Im Land der Pferde mit den blauen Augen
Kirgisistan

-Von Cornelia Strössner-

 

Die Pappeln am Issykul-See

Die Rechnung ist bezahlt (je 350 Som für Übernachtung mit Frühstück, 120 Som für das Abendessen) – das kleine Marschgepäck ist geschultert. Cholpon, meine wortkarge „Freundin“, drückt mir einen kleinen Ansteckpin vom Issykul-See in die Hand: Zur Erinnerung! Kommen Sie wieder!

Eingefangen von der literarischen Welt Dschingis Aitmatows (des kirgisischen Nationaldichters und Nobelpreisträgers) liege ich am Seeufer, in sanften Wellen plätschert das kristallklare Wasser an den sandigen Strand. Über mir streichelt eine leichte Brise die Blätter der schlanken Pappeln. Im wolkenlosen Himmel ziehen Adler ihre Kreise. Einzig ein ab und an auf der Uferstraße vorbeirumpelnder Bus stört die Idylle.

Der Issykul-See, auf 1600 Metern Höhe gelegen, ist nach dem Titicaca-See der zweitgrößte Bergsee der Welt. Mehr als 400 Kilometer streckt er sich von West nach Ost, ca. 60 Kilometer breit, mit 6200 qkm zwölfmal so groß wie der Bodensee, bis zu 700 Meter tief, leicht salziges Wasser, und rundum gesäumt von schneebedeckten Gebirgsmassen. Der Issykul, übersetzt der „warme See“ friert auch im strengsten Winter nie zu.

Ich schließe die Augen, eingelullt vom Rauschen der Wellen, den warmen Sonnenstrahlen, der herrlichen Luft – das ist Glück! Ein Schatten nimmt mir die Sonne, ich blicke auf, die Umrisse zweier Männer im Gegenlicht. Was wollen die von mir? Guten Morgen, Cornelia, BartakKirgisistan Issykul-See strahlt mich an, herrlich hier, nicht wahr? Er stellt mir seinen Freund vor, der hat ein Auto, ein deutsches natürlich. Er bringt Sie nachher zurück nach Bischkek! Wann ich denn zurückwollte, in etwa einer Stunde. Gut, dann würden sie mich in einer Stunde hier abholen.

Anderthalb Stunden später stehen die beiden parat. Der Freund ist noch wortkarger als Cholpon – er spricht gar nicht. Dafür spricht Bartak um so mehr, Das Auto, ein Opel Kadett, 24 Jahre alt, ist so verbeult und klapperig, dass er vom Hinsehen schon auseinander fällt. Ich bezweifle, dass er es ins nächste Dorf, geschweige denn bis nach Bischkek schafft… Nach zwei Minuten dröhnt mir der Schädel und ich habe leichten Brechreiz, der Wagen stinkt nach Benzin als säße ich in einer Zapfsäule.

Wenn ich das nächste Mal komme, dann würde er mir ein Gestüt eines Freundes zeigen – mit Rassepferden. Aber sicher, gerne! Wir holpern weiter, der Brechreiz wird schlimmer. Vielleicht hätte ich ja Lust, es jetzt zu sehen? Klar, warum nicht, nur raus aus dieser benzinverseuchten Klapperkiste. Wir holpern einen Feldweg mit tiefen Schlaglöchern entlang, damit dürfte das Ende des Kadetts besiegelt sein. Mitnichten. Stattdessen heißt es stolz, dass nur deutsche Autos so hart im Nehmen seien, einfach unverwüstlich – da käme kein Japaner mit.

Weitere Suche nach blauäugigen Pferden…

Bartak verschwindet in dem Gestüt, der Freund ist, wie sich herausstellt, ist doch des Redens mächtig. Ob ich so ein Modell überhaupt noch kenne, fragt er mich, und tätschelt liebevoll den zerdellten Kotflügel und blickt traurig auf den zermatschten Scheinwerfer. Dafür gibt’s leider keine Ersatzteile mehr….Dann blickt er auf das Tal, das aussieht, wie aus einem Bilderbuch, seufzt fatalistisch und erzählt, dass 80 Prozent der Menschen hier ohne Arbeit seien. Früher, zu Sowjetzeiten, ja da hatten sie alle Arbeit. Aber dennoch, nein, die früheren Zeiten wolle man auch nicht zurückhaben. So sei das Leben halt nun mal, hart!

Bartak kommt zurück, mit einem Stück Brot in der Hand und einer Plastikflasche. Das Brot, sagt er, ist nach kirgisischer Tradition, die Kirgisistan Freund Bartak%20ichBegrüßung für den Gast. Die Flasche, frischer Kefir, für die Fahrt. „Und jetzt komm!“. Leider ist sein Freund, der Besitzer in der Kreisstadt, um Besorgungen zu erledigen. In den betonierten Boxen stehen in der Tat wunderschöne Pferde, die Kinder des Besitzers, zwei rotznäsige Bengel im Vorschulalter, führen uns stolz herum. Springpferde. Eines wie mir scheint kapriziöser als das andere. Unwillig schnauben sie und die Auflistung, welches Pferd, wann, wo, welchen Preis gemacht hat, fliegt an mir vorbei. Mehr als fünfzig Zuchtpferde tummeln sich hier, eins hochkarätiger als das andere – und die beiden kleinen Jungs machen sich einen Spaß daraus, sie für die Gäste ordentlich aufzumischen…Das nächste Mal, verspricht mir Bartak, reiten wir hoch in die Berge – und suchen die mit den blauen Augen

Mit dem Auto da vorne unterwegs…

Wir fahren nach Bakonbaev, der Kreisstadt mit 13.000 Einwohnern. Ein wenig einladender Marktflecken mit staubigen Straßen und heruntergekommenen Plattenbauten. Bartak wohnt hier mit Frau und Kindern. So, und von hier, soll ich jetzt also 450 Kilometer in der schier auseinander fallenden Benzinschleuder zurücklegen. Das überlebe ich nicht. Als hätte Bartak meine Gedanken gelesen, sagt er, Mmh, Cornelia, es tut mir leid, aber das Auto meines Freundes, das ist doch schon sehr alt – Sie fahren besser mit dem Wagen da vorne, auch ein deutsches Auto! Wir stehen vor der Busstation, die erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen ist. Klapprige Ladas, Schigulis VWs und vorsintflutliche Rumpelbusse. Alte Frauen packen Sonnenblumenkerne in Zeitungspapiertütchen, Weintraubenberge werden abgewogen, einzelne Zigaretten verkauft. Eselskarren und Pferdefuhrwerke wirbeln Staub auf. Der Linienbus, den man nicht wirklich besteigen möchte, denn er sieht aus als stamme er noch aus der frühen Gründerzeit der Sowjetunion, rumpelt vorbei. Er braucht bis zu zehn Stunden bis nach Bischkek.

Das „Auto da vorne“, ist ein chromblitzender silbermetallic-farbener Mercedes 200 E mit dunkel getönten Scheiben. Ein Jüngling feudelt den blitzeblanken Wagen mit einem Staubwedel noch blanker. Bartak hat bereits alles klargemacht, ich zahle meine 450 Som (kanpp10 Euro) – und werde gebeten, noch etwas zu warten, bis sich zwei weitere Passagiere gefunden hätten. Ob ich mich nicht einstweilen in den Wagen setzen und Musik hören möchte, wird mir angeboten, und dabei eine Anlage aufgedreht, die mir beinahe das Trommelfell platzen lässt. Nein, danke, ich warte gerne draußen.

Bartak bleibt stoisch an meiner Seite und scheint tatsächlich vorzuhaben, mit mir zu warten, bis ich ihm unmissverständlich bedeute, dass er seine Zeit nicht weiter zu opfern brauche – aber ich sei doch ein Gast, protestiert er. Gast hin oder her, es sei ja nun alles klar, er könne mich nun wirklich alleine lassen. Zögernd verabschiedet er sich und drückt mich gar an seine Brust „Bis zum nächsten Mal – kommen Sie wieder, wir warten auf Sie!“.

Mit der Luxuskarosse zurück nach Bischkek

Endlich ist es soweit: der Fahrer taucht auf, ein dickleibiger Mann, schwarze Bügelfaltenhose, gestärktes blütenweißes Hemd – er lässt von seinem Adlatus die Fahrertür öffnen und eine Bürste reichen. Er poliert sich tatsächlich die Schuhe, bevor er einsteigt! Als nächstes kommt das rote Tuch zum Einsatz – mit dem werden die Armaturen gewischt, das Lenkrad gesäubert.

Ich sitze wunderbar bequem im Fond – bis die beiden weiteren Fahrgäste einsteigen. Zwei wuchtige kirgisische Matronen pferchen sich auf den Rücksitz, ich klebe an der Tür. Die Klimaanlage surrt los, die Stereoanlage wummert russische Schlager – bis der Fahrer ein unwilliges Grunzen von sich gibt, und von seinem Adlatus auf dem Beifahrersitz eine Kassette mit kirgisischer Folklore einschieben lässt.

Und los geht die Fahrt. Fünf Minuten lang, dann wird erneut angehalten, frische Äpfel eingeladen und während der Fahrer in einem Cafesi verschwindet, poliert der Adlatus erneut die Staubkörnchen von der Karosserie. Zehn Minuten später muss ein Fernfahrer begrüßt werden, undKirgisistan Luxuskarosse erneut kommt der Staubfeudel zum Einsatz. Das verleitet selbst die beiden Matronen zum ungenierten Kichern. Und ich frage mich, ob der Rumpelbus nicht vielleicht schneller nach Bischkek gekommen wäre….

Auf halber Strecke halten wir vor einem Cafe. Pinkelpause, nehme ich an. Ich nutze die Gelegenheit für eine Zigarette, da kommt der Fahrer auf mich zu. Ob ich auch essen wolle, nein eigentlich nicht. Warum? Er wirft einen vielsagenden Blick auf den leeren Wagen und deutet aufs Restaurant. Da sitzen die beiden Matronen, haben vollbeladene Teller vor sich und tun sich mit gesegnetem Appetit gütlich. Ich winke ab, kurz darauf steht er wieder da – rauchen können Sie auch im Restaurant, kommen Sie mit uns. Ich bestelle einen Kaffee, Fahrer und Adlatus einen Berg durchaus appetitlich aussenden Essens. Im Nebenzimmer schmausen die beiden Matronen.

Hören Sie mir bloß auf mit früher

Wie sich herausstellt, ist der Fahrer der Großbauer von Bakonbaev – einmal im Monat fährt er in die Hauptstadt um Bankgeschäfte zu tätigen, der Adlatus ist sein kleiner Bruder. Er hat Obstbäume, ein paar Schafe, Kühe, Pferde. Deutschland, ja, das sei ein gutes Land. Ordnung, Sauberkeit , Qualität. Warum eine Deutsche ausgerechnet hier Urlaub mache, das freue sie zwar, aber so recht verstehen könne man es nicht. Ja, ja, schlecht seien die Zeiten, alle Menschen ohne Arbeit, hart ist das Leben, sagt er. Ob es denn früher besser gewesen sei. Früher, zu Sowjetzeiten? fragt er mich beinahe ungläubig. Ja. Jetzt will ich Ihnen mal was sagen, sehen Sie diesen Tisch hier – da stehen Salz und Zucker, Kaffee, Tee und ordentliches Essen…. Früher, da hatte ich einen Talon, einen Schnipsel Papier, und hab noch nicht mal das dafür gekriegt – weil es Defizit war. Da haben wir von früh bis spät gearbeitet, hatten Geld und konnten nichts dafür kriegen. Früher, da hätte es weder dieses Cafe gegeben, noch hätte man ein Auto haben können, einen Fernseher – wenn man nicht gerade Parteimitglied gewesen wäre. Hören Sie mir bloß auf mit früher!

Als wir wieder im Auto sitzen, schäkert er mit den Matronen – ich vermute, dass man sich kennt. Eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich Menschen kirgisisch sprechen höre. Mich ignorieren sowohl er als auch sein kleiner Bruder. Und ich bin eigentlich ganz froh darum, umso mehr kann ich mich an der zauberhaften Landschaft freuen und meine Gedanken in dem herrlichen Gefühl treiben lassen, zu reisen….Keine Frage natürlich, dass man mich in Bischkek bis vor die Haustür bringt. Das ist man einem Gast schuldig.

Redaktion allesanderswo.de
(Reisen im Jahr 2004 und 2014)
Fortsetzung: Reisebericht -Kirgisistan in Zentralasien entdecken-  Teil 10

Bildnachweise
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

 

 

 

 

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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