Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

Issykul See – die Perle des Tien Shan

Im Sammeltaxi gen Osten

Tiefe regenschwere Wolken hängen über der Stadt. Seit 20 Minuten stehe ich an der Straße. Die Nr. 113 bringt Sie direkt zur Western Bus Station, hatte mir Asylbek vom CBT gesagt. In 2-Minuten-Abständen rauschen die Marschroutkas, die Minibusse, an mir vorbei, auf eine Nr. 113 warte ich vergeblich. Ich halte ein Taxi an.

Von Ausländern nimmt man gemeinhin an, dass sie im Lande arbeiten – für internationale Organisationen oder Entwicklungshilfeprojekte, die es zuhauf gibt. Dass jemand einfach nur Urlaub macht, versetzt die Einheimischen immer wieder in Überraschung. Zum Issykul-See wolle ich, wunderbar, der Fahrer ist begeistert. An der Bus-Station angekommen, lässt er mich nicht aussteigen. Nein, nein, Sie warten hier, ich suche Ihnen ein Taxi! Sie als Ausländerin zahlen sonst viel zu viel. Ein paar Minuten später ist er zurück: Mmh, 450 Som, das ist wohl doch zu teuer, vielleicht doch besser einen Minibus? Der kostet nur die Hälfte. Ich rechne nach: knapp 10 Euro für 450 Kilometer.

Im Nu bin ich mitsamt Mini-Gepäck in einen Uralt-VW-Jetta umgeladen, muss mich allerdings noch gedulden, bis sich weitere Fahrgäste für das Sammeltaxi gefunden haben. Die sind dann zwei junge Mädchen, Schwestern, bepackt mit 1000 Plastiktüten und diversen Filzteppichen. Der Wagen scheppert und klappert, mein Seitenfenster springt bei jeder Unebenheit nach unten, und der Fahrer scheint unter immensem Zeitdruck zu stehen. Seine Armbanduhr hängt über dem Steuerknüppel, ständig checkt er die Uhrzeit, und gibt Vollgas. Ich lege den Sicherheitsgurt an. Die beiden Mädels tuscheln auf der Rückbank, und nach einer halben Stunde endlich spricht mich die ältere der beiden auf Englisch an. Sie hatten mich zunächst für eine Russin gehalten… Sie ist mit einem Briten verheiratet, lebe eigentlich in Dubai. Doch jetzt sei er, da bei der Armee, für ein Jahr in den Irak geschickt worden, sie ist im dritten Monate schwanger und nun auf dem Weg zu ihren Elten am Issykul, wo sie sich besser aufgehoben fühle als alleine in Dubai. Ihren Mann habe sie Dubai kennen gelernt, wo sie gearbeitet habe. Aufgrund der ärmlichen Situation im Land gibt es viele Kirgisen, die in den Emiraten arbeiten, das hatte ich zumindest gelesen. Und eigentlich möchte ich sie fragen, was sie dort gearbeitet hat, aber irgendetwas hält mich davon ab. Als ich sie frage, wo sie denn ihr Englisch gelernt habe, lacht sie, durch meinen Mann. Bevor ich ihn kennen lernte, konnte ich nur zwei Sätze: „What’s your name“ und „I love you“. Ich sehe sie mir noch einmal an, sie jung, sie ist hübsch. Die Frage nach ihrer Arbeit in Dubai hat sich irgendwie erübrigt….

Währenddessen braust der Fahrer über die Straßen als sei der Teufel hinter ihm her. Egal wie kurvig die Straße – unter 120 geht gar nichts. Die dichte Wolkenmasse hatte sich zeitweilig verflüchtigt, es schien gar die Sonne, meine Stimmung hob sich, doch je näher wir dem See kommen,jurte camp kirgisistan desto düsterer wird es und auf die letzten 50 Kilometer sind die Scheibenwischer gar im Dauereinsatz, was der Geschwindigkeit aber keinerlei Abbruch tut. Exakt vier Stunden später – trotz Pause auf dem jurten-bestückten Rastplatz und Ausladen des Schwestern-Paares zwei Orte vorher – sind wir an der mir von Asylbek beschriebenen Stelle. Ein blauer Container, ein handbemaltes Schild: Jurtencamp.

Der Fahrer, bereits unwirsch, denn er ging davon aus, mich nur bis nach Bakonbaev, der Kreisstadt, bringen zu müssen – die zehn Kilometer extra haben offensichtlich seinen Zeitplan durcheinandergebracht – ist sehr erleichtert, als er hört, dass der Weg zum Jurten-Camp bei Regen nicht befahrbar sei. So schnell sehe ich gar nicht, ist er auch schon davon gebraust. Und ich stehe im Regen. Der See versinkt in bleiernem Grau, die Landschaft ist öde. 700 Meter, sagt einer der für mich nicht zuzuordnenden Männer des blauen Containers sind es bis zum Camp. Ich bringe sie hin. Wir marschieren durch eine trostlose Hügellandschaft, über Lehmboden, glitschig wie Schmierseife, ich bin nach drei Minuten völlig durchnässt, mein kleines Marschgepäck hängt mir schwer über der Schulter, kalter Wind läst mir ins Gesicht, der Weg kommt mir endlos vor und ich frage mich, was ich mir hier eigentlich antue.

Das Jurtencamp

Endlich: zwei Jurten, mitten im Nichts, eine grau, eine weiß. Mein Begleiter öffnet die hölzerne Tür der weißen: „Herzlich willkommen“, sagt er und ist verschwunden. Da sitze ich nun, alleine in meiner Jurte. Als der Regen nachlässt, gehe ich auf Erkundungstour. Stapfe über kärglich bewachsene Hügel, sehe nichts als noch mehr Hügel und undurchdringliche Wolken, die sich darauf breit machen. Weit und breit keine Menschenseele, noch nicht einmal das geringste Zeichen einer menschlichen Ansiedlung. Bei dem Versuch, mir vorzustellen, wie das alles bei Sonnenschein aussehen mag, den ich ja nun nonstop hatte, bekomme ich schlechte Laune. Drei Hügel weiter taucht plötzlich mein Begleiter von vorhin auf: Der Hausherr kommt in einer halben Stunde, er muss Besorgungen machen in Bakonbaev. Aha, na, das heißt ja wenigstens dass ich nicht auf immer und ewig allein hier bin. Anderthalb Stunden später winkt mir eine einsame Gestalt in der Hügellandschaft entgegen – ob er mich meint? Ja, er meint mich, Hallo, ich bin Bartak, der Hausherr, es tut mir leid, ich hatte sie nicht so früh erwartet. Herzlich willkommen, fühlen Sie sich hier wie zu Hause.

Zurück im Camp stellt er mich seiner Schwester Cholpon vor, einer Matrone mit extremen Schlitzaugen und purpurroten Wangen. Sie werde sich um mein leibliches Wohl kümmern, sei mir Ansprechpartnerin und Freundin, wir seien ja vielleicht sogar im selben Alter. Ich schätze siejurte camp kirgisistan auf Mitte 50. Danke auch für das Kompliment. Morgen also ein Ausritt? Ja. Und für mich bitte ein kleines, ganz gutmütiges Pferd, denn a) kann ich nicht gut reiten und b) habe ich Angst vor den Tieren. Bartak grinst mich verschmitzt an, keine Sorge. Dann bis morgen um neun. In der Jurte ist es kalt und klamm und düster, der Strom, den es eigentlich gibt, ist ausgefallen. Um sieben Uhr wird ein flacher Tisch in die Jurte gehievt und Cholpon, freundlich lächelnd, ansonsten aber ziemlich einsilbig, was sich für die Dauer meines Aufenthalts auch nicht ändern soll, serviert mir mein Essen. Würzige Paprika-Suppe und einen Riesenteller mit Kartoffeln, Gemüse und Fleisch. Sehr schmackhaft, aber eine Holzfällerportion. Mit Ach und Krach schaffe ich die Hälfte und ernte einen tadelnden Blick von ihr.

Erneut beginnt es zu regnen, jetzt in Sturzbächen – und Cholpon hastet mit Plastikschüsseln heran. Tropft es? Oh ja, es tropft, und wie! Es ist eiseskalt, mein Zwiebelkleidungsprinzip ist ausgereizt, ich wärme mir die klammen Finger an der heißen Teetasse, wünsche mir einen Wodka, schütte literweise köstlichen mit Berghonig gesüßten Tee in mich hinein… und denke mit Unbehagen an die große Wahrscheinlichkeit des nächstens die Toilette aufsuchen zu müssen. Die – ein plastikplanenumspanntes Plumpsklo – ist 30 Meter entfernt und meine für ein paar Cent in Bischkek erstandene Billigfunzeltaschenlampe hat einen Leuchtradius von 50 Zentimetern.

Cholpon bereitet mir wortlos mein Nachtlager. Vielleicht ist sie beleidigt, weil ich die Hälfte ihres Essens verschmäht habe. Schichten von dicken wattierten Decken werden auf den Fellen übereinander gestapelt, und auch die Zudecken bestehen aus mehreren Lagen. Um halbneunjurte innen kirgisistan liege ich wie die Prinzessin auf der Erbse, bewegungsunfähig unter dem Gewicht der mehrlagigen, untergeschlagenen Zudecken eingemummelt und noch immer fröstelnd in meinem Nachtlager. Der Regen prasselt auf das Jurtendach und mit einem monotonen „platsch, platsch“ in die aufgestellten Schüsseln. Ich bin entschlossen, am nächsten Morgen abzureisen.

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)
Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken-  Teil 8

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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