Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

 

Ausflug zum heiligen Wasserfall im Apshirsey-Tal, südlich von Osh

Aus 30 Metern Höhe donnern die Wassermassen mit ohrenbetäubendem Getöse aus einem Felsloch herab. Der Wasserfall ist ein beliebtes Ziel für Pilger und Ausflügler, sein Wasser, das auf wundersame Weise von einem 70 Kilometer entfernt gelegenen Gletschersee kommen soll, wird15-p9180077_wasserfall als heilig und heilend betrachtet. Man lässt sich davon besprühen, wäscht sich damit oder füllt es in Flaschen ab. An einem kleinen Stand werden islamische Sinnsprüche, Talismänner an Lederbändern und Postkarten verkauft, in einer Felsnische sitzt ein Prediger, der Suren aus dem Koran rezitiert.

Wir wandern den sich durch die Felsenschlucht hin und her windenden Flusslauf entlang. Glasklares, eiskaltes Gletscherwasser. Die Sonne brennt unerbittlich auf die kargen Felsen herab. In einer Staubwolke kommt eine Schafherde nach der anderen herangeprescht. Mitte September ist die Zeit, die sommerlichen Weidegründe, die Tschailoos, hoch oben in den Bergen abzubrechen, und das Vieh abzutreiben.

Da oben, Azyz weist gerade in ein Felsmassiv hinauf, da sei noch ein weiterer Wasserfall. Unentschlossen blicken wir nach oben, taxieren gerade noch das Ausmaß der dafür nötigen Kraxelei, als uns zwei Frauen ansprechen. „Woher kommen Sie?“, fragt die eine. Noch bevor wir antworten können, wird sie lachend von der anderen unterbrochen: „Ist doch völlig egal, woher sie kommen, wir sind alle Menschen und leben auf dem gleichen Planeten! Kommen Sie, trinken Sie Tee mit uns!“

Im nächsten Moment sitzen wir auf einer Picknickdecke, voll gepackt mit kulinarischen Köstlichkeiten, die für zwei Großfamilien reichen würden – diverse Salate, gebackene Auberginen, Brot, Gebäck. Statt Tee wird die gekühlte Rotweinflasche aus dem Bach geholt: „Selbst 16-p9180085_schluchtgemacht, kommen Sie, trinken Sie! Und greifen Sie ordentlich zu!“ Eine russische Familie, Mutter Galina, die in Osh im Amt für Statistische Erhebungen arbeitet, ihr Mann Alexander, Frührentner, der ständig an seinem Lada herumschraubt, ihre Tochter Natascha mit Ehemann Sergej und seiner Mutter Ljudmilla, Buchhalterin.

 Gastfreundliches Picknick mit Mutter Galina

Wir haben drei Grunde zum Feiern, sprudelt Galina, eine Endvierzigerin, rund und drall und mit einem warmen herzlichen Strahlen, los, als alle Gläser randvoll mit Rotwein gefüllt sind: 1. Wir, mein Alexander und ich, feiern heute 27. Hochzeitstag, 2. die Kinder sind aus Komi (autonome Republik im Norden Russlands) zu Besuch gekommen, und 3. sie feiern morgen ihren siebten Hochzeitstag. Kaum ist das Glas geleert, gibt es einen weiteren Grund zu trinken, nämlich auf uns, die Gäste, darauf dass wir uns kennen gelernt haben und hier zusammensitzen.

Früher, seufzt Galina nach dem zweiten ex getrunkenen Glas Wein, zu Sowjetzeiten war es natürlich besser, alle hatten Arbeit, das Leben war einfacher. Aber was soll man machen!? Viele sind weggegangen, aber wir, wir bleiben. Ja, sicher, manchmal, da gibt es heute Leute, meist junge, die sagen, ihr Russen, geht doch zurück nach Russland, dahin, wo ihr hingehört, aber da lache ich doch nur und sage: ,Hey, das ist mein Land19-p9180104_picknick genauso wie deins und wahrscheinlich noch länger, du Jungspund!’. Ich bin hier geboren, und ich werde hier sterben! Wir gehen niemals weg! Die Schwiegermutter nickt zustimmend: Niemals!

Für Russland sind wir ja sowieso keine richtigen Russen mehr, sondern halbe Kirgisen, kichert Galina und ihr mächtiger Vorbau bebt. Na und? Wir leben hier alle zusammen – wir haben viele positive Dinge von den Kirgisen übernommen, ihre Gastfreundschaft zum Beispiel, und dabei zwinkert sie Azyz und Acel wohlwollend zu, aber sie haben auch Dinge von uns unternommen. Das ist doch wunderbar, oder? Wir trinken weiter. Denn natürlich kommt nach dem Rotwein die obligatorische Wodka-Flasche auf die Picknickdecke – natürlich auch selbst gebrannt. Wir trinken auf die Freundschaft, darauf, dass wir alle, egal woher wir kommen, gleich sind, und darauf, dass die Zukunft uns allen Gutes bringen möge.

Der Gebirgsbach rauscht, die Atmosphäre ist so warm und herzlich als würde man sich ewig schon kennen. Mutter Galina sprüht vor Elan. Die Schwiegermutter, etwas stiller, schiebt uns ein Schälchen und Schüsselchen nach dem anderen zu. „Langen Sie zu, essen Sie!“ Der Schwiegersohn hantiert am Schaschlik-Grill. Galinas Wangen glühen, unsere nicht minder. Zum permanenten Zugreifen genötigt, platzen wir bald aus allen Nähten.

Was ist mit Wasserfall, wollt Ihr ihn nicht ansehen, mischt sich Alexander, der wortkarge Ehemann ein. Also, ich muss nicht unbedingt… setze21-p9180118_bergoben ich gerade an, da springt Reinhild schon auf, ja, klar. Natascha und ihr Mann Sergej stehen schon bereit: Gehen wir! Leicht benommen von Rotwein und Wodka in der Mittagshitze, machen wir uns an den Aufstieg. Zwischenzeitlich habe ich zwar das Gefühl, mir würde vor Atemnot gleich der Schädel platzen, doch wenn ich sehe, wie grazil unsere neuen russischen Freunde nach oben hüpfen, mag ich mir natürlich keine Blöße geben.

Den Aufstieg geschafft, das plätschernde Rinnsal gesehen, ein bisschen den hochroten Kopf benetzt und dann geht es wieder hinunter…. Was wesentlich mühsamer ist als der Aufstieg, aber die Tatsache, dass ausgerechnet Reinhild angstvoll im Berg klebt und ohne die tatkräftige Hilfe von Azyz überhaupt nicht mehr hinunter käme, beschwingt mich doch sehr.

Mutter Galina freut sich, als wir wieder da sind: Wunderbar, denn jetzt ist das Schaschlik fertig. Widerrede zwecklos. Im nächsten Augenblick haben wir alle einen Hammel-Spieß in der Hand, mariniert mit Essig, garniert mit frische Zwiebelringen, und kaum ist der erste aufgegessen, wird uns zweite in die Hand gedrückt.

Als wir uns drei Stunden später von der Familie verabschieden, drückt man uns Äpfel, Brot und eine große Sonneblume als Wegzehrung in die Hand, und herzt uns wie alte Freunde

Drei Dollar für ein geselliges Abendessen

Im Basislager, der Picknick-Area, wartet unser vor Stunden bestelltes Essen auf uns. Im Nu ist „unsere“ Tscheikhana hergerichtet, direkt am plätschernden Wasserlauf, ausgelegt mit Matten und Teppichen, getaucht in das warme Licht der Abendsonne. Eine Pfanne gebratenen Fleisches, Tomaten, Gurken, das Brot und ein Topf undefinierbaren Butterfettes von Azyz’ Babuschka, Berge von Äpfeln und Weintrauben, 23-p9180128_tscheifrisch gebrühter köstlicher Tee. Lang ausgestreckt fläzen wir auf unserem Teppich-Lager und lassen uns von Azyz’ und Acels Erzählungen einlullen.

Sie erzählen von den kirgisischen Hochzeitsgepflogenheiten. Ein Mädchen, das mit spätestens 23 nicht verheiratet ist – undenkbar! Früher wurde so eine in einen Sack gesteckt, in ein anderes Dorf gebracht und dort verkauft. An einen Witwer oder als Zweit- oder Drittfrau. Hihi, stellt euch das mal vor, in einen Sack gesteckt, ha ha, kichert Azyz und rollt sich über den Teppich. Wie gut dass es das heute, gottlob, nur noch selten gibt“, merkt Acel nachdenklich an. Allein die Tatsache, dass es dies überhaupt noch gibt, lässt mich insgeheim dafür danken, im richtigen Land mit dem richtigen Pass geboren worden zu sein! Noch immer gang und gäbe sei natürlich das Brautgeld: das Minimum sei eine Kuh, vier Hammel, soundsoviel Säcke Mehl und eine große Hochzeit muss es natürlich sein. Mindestens 150 Gäste. Alles darunter zähle nicht. Rund 7000 Dollar koste es, eine richtige große Hochzeit auszurichten. Da lege dann der ganze Familienclan zusammen. Es gibt in Osh Restaurants mit Plätzen bis zu 800 Gästen, das, ja, das sei eine richtige Hochzeit, die könnten sich natürlich nur die Reichen leisten.

Und wenn der Ehekandidat kein Geld hat, den Brautpreis zu bezahlen? Wenn die Eltern der Braut sagen, nein du bist zu arm, du kriegst unsere Tochter nicht? Dann – und dabei sind sich beide einige, dann wird die Braut eben entführt. Wenn es ein richtiger Mann ist, dann macht er das!

Und sie, Acel? Sie hätte das Glück, fortschrittliche Eltern zu haben. Sie unterstützen ihr Studium und besonders ihre Mutter wünscht sich, dass sie was von der Welt sieht. Ihr Vater sei leider etwas konservativer, erlaube es ihr z. B. nicht nach Bischkek zu ziehen und dort zu studieren. Das sei ihr Traum, in die Hauptstadt, wo das Leben freier ist. Aber sie habe zwei jüngere Schwestern und denen müsse sie Vorbild sein. Und Azyz? Ach ich mach mir da gar keine Gedanken. Ich bin ein Mann! Ich bin mit meinem Auto verheiratet. Ein Audi mit satten 240.000 Kilometern. Sein Vater hat ihn ihm zur Beendigung seiner Wehrpflicht geschenkt. Was gibt es denn besseres und schöneres als ein Auto, grinst er.

Als die Sonne untergeht und es kühl wird, erheben wir uns schwerfällig von unserem Lager, 150 Som (3 Dollar) bezahlen wir für Zubereitung unseres Essens. 24-p9180129_tanz2

Mitten in dem staubigen zentralen Platz, steht ein quietschroter Lada, aus seinen Lautsprechern tönt Folkore-Musik – davor tanzt eine Gruppe alter Frauen. Weit über siebzig scheinen sie mir, aber Acel berichtigt mich, keine von ihnen sei älter als sechzig. Die Frauen sind vergnügt, sprühen vor Lebenslust und als sich der schmucke Azyiz zu ihnen gesellt, und der einen oder anderen Oma charmant zuzwinkert, kichern sie wie Teenager. Wir werden eingeladen, mitzutanzen, mitzuessen, mitzutrinken. Wir müssen ablehnen, wollen vor Einbruch der Dunkelheit zurück nach Osh…. Dürfen wir wenigstens fotografieren? Die Alten werfen sich in Positur, sie tanzen mit Leib und Seele und freuen sich des Lebens.

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)
Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken- Teil 6

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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