Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

 

Die heißen Quellen

Nachdem wir meine heile Rückkehr und die vielen Eindrücke, die ich vom Issyk-Kul-See mitgebracht habe, am Vorabend mit ausgiebig Wodka begossen haben, steht der letzte Tage in Bischkek unter leicht lädierten körperlichen Vorzeichen. Die heißen Quellen

Aber eins, so hatte uns Reinhilds Russisch-Dozentin an Herz gelegt, sollte man sich doch noch ansehen, nämlich Tjoplej Klutschej. Auch ein Naherholungsgebiet, nur 25 Kilometer von Bischkek entfernt mit heißen Thermalquellen. Ein junger Taxifahrer, kaum grün hinter den Ohren, aber mit einer phonstarken Anlage inklusive Mini-Fernseher in seinem ansonsten schier auseinanderfallenden uralten Ford , bringt uns für einen nichtigen Betrag durch verträumte Baumalleen dem Bergressort entgegen. Dort angekommen wird uns nach wenigen Schritten klar, warum unser junger Taxifahrer sich, was die sonst so vielgepriesene Schönheit dieser Ausflugsstätte angeht, so zurückgehalten hat. Die heißen Quellen verstecken sich in einem sowjetischen Betonklotz, ehemals „Sanatorium“ genannt und die Wanderpfade in der herrlichen Berglandschaft sind übersät mit den Spuren Tausender von städtischen Ausflüglern, die davon auszugehen scheinen, dass sich Plastikmüll und Glasscherben von alleine im Waldboden auflösen. Insofern findet unser Spaziergang ein sehr schnelles Ende.

Meinen letzten Abend verbringen Reinhild und ich in dem besten Restaurant der Stadt. Eine beleibte, grellgefärbte und -geschminkte Russin trällert erstaunlich gut Hits der 80er. Die Karte wartet auf mit Fischspezialitäten und wider besseren Wissens bestelle ich mir zögerlich eine Forelle, an die ich mich noch Tage nach meiner Rückkehr durch einen unwohlen Magen erinnern soll. Hamburg

Zurück nach Hamburg

Mitten in der Nacht war ich angekommen, mitten in der Nacht fliege ich auch wieder ab. Um vier Uhr morgens stehe ich auf der Straße. Das am Vorabend organisierte Taxi wartet bereits, auf dem Weg zum Flughafen erfahre ich die gesamte Lebensgeschichte des Fahrers. Normalerweise würde er ja keine Nachtfahrten übernehmen, das habe er seiner Frau versprochen. Viel zu gefährlich. Früher habe er, der einstige Lehrer, einen Mercedes gehabt, ein eigenes Häuschen und ein eigenes Business. Mit seinem besten Freund und Kompagnon, einem Russen, habe er nach dem Zerfall der Sowjetunion Tabak in die Russische Föderation exportiert. Wunderbar seien die Geschäfte gelaufen – bis sich der Freund von einem Tag zum anderen nach Russland abgesetzt habe, mit all dem Geld. Ihm saßen die Gläubiger im Nacken, weg waren Auto, Haus und Existenz. Jetzt, na ja, das sehen Sie ja, fährt er mit einem alten Schiguli Taxi. So ist es eben, das Leben – hart und ungerecht. Ich wünsche Ihnen eine gute Heimreise.

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Kirgistan, ein reiches Land, ein armes Land. Gesegnet mit atemberaubender Landschaft und Natur und mit wunderbaren Menschen, gestraft mit dem Stigma der Ex-Sowjetrepublik und den damit einhergehenden Problemen: Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption. Die Suche nach den Pferden mit den blauen Augen war zwar mühsam, aber ich habe zumindest eines gefunden. Darüber hinaus aber, habe mich verzaubern lassen von dem Land und begeistern von der Offenheit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Für mich hat sich der weiße Fleck auf der Karte mit Farbe und Leben gefüllt. Und wer weiß, vielleicht komme ich sogar einmal wieder…

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)

Beginnen Sie zu lesen:
Kirgisistan in Zentralasien entdecken Teil 1 – Ein Reisebericht

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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