Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

Der Ausritt

Ich habe wohlig warm und wie ein Stein auf meinem Nomadenlager geschlafen, wache traumlose zwölf Stunden später auf, erahnend dass es draußen hell ist und, da so still, nicht mehr regnet. Schwerfällig wühle ich mich aus meinen tausend Kirgisistan-Berge am Issykul-SeeDecken, öffne die hölzerne Tür meiner Jurte – und kann es nicht glauben: wolkenloser Himmel, ein tiefblau glitzernder See und strahlender Sonnenschein. Hinter den sanft geschwungenen Hügeln der Vorgebirgssteppe ragen die schneebedeckten Gipfel in die Höhe.

Vor der Jurte stolziert wichtigtuerisch ein Hahn herum, Feldmäuse tummeln sich zwischen den Kürbissen. Das Hauskätzchen Bakira turnt schnurrend auf meinem Schoß herum. Cholpon serviert Eieromelett, gekräuterten Tomatensalat und knusperfrisches Fladenbrot – letzteres bleibt mir allerdings beinahe im Halse stecken, als sich donnerndes Hufgetrappel nähert und zwei Pferde in wildem Galopp vor meiner Jurte vorbeifliegen. Um Himmels willen, worauf habe ich mich da eingelassen?

Bartak, der Jurtenbesitzer, begrüßt mich frohgelaunt, die Pferde am Halfter. Missmutig und unwillig sehen sie aus. Wie lange wir denn so in etwa unterwegs seien, frage ich vorsichtshalber. Vier bis fünf Stunden. Da ist mir noch nicht klar, dass Zeitangaben in Kirgisien eine sehr schwammige Größe sind.

Eine halbe Stunde später ist Aufsitzen angesagt. Mir gehört der Braune. Ob ich eine Peitsche bräuchte? Bloß nicht, nein! Bin doch kein Pferdeschinder. Ich frage ihn , wie das Pferd heißt – ich denke mir, dass es doch einen persönlicheren Bezug schaffen würde und der Gaul mir milder gesonnen wäre, wenn ich ihn mit Namen ansprechen und tätscheln könnte…- Bartak überlegt erstaunlich lange und den Namen, den erKigisistan Ausritt am Issykul-See mir nennt, kann ich mir, da er mehr als fünf Silben hat, nicht merken. Früher, ja, da haben die Menschen die Pferde noch geschätzt, erklärt er, heute aber sind sie nur noch Arbeitskraft, viele haben überhaupt keine Namen mehr. Da ist mir klar, dass der Name für meinen Braunen soeben erfunden wurde, ich ihn also genauso gut tätscheln und Gaul nennen kann. Letztlich macht es sowieso keinen Unterschied, denn er mag sich nicht bewegen. Chu, Chu, musst du sagen, damit er losläuft, und ihm ordentlich in die Flanken treten. Mein Brauner bleibt bocksteckensteif stehen und wackelt bedrohlich mit den Ohren. Vielleicht hätte ich die Gegend doch lieber zu Fuß erkunden sollen.

Nach fünfzehn zähen Minuten, die mich kaum vom Fleck bringen, beschließt Bartak, mich anzuleinen. Na klasse, da hätte ich ja gleich auf dem Ponyhof bleiben können. Brav trabt mein Brauner dem feurigen Rappen Bartaks hinterher und kaum habe ich mich mit der doch letztlich recht bequemen Schmach des Anleinens abgefunden, fängt Bartaks Rappe an zu zicken. Die dichte Nähe meines Braunen behagt ihm nicht. Er ist sehr kapriziös, sagt Bartak und beschließt, dass jetzt entweder das Pferd an mich oder ich an das Pferd gewöhnt sei und man es auch ohne Leine probieren könnte. Er lässt mich voran reiten, mein Gaul hat sich mit dem Übel meiner Person offensichtlich abgefunden und setzt brav einen Schritt vor den andern. In weiten Schleifen schrauben wir uns immer höher.

Die Befremdlichkeit der Stille

Stille. Absolute Stille.

Die Vorgebirgssteppe schimmert in matt-silbrigem Pastellgrün, wilder Wermut, der einen solch betörenden Duft verströmt, dass er trunken macht. Kreisrunde tief-dunkelgrüne Flecken unterbrechen die Eintönigkeit – wilder Wacholder. Hoch über mir zieht ein Steinadler seine Kirgisistan - Landschaft am Issykul-SeeKreise, tief unten liegt der See in tiefem Dunkelblau, drüben, jenseits des Sees glitzern die Berge weißblau, säumen das Ufer wie eine Perlenschnur. Das Grasen der Pferde, gelegentlich ein wohliges Schnauben. Ansonsten kein Laut. Es ist so still hier oben, das man den Flügelschlag der Vögel hört.

Herausgelöst aus Zeit und Raum, absorbiert von der Natur und einer Luft so klar und rein, das sie berauscht. Ehrfurcht empfindet man in diesem Moment, Demut vor dieser unbeschreiblichen unverfälschten Schönheit – und ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

In weiten Schwüngen waren wir immer höher geritten, auf wesentlich direkterem Weg geht es jetzt zurück ins Tal. Schmale Grate, Holpersteine, mitten durchs Gestrüpp, Geäst das das Pferd unwillig schnauben lässt, bevor es sich in meinen Haaren verfängt. Ob ich nicht lieber absteigen, und zu Fuß hinuntergehen möchte, fragt mich Bartak besorgt beim nächsten bedrohlichen Abstieg. Zu Fuß? Hier hinunter? Nein danke. Ich halte es da ganz pragmatisch – das Pferd will ja schließlich auch nicht hinabstürzen, es wird also schon wissen wohin es tritt. Besser vermutlich als ich. … und während ich mich in den Sattel kralle, verliere mich in Überlegungen, was sich die Natur wohl dabei gedacht hat, ein Pferd mit solch einem massigen Oberkörper, aber solch staksigen Beinen auszustatten. Und dass es doch ein Phänomen ist, dass es da, wo ich mit zwei Beinen schon Schwierigkeiten hätte, gleich vierKirgisistan Das Perd Issykul See Beine zu koordinieren vermag. Die eine oder andere Schrecksekunde bleibt natürlich nicht aus – es ist ein höchstes befremdliches Gefühl, wenn ein Pferd über einen Felsbrocken stolpert. Jedenfalls wird mir binnen kürzester Zeit sehr, sehr warm.

Aber siedend heiss wird mir in dem Moment, wo wir vor einer tiefen Wasserspalte stehen und Bartak mir im Plauderton bedeutet, dass wir diese nun springenderweise überqueren würden. Springen? Keine Sorge, beruhigt er mich, ich springe voraus, dein Pferd macht eh das, was meines macht, du hältst dich einfach gut fest und machst die Augen zu, wenn ich das Kommando gebe.

Als wir ins Jurtencamp zurückkehren, sind sage und schreibe neun Stunden vergangen. Und ich habe meine Lektion bezüglich kirgisischen Zeitempfindens gelernt. Die Sonne bereitet sich auf die Nachtruhe vor, taucht die Landschaft in surreales warmes weiches Licht. Die Kämme auf denen wir herumgeritten sind, haben sich in Wolken gehüllt, die Abenddämmerung zieht herauf. Ich steige mit wackligen Knien ab, und fühle mich wie Django nach der Wüstendurchquerung. Was zu essen, aber fix und dann bitte mein Bett! Cholpon bringt drei riesige gefüllte Paprikaschoten – und obwohl ich nur eine halbe übrig lasse, trifft mich ein missbilligender Blick. Und gleich petzt sie an ihren Bruder weiter – sie isst ja nichts, das Mädchen.

Um acht Uhr abends liege ich meinem Deckenlager, schaukele noch immer wie auf dem Pferderücken, in meinen Ohren surrt die Stille, in meiner Nase kitzelt der Geruch des Wermuts….

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)
Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken-  Teil 9

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

Letzte Artikel von Cornelia Strössner (Alle anzeigen)