⋅ Eine Reportage von Johannes Spiegel-Schmidt⋅

Jerusalem im Jahre 33 zur Zeit des jüdischen Passahfestes, das ist Sevilla jedes Jahr neu in der Semana Santa, der Karwoche. Von Palmsonntag bis hinein in das Morgengrauen des Osterfestes ziehen über fünfzig Prozessionen von den Pfarrkirchen zu ihrer Segnung in die Kathedrale und wieder zurück in ihre Stadtviertel.

Im Taumel der Karwoche

Jeder Tag hat in diesem live-Sakraltheater sein spezielles Thema: vom triumphalen Einzug in Jerusalem über das Letzte Abendmahl, die Gefangennahme, den Prozess mit Geißelung und Ecce Homo, weiter bis zu Kreuz und Tod auf Golgatha.

Das Ganze gipfelt am Ostermorgen in einem gigantischen Feuerwerk, das die Auferstehung feiert. Im gleichen Moment schlagen auch die Farben auf den Straßen um: vom feierlichen Tiefschwarz zu einem farbenfrohen, ausgelassenen Mix. Auf die Kreuze folgt die Glorie.

Sevilla – das Neue Jerusalem

Ein kurzer Blick auf einen Stadtplan mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Sevillas genügt, uns davon zu überzeugen, dass wir uns hier wirklich im Neuen Jerusalem befinden: Als „Tempel und Zentrum der Welt” fungiert die bis zum Bau von St. Peter in Rom weltweit größte Kathedrale, die der Jungfrau Maria geweiht ist. Daneben steht als „Palast des Herodes“ der arabisierende Alcazär, der bis heute im Besitz der Spanischen Könige ist.

Daran schließt sich das erst 1925 so malerisch restaurierte Barrio de Santa Cruz an, das – zumindest bei den lokalen Stadtführern – als das „alte Judenviertel“ gilt. Nicht fern davon strahlt triumphierend als „Haus des römischen Prätors“ die Casa Pilatos, der schönste Adelspalast Spaniens im Stil einer leichtfüssigen, mudejaren Renaissance der Antike mit stark arabischer Färbung des gleichermaßen prächtigen wie eleganten Dekors. Und als zentrale Achse durchschneidet die Calle Sierpes, die „Schlangenstraße“, die Altstadt.

Sie ist nicht etwa schlangenförmig gewunden, sondern verdankt ihren Namen der Tatsache, dass im Mittelalter der Corpus Christi oft in Form einer Schlange das Kreuz umringelte. Jetzt braucht die Paradiesschlange nicht mehr Staub zu fressen, sondern wird als „Erhöhte Schlange Christus“, auch äußerlich vollkommen verwandelt, zum zentralen Wegweiser zum Heil. Alle Christen sind seit zweitausend Jahren dazu aufgerufen, Christus auf diesem Weg der Transformation nachzufolgen. Und just über die Sierpes und die Kathedrale fuhren, verpflichtend für alle Laienbruderschaften, sämtliche Prozessionen der Karwoche, bevor sie wieder in den Alltag ihrer Stadtviertel zurückkehren.

Die Leidensgeschichte als barockes Sakraltheater

Hier sind sämtliche damaligen Akteure erneut versammelt. Und sie fuhren ein barockes Sakraltheater auf mit einer dramaturgischen Regie, die die denkwürdigen Ereignisse des Jahres 33 zur hautnah spürbaren und mit allen Sinnen erfassbaren Gegenwart werden lassen.

Für dies sinnliche Inszenierung zeichnten damals die Jesuiten verantwortlich, die als Verführung für ihre Gegenreformation eine Art sinnenfreudigen Glaubenstempel entworfen hatten, der von den unmttelbar erlebbaren Prozessionen bis zu den süßlichen Madonnenbildern Murillos reichte.

Da ist der ganze hektische Trubel, der das höchste Fest im Jahr umgibt, mit Millionen von Besuchern und einheimischen Zuschauern, die von einem Moment auf den anderen von tiefer Devotion in ausgelassenen Übermut und kulinarische Freuden verfallen. Da sind Touristen, die auf der Suche nach dem geeigneten Moment für das passende Foto just den Augen-Blick verpassen, der nur hier und jetzt erschaut werden kann und den die stummen Erinnerungsfotos oder auch live-Videos nicht mehr zum Leben erwecken können. Die Ewigkeit finden nicht auf den toten Fotos, sondern nur in der wachen Präsenz im Augenblick statt.

Da ist der zur Verinnerlichung anregende Christus auf vergoldetem Untersatz, der in seinem Schmerz oft manieristisch-barock überzeichnet ist. In langen, schweren Schritten der costaleros, der Träger, schwebt er über die Wogen der Gläubigen, bricht immer wieder zusammen unter der Last des Kreuzes, um es mit letzter Anstrengung erneut zu schultern.

Da ist Simon von Kyrene, der Jesus das Kreuz abnahm, in Gestalt der hinter einem Vorhang unsichtbaren costaleros, der Träger der oft bis zu zwei Tonnen schweren, als paso bezeichneten Tragaltäre. Jeder hat hier mit kurzen Unterbrechungen acht bis zwölf Stunden lang gut 50 Kilogramm auf den Schultern. Das ist ein Kreuzweg in der Nachfolge, freiwillig und unentgeltlich, einfach, weil es ihnen eine Ehre und ein inneres Anliegen ist. Einmal im Leben sollte jeder in diese Nachfolge gehen, sagt ein ungeschriebenes Gesetz, und die Erfahrung lehrt, dass das täglich zu tragende Kreuz dann leichter wird.

Da sind die weinenden Jungfrauen, mit durchsichtigen Plastikhauben bedeckt, die sich zum Zeichen ihres beißenden Schmerzes von heißen Tropfen langer Kerzen beträufeln lassen.

Da sind die römischen Soldaten, noch immer ganz Ordnungsmacht, die mit Holzschwertem bewaffnet nach innen wie außen für die Einhaltung einer strikten Disziplin sorgen.

Da sind die Nazarener, Büßer mit spitzen Kapuzen, nur die Augenschlitze frei, Kreuze tragend und barfuß schwere Ketten schleifend. Manche fühlen sich bei ihrem Anblick unmittelbar in die Zeit der Inquisition zurückversetzt, die in Spanien erst 1834 abgeschafft wurde. Andere haben Assoziationen zum Ku-Klux-Klan.

Früher haben sie sich noch hingebungsvoll gegenseitig gegeißelt und ernteten dafür so manchen bewundernden Frauenblick. Doch seit der Papst jede öffentliche Zurschaustellung von Büßerzüchtigungen verboten hatte, mussten sie das Gesicht verhüllen und in die Anonymität versinken. Damit war die öffentliche Kasteiung uninteressant geworden.

Und da treten ganz normale Laien als Jünger und engste Angehörige des Herrn auf. Sie haben ihn vorübergehend aus den Augen verloren und müssen sich in einer Menschenschlange vom Zugende bis ganz nach vorne Vorarbeiten – eingezwängt zwischen Prozession und Zuschauermassen, abenteuerlich mit einem Fuß in der Gosse, mit dem anderen auf dem Bürgersteig, unter äußersten Schwierigkeiten voranholpemd, sich durch die schweißelnden, drängelnden Leiber quetschend, holterdiepolter stolpernd und sich gegenseitig durch Schultergriff stützend.

Wenn einer meint, während des minutenlangen Stillstands der Prozession beim Absingen der Saetas mühelos Terrain gewinnen zu können, sieht sich mit den römischen Soldaten konfrontert, die die Pilgerkette sofort riguros absperren, Dadurch ergibt sich ein gewaltiger Körperstau, der die Leiber hautnah aneinanderpresst und im allgemeinen wiegenden Sing-Sang Brüste, Knospen, Geschlechtsteile schutzlos aneinander reibt und in allen Facetten spürbar werden lässt. Eine unschuldige Erotik, die deshalb umso güsslicher ausgekostet wird. Als Lohn der Mühe dürfen sie sich eine rote Nelke aus dem Christus – paso pflücken – als Erinnerung und als Symbol für das Blut des Erlösers, Blut des Bodens, blühendes Blut.

Und dann kommt zum Abschluss der einem römischen Triumphwagen gleichende paso der Gottesmutter. Bei allem Leid erscheint sie in jugendlicher Frische und bezaubernder, hochsensualer Anmut und könnte gut die göttliche Braut ihres Sohnes sein wie er ihr Jünglingsgeliebter. Von den Trägem wird sie in kurzem Rhythmus bewegt, tippelt kokett im Gegensatz zum schweren, langsameren Schritt ihres scheidenden Sohnes.

Manchmal scheint sie gar zu tanzen, verharrt atemlos, um mit Vehemenz erneut nach vom zu streben. Hunderte von langen Kerzen flackern unter ihrem Baldachin, dem Symbol des Himmels, und die kostbaren Goldborten wippen im Takt. Eingebettet zwischen Blumenmeere des erwachenden Frühlings, schwebt sie mit der über fünf Meter langen Schleppe ihres brokatverzierten Samtmantels auf ihrem Silberthron wie ein unsinkbares Schiff durch das Meer der Gläubigen und Ungläubigen, die in diesem Moment der Wille vereint, ihr möglichst nahe zu kommen.

Von den Baikonen werden ihr spontan saetas gewidmet, jene vibrierenden, aus der Tiefe kommenden Flamenco-Gesänge, die sie als rettende und schützende Himmelskönigin preisen und ihre todesumnachtete Verzweiflung mitempfinden, die tief in der Seele eines jeden nachklingt. Saeta heißt so viel wie Speer – und man denkt dabei an den Speer des römischen Hauptmanns Longinus, der den Leib des gerade verstorbenen Herrn aufschlitzte – ein Speer, der nach einem melodisch jammernden ayyyy klangvoll und kurz wie ein musikalischer Pfeil ins Herz trifft.

Die Große Göttin und ihr Jünglingsgeliebter

Neben dem barocken Überschwang der Gottesmutter macht Christus eine relativ traurige, bescheidene Figur. Er ist der Scheidende, sie die Kommende und Bleibende. Er ist die golden versinkende Sonne, sie der aufgehende Silbermond. Er ist schon mit einem Fuß im Jenseits, sie ist der Himmel auf Erden.

Im Zeichen des Ostervollmondes verabschiedet sich der Winter und die Frühlingsgöttin steigt aus der Tiefe der Erde und überschüttet das Land mit neuer Fruchtbarkeit, die vom Opferblut des Lammes, ihres geliebten Sohnes getränkt wurde. Hier ist mit allen Sinnen erfahrbar, dass in der spanischen Semana Santa nicht nur ein christliches Drama zur Aufführung kommt.

Vielmehr ist die Karwoche harmonisch eingebettet in die archaische Tradition der orientalischen Mysterienreligionen, die der andalusischen Volksreligion seit Jahrtausenden den Stempel aufprägen. Es ist das sich alljährlich wiederholende Drama der Großen Göttin der Erde, zugleich Mutter und Geliebte ihres Sohnes, dessen Opferblut als befruchtender Samen die Saat des Frühlings keimen lässt und den Fortgang des Lebens garantiert. Er wird geopfert, damit sie blühen kann -und damit auch wir.

Ein hieros gamos, eine Heilige Hochzeit zwischen Himmel und Erde, die seit der Agrarrevolution des Neolithikums als Kultus zelebriert wird und sich in der christlichen Ära lediglich in neutestamentarische Namen und Geschichten kleidet. Hierunter fällt übrigens auch der Stierkampf, der überall der Hl. Jungfrau – als neuzeitlicher Großer Muttergöttin – geweiht ist und wo Christus als Stier – el toro Cristo – auf dem Höhepunkt seiner jugendlichen Kraft und Potenz unter großer Anteilnahme seiner Anhänger geopfert wird. Die Substanz dieses Rituals war seit Urzeiten die gleiche, und sie wird sich nicht ändern, solange wir den Gaben der Natur unser Leben verdanken.

Laien geben den Ton an

In Andalusien hat eine Volksreligion überlebt, die Lichtjahre von den Dogmen der Kirche entfernt ist. Es ist keine Verleugnung des Christentums, sondern stellt dieses mit großer Souveränität in die Kette einer älteren Tradition, die durch Christus und Maria eine Verjüngung erfahren hat und neu interpretiert wurde.

So nimmt es nicht Wunder, dass der aufwendige Ritus der Semana Santa fest in den Händen des niederen Volkes liegt und die katholische Kirche in der Organisation und dem Ablauf der Prozessionen eine absolut marginale Rolle spielt. Die Kirchen dienen lediglich als Stellplatz der pasos und außer in der Kathedrale ist kein Priester oder Bischof in Funktion.

Alles liegt in der Hand von über fünfzig Laienbruderschaften, bei denen jeder vierte Sevillaner zahlendes Mitglied ist. Sie wetteifern in der Karwoche um den prächtigsten paso und den mitgliederstärksten, farbigsten Umzug. Den Rest des Jahres bilden sie das soziale, wirtschaftliche und politische Rückgrat der Stadt, wo alle wesentlichen Entscheidungen unterhalb der Ebene der öffentlichen Verbände und Parteien ausgehandelt werden.

Sehr im Unterschied zur aristokratisch angehauchten Feria de Abril wenig später, wo man in angemieteten Zelten für sich feiert und der Besucher weitgehend außen vor bleibt, ist die Semana Santa ein Fest des niederen Volkes: offen, durchlässig, demokratisch.

Die pasos von Christus und der Jungfrau, die das Jahr über in der Pfarrkirche eines jeden barrio aufbewahrt werden, sind für alle Bewohner, unabhängig von ihrer mehr oder weniger kirchlichen Einstellung, das primäre Identitätsmerkmal ihres Viertels und genießen von Seiten aller ohne Ausnahme Respekt und Verehrung.


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Spanien: Im Taumel der Karwoche von Sevilla – Teil 2

Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt