Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

 

 

Kirgisische Gastfreundschaft und die geplatzte Hochzeit in Osh

Zurück in Osh verkündet Acel: und jetzt gehen wir auf eine Hochzeit. Wie bitte? Bei der Organisation unseres Wochenend-Trips durch eine Ortskraft an der Botschaft hatte Reinhild unser Interesse an einer Folklore-Show signalisiert. Als es hieß, keine Ahnung, ob es dort ein Restaurant gibt, meinte sie im Scherz, na ja, dann halt wenigstens eine Hochzeit… Dass das im Scherz Dahingesagte für bare Münze genommen wird, damit hat weder sie noch ich gerechnet. Hochzeit? Wir sehen uns an, starren vor Staub und Dreck, und haben auch nichts, auch nur ansatzweise Adäquates zum Anziehen dabei.

Eine halbe Stunde später finden wir uns außerhalb Oshs in einem Restaurant wieder – mit einer ohrenbetäubenden Beschallung und aufgetakelten Hochzeitsgästen. Schon auf der Fahrt dahin erzählen wir Acel, dass es uns schlichtweg peinlich sei, und man das doch nicht machen könne – bei wildfremden Menschen…. Das, sagt sie, ist der Unterschied zwischen eurem Land und meinem. Bei uns freut man sich über jeden Gast. Völlig deplaziert sitzen wir im Foyer des Nobelrestaurants, wünschen uns weit weg und haben nicht die mindeste Lust auf Hochzeitsaktivitäten – während Acel versucht „alles klar zu machen“. Eine halbe Stunde später taucht sie mit bedröppelter Miene wieder auf: Vielleicht sollten wir doch woanders hingehen. Wir sind mehr als erleichtert.

Wir fahren zu Suleiman’s Thron, erklimmen im Dunkeln zig Stufen und blicken hinunter auf das stille, vom Vollmond beschienene erleuchtete Osh. Ich habe noch nie Gäste abends hier hoch gebracht, sagt Acel, es ist das erste Mal. Und es hat etwas sehr suleimanRührendes. Als wir uns wieder hinuntertasten, hakt mich das kleine Persönchen resolut unter: Be careful, I’ll support you, sagt sie. Du, lache ich, du bist so klein und zierlich, wenn ich falle, dann würde ich dich mit mir reißen… Darauf antwortet sie ganz ernst: Dieses Opfer würde ich bringen – du bist der Gast. Für einen Gast tun wir alles.

Wir gehen zusammen noch was essen, die meisten der Lokale sind Open-Air Restaurants, die alle aber auch über kleine Separees verfügen und im Innenhof unter martialischer Lautsprecherbedröhnung zum Tanz einladen. Wir sitzen im Separee, weil nur da eine Unterhaltung möglich ist, im Innenhof wird ausgelassen getanzt, und wir müssen Acel, die unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutscht, versprechen, uns mit ihr wenigstens einmal ins Tanzgetümmel zu stürzen. Wir tun es auch. Vermutlich wirkt es albern, die Europäerinnen, mit ihren ungelenken Bewegungen zwischen den einheimischen Frauen, die sich anmutig und geschmeidig zur Musik bewegen. Aber Acel freut sich. Und nach dem zweiten Wodka gesteht sie auch, wie außerordentlich peinlich ihr die Sache mit der Hochzeit sei – die wollten uns nicht dabei haben. Und sie hätte doch gedacht, Gastfreundschaft sei in ihrem Lande alles…

 Osh – die älteste Stadt Kirgisiens

Auf 3000 Jahre bewegte Geschichte blickt Osh zurück. Damit ist es mit seinen 300.000 Einwohnern, hauptsächlich Usbeken, nicht nur die zweitgrößte Stadt Kirgisiens, sondern auch die älteste. Auf 1000 Meter Höhe gelegen, nur fünf Kilometer von der usbekischen Grenze entfernt, war Osh seit dem 10. Jahrhundert ein wichtiger Knotenpunkt für die Karawanen der Seidenstraße.

Unrühmliche Schlagzeilen machte die Stadt im Sommer 1990 als plötzlich Kämpfe zwischen den bis dato friedlich zusammenlebenden Usbekenosh und Kirgisen ausbrachen, die Hunderte von Todesopfer forderten. Offiziell hieß es zwar, das Gemetzel sei durch unrechtmäßige Landrückgaben entzündet worden, inoffiziell hält sich der Glaube, dass die damaligen ethnischen Unruhen bewusst von außen, sprich der Sowjetmacht, geschürt worden waren, um Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken.

Wieder strahlt die Sonne. Unser erster Besichtigungspunkt, diesmal bei Tage, ist der Thron des Suleiman, diese Felsformation, die sich wie aus dem Nichts aus der flachen Ebene erhebt. Suleimans Thron, benannt nach dem Propheten Suleiman, der dort zu sitzen pflegte, ist einer der heiligsten Orte Zentralasiens. Wer sich die Pilgerreise nach Mekka nicht leisten kann, pilgert zu Suleimans Thron, der so zu seinem Beinamen „Klein Mekka“ gekommen ist. Überall flattern in Sträucher geknüpfte Wunschbänder im Wind. Unter Felsvorsprüngen sprechen heilige Männer Gebete, in einer Höhlennische drängeln sich Frauen und erbitten Fruchtbarkeit. In einer glatt polierten Felsenkuhle auf dem Gipfel lassen sich Jung und Alt in Rückenlage hinabgleiten, weil man hier der Legende nach von jeder Art körperlichen Gebrechens geheilt wird. Dem Berg werden heilende Kräfte zugesprochen. Am Fuße von Suleimans Thron laden Cafes, plätschernde Springbrunnen und Tschaikhanas im Schatten üppiger Trauerweiden zum Ausruhen und zur Stärkung ein.

Im Trubel des Basars

Der Jayma-Basar, der sich heute noch genau auf dem gleichen Gelände wie schon vor 2000 Jahren ausbreitet, gilt als einer der besten und größten westlich von Kashgar (China). Ein wildes unüberschaubares Gewimmel von Gassen und Gässchen. Nichts, was es auf dem Bazar nichtBasar Osh zu kaufen gäbe, ob frisches oder getrocknetes Obst, Haushaltsgegenstände, billige China-Importe, die traditionellen Kopfbedeckungen sämtlicher in dieser Region lebenden Nationalitäten, Hochzeitsgewänder, russische Fellmützen, Seidenstoffe und Gummigaloschen, gefakte Nikes, handgefertigte Keramik, koreanische Salate und russische Piroggen, Plastikspielzeug und raubkopierte CDs, handgeschnitzte, üppig ornamentierte Kinderwiegen, Berge von leuchtenden Granatäpfeln, Türme von frischen Erdnüssen und Walnüssen, Gewürze in allen Farben und Schattierungen…. Ein Meer von Farben, Stimmen und ohrenbetäubender Musik. Das Händlervolk ist so bunt gemischt und vielfältig wie die angebotenen Waren. Nur eines haben sie alle gemein – ob Usbeken, Kirgisen, Dunganen, Tschetschenen, Kurden, Uiguren, Kasachen, Tadschiken, Russen; Mongolen, Koreaner etc. – die goldenen Zahnreihen! Die Händler grinsen breit in die Kamera, keiner lehnt die Frage, ob man fotografieren dürfte, ab. Ganz im Gegenteil, sie freuen sich, winken uns gar einladend heran, setzen sich extra in Positur. Wir bekommen hier einen Apfel, da eine Handvoll Nüsse, dort einen Spatel Honig angeboten, sollen hier probieren und da kosten. Überall ein freundliches Lächeln, ein netter Händedruck.

Ein alter Kirgise, mit dem traditionellen Kalpak (dem zylinderförmigen hohen Filzhut) auf dem Kopf tippt Reinhild auf die Schulter: Hier, filmen Sie mich, zu Erinnerung. An seinem Revers blinken und blitzen ‚zig Veteranen-Abzeichen. Ein junger Brotbäcker, der einen Fladen nach dem anderen aus seinem Steinofen holt, winkt uns zu sich, zwei kleine Jungs drängeln sich mit aufs Bild. Ich zeige Ihnen das Foto im Display,Basar Osh Baecker sie kichern verlegen, Wir verabschieden uns, da kommt mir einer der Jungs nachgelaufen, zupft mich am Ärmel, ein ofenheißes, köstlich duftendes Brot in der Hand: Für Sie! Ein Pelzhändler preist Reinhild seine Nerzmützen an: Hier, kaufen Sie eine – für Ihren Mann! Als sie antwortet: ich habe keinen, lacht er schallend, deutet in die Runde, Ha, hier gibt es genug – suchen Sie sich einen aus! Souverän lotst uns Acel durch das Labyrinth des riesigen Basars, in dem wir längst jegliche Orientierung verloren haben, bepackt mit den Tüten unserer Markteinkäufe, die zu tragen sie sich partout nicht abnehmen lässt: Ihr seid Gäste!

Vom Markttrubel geht es mit einem kleinen Umweg über ein eisgekühltes kasachisches (!) Bier in einem schattigen Cafe direkt zum Flughafen. Die Maschine hat Verspätung. Eine Stunde, vielleicht auch zwei – keiner weiß es so genau. Jedenfalls können wir nicht eher fliegen, als dass das Flugzeug aus Bischkek angekommen ist. Acel und Azys betrachten es als ihre ganz selbstverständliche Gastgeberpflicht, mit uns zu warten. Mit Engelszungen müssen wir reden, um die beiden zu überzeugen, dass sie ihren Pflichten übers normale Maß hinaus schon Genüge getan und sich nun ihren Feierabend verdient haben. Nur widerstrebend lassen sie sich schließlich fortschicken – aber die Verabschiedung fällt so herzlich aus, als seien wir enge Freunde geworden.

Drei Stunden später ist es denn auch soweit – die Altyn Air-Maschine aus Bischkek ist endlich gelandet. Sie hat ein angekokeltes Triebwerk. Soll uns das beunruhigen? Besser nicht! Wenn sie damit in Osh ankommen konnte, kommt sie sicherlich auch wieder zurück nach Bischkek. Insch-Allah!

Am Flughafen in Bischkek erwartet uns der getreue Dao – dass er drei Stunden gewartet hat, hält er nicht mal für erwähnenswert.

Der Kirgise mit den grünen Augen in Bischkek

Es ist drückend heiß, schwül und kein Lüftchen regt sich. Freiwillig hüpfe ich (!) von einem Schattenplatz zum nächsten. Mein Tagesprogramm sieht diverser Besorgungen für meinen Trip zum Issyk-Kul-See vor. Ich lasse mich unter üppigen Trauerweiden neben einem beruhigend plätschernden Springbrunnen in einen Plastikstuhl plumpsen und bestelle mir ein kleines Bier. Wie aus dem Nichts, schieben sich urplötzlich Wolken vor die Sonne, Wind kommt auf und in der Ferne dumpfes Gewittergrollen. Alle paar Minuten pustet mir der Wind eine Sprühregenfontäne ins Gesicht. Als mich gerade wieder ein mittelstarker Sprühguss trifft, spricht mich der Mann am Tisch hinter mir an: ObOsh Kirgise alyk ich mich nicht zu ihm setzen wolle – ich werde doch ganz nass, hier sei es trocken. Ein hochgewachsener Mann, mit asiatischen Zügen, einer Reihe blitzender Goldzähne und schwermütigen tiefgrünen Augen lächelt mich sympathisch an. Ja, warum eigentlich nicht!

Alyk, stellt er sich vor, Kirgise aus Jallalabad im Süden, Ex-Major der Sowjet-Armee, jahrelang in Moskau und der Ukraine stationiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrt er zurück in sein unabhängig gewordenes Heimatland, schlägt sich seither mit Gelegenheitsjobs durch. Schlecht ist es das Leben hier, sagt er. Wir haben ein wunderschönes Land, wir haben gute Menschen – aber keine Arbeit und einen Präsidenten, er rümpft verächtlich die Nase, der korrupt ist. Sein Blick hat etwas anrührend Trauriges, seine Gesten etwas Resigniertes. Müde sei er, müde von der Arbeit, müde von den familiären Problemen – er hat Frau und zwei kleine Töchter, die es zu ernähren und vom heutigen Tag in den morgigen zu bringen gilt – und deswegen sitze er hier, schaue auf den Springbrunnen und versuche neue Kraft zu schöpfen.

150 Som (30 Euro) hätten sie im Monat, wenn es gut läuft – das reiche hinten und vorne nicht. Auf der Stelle würde er weggehen, irgendwohin, nach Amerika oder sonst wohin, ein halbes Jahr, von früh bis nacht arbeiten, egal was, und von dem was er da verdiene, wäre er hier ein reicher Mann. Aber wohin könne er schon gehen…. Wir trinken noch ein Bier zusammen, er möchte mich zum Essen einladen, ich lehne ab. Er sagt, ich sei sein Gast hier, vielleicht noch ein Bier. Gut, warum nicht. Am Ende bezahle ich, ich lasse mich doch nicht von jemandem einladen, der 1500 Som im Monat verdient. Es würde ihm gut gehen in meiner Gesellschaft, sagt Alyk, sie tue ihm wohl. Er würde mir gerne etwas schenken. Einen Kugelschreiber vielleicht, der koste nicht viel, und wann immer ich damit schreiben würde, würde ich mich vielleicht seiner erinnern. Und dabei blickt er mich aus traurigen tiefgrünen Augen an.

Langsam drängt meine Zeit. Ich muss meine Besorgungsliste noch abarbeiten. Dazu gehört ein Abstecher ins Zum, um nach einem kirigischen Film, der 1999 beim Filmfest in Venedig ausgezeichnet wurde, fragen. Alyk besteht darauf, mich zu begleiten. Er mischt die komplette DVD-Abteilung auf: ein Film von uns, hier für sie, aus Deutschland! Die Verkäuferinnen lächeln milde und nehmen die Bestellung auf. In dreibischkek Tagen könne ich den Film abholen. Wir kommen an der Spielwarenabteilung vorbei. Eine flauschige Plüsch-Schildkröte mit lustigem Haarschopf fällt mir ins Auge, die wird meiner kleinen Nichte gefallen, 300 Som kostet sie, etwa fünf Euro. So teuer, sagt Alyk entsetzt, und blickt traurig auf die knuffigen Stofftiere. Vielleicht würde er seinen Kindern auch gerne so etwas schenken. Ich bringe es nicht fertig, die Schildkröte zu kaufen.

Alyk besteht darauf, mich nach Haus zu begleiten, ich könne schließlich nicht alleine durch die Stadt laufen – das ich das seit Tagen tue, tut seinem Beschützerinstinkt keinen Abbruch. Wir kommen an ein paar Straßenmusikanten vorbei – ein Lied, nur für uns, ruft Alyk, steckt dem Jungen mit der Gitarre 20 Som zu, spiel was Schönes, für den Gast aus Deutschland! Der Junge stimmt eine wehmütige russische Ballade an und Alyks Blick verliert sich zwischen mir und der Ferne seiner Träume.

Wir kommen an einem Bozo-Stand vorbei: Hast du hast das schon probiert? Ich verneine, im nächsten Moment halte ich einen Pappbecher in der Hand. Es schmeckt erfrischend, säuerlich, erinnert mich ein bisschen an den russischen Kwas oder das nepalesische Tumba. Ob ich denn schon einmal Koumis, das Nationalgetränk aus geronnener Stutenmilch, getrunken hätte. Nein, gestehe ich. Dass es mich allein bei dem Gedanken an solch ein Getränk schon würgt, verschweige ich. Das kann nicht sein! Er lässt nicht locker, bis er einen Laden ausfindig gemacht hat. Ob der Koumis auch gut, frisch und rein sei, erkundigt er sich gebieterisch, denn immerhin sei es für einen Gast aus Deutschland. Und schon halte ich eine Plastikflasche Koumis in der Hand (ich nie etwas davon probiert. Alyk möge es mir verzeihen).

Nun muss ich noch meine Fotos bei Kodak abholen. Ein paar Kunden sitzen da – da, guckt mal, ruft Alyk wie ein kleiner Junge, habt ihr so was schon mal gesehen: ein Pferd mit blauen Augen! Das gibt es nur bei uns und sie ist deswegen extra den langen Weg aus Deutschland gekommen. Sein Überschwang wird mit befremdlichen Blicken beschieden. Vor Reinhilds Haus angekommen, verabschiedet sich Alyk mit einem freundschaftlichen Handschlag. Vielen Dank für die nette Gesellschaft.

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)
Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken-  Teil 7

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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