolitik zerschnitten in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan, gehört der größte Teil des Tals heute zum Staatsgebiet Usbekistans. Nur 20 Prozent entfallen auf Kirgisien und es ist die mit mehr als 100 Menschen pro Quadtratkilometer, die am dichtesten bevölkerte Region des Landes (sonst liegt der Schnitt bei 25 Einwohner/qkm). Knapp die Hälfte der Bewohner sind Usbeken. Generell ist das Fergana-Tal die unstabilste Region nicht nur Kirgisiens, sondern Gesamt-Zentralasiens. Es gilt als Sammelbecken extremistischer islamischer Gruppierungen aus dem Süden (Tadschikistan, Afghanistan) – und sowohl das Auswärtige Amt als auch der Reiseführer rät Ausländern, es zu meiden. Gefährlich? Acel und Azyz lachen darüber. Das mag für den usbekischen Teil gelten, aber nicht für unseren. Nun, sie werden hoffentlich wissen, wovon sie reden.

Wir fahren durch endlose Pappel-Alleen, vorbei an Tabakfeldern und Baumwollplantagen. Die Straße ist nahezu menschenleer, hie und da ein Eselkarren, da und dort ein Pferdegespann. Auf halber Strecke machen wir Halt bei Azyz’ Babuschka, die uns frischgebackenes Brot und gute Wünsche mit auf den Weg gibt. Bauern bei der Kartoffelernte winken uns fröhlich zu. Die Frauen entblößen ihre Goldzähne und freuen sich14-p9180073_tabakfrau über den ausländischen Besuch, die Kinder sehen uns neugierig an und kichern. In den Dörfern hängen die Tabakblätter zum Trocknen, eine junge Usbekin möchte uns zum Tee einladen. Wir winken ab – keine Zeit.

Gute zwei Stunden später kommen wir an der „Basis-Station“ an, ein Parkplatz und eine Ansammlung von Tscheikhanas, überdachten, mit Teppichen ausgelegten, hölzernen Picknick-Pavillons. Azyz liefert unseren mitgebrachten Proviant – Fleisch, Brot, Obst, Getränke – in einer Hütten-Küchen ab: in einer Stunde wird uns Mittagessen fertig sein. Jetzt geht es zu Fuß weiter.

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)
Fortsetzung: Reisebericht -Kigisistan in Zentralasien entdecken- Teil 5

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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