⋅ Eine Reportage von Johannes Spiegel-Schmidt⋅

Die Karwoche Semana Santa – inszeniert in sehr spanischer Manier die Nacht des Todes, wohl wissend, dass das Licht aus der Dunkelheit kommt, dass das Opfer Voraussetzung neuen Lebens ist. Diese beiden Momente, religiöse Hingabe und sinnlicher Genuss, sind während der ganzen Feiertage präsent, oft sogar gleichzeitig.

Apropos Sinnlichkeit

Ganz unabhängig von allem barocken Gepränge, für das die Südspanier eine besondere Vorliebe haben, wird hier von den Einheimischen eine noch weit konkretere Sinnlichkeit ausgelebt, die dem zuschauenden Touristen verborgen bleibt, aber vielleicht das tiefere Geheimnis der ungeheuren Beliebtheit dieser Festtage auch und gerade bei den Jüngeren ausmacht.

Nur ein kleines Beispiel, dem sich Dutzende hinzufügen ließen. Dazu muss man wissen, welch übergewichtige Bedeutung den tiefen Augen-Blicken im sensual- erotischen Empfinden der Andalusierlnnen zukommt. Blicke, denen selbst hübsche, junge Mädchen in der Öffentlichkeit eher ausweichen oder sich nur aus einem verstohlenen Winkel gönnen.

Welch ungeheure Möglichkeiten eröffnen dafür doch eine spitze Büßerkapuze, die das Gesicht verdeckt und nur die Augenschlitze freilässt, die die Person unter dem Umhang nur an den Fingern als Männlein oder Weiblein kenntlich macht und am Ringfinger den verheirateten oder ledigen Status verrät.

Aus dieser geschützten, absoluten Anonymität werden oftmals glutäugige Blicke verschickt, mitten hinein in den Spiegel der Seele des Adressaten am Rand, die einigen Mut und Stärke brauchen, um diesen blitzenden Pfeilen ohne Zwinkern standzuhalten, oft minutenlang, bis der Zug in langsamen Schritten die Menge passiert hat. So weit zu den Augen-Blicken, doch manchmal geht es auch noch mehr zur Sache.

Mitunter wird die Jungfrau mit zweifelhaften Hochrufen bedacht wie virgen puta – Jungfrauenhure! – was durchaus nicht abfällig gemeint ist. Es kommt ihrer ursprünglichen Rolle in der Antike sogar verdächtig nahe, wo eine Jungfrau sich nicht durch ein intaktes Hymen auszeichnete, sondern einfach die junge, ungebundene Frau war, die ihren Körper dem Gott der Liebe geweiht hatte und ihn den Adepten der Initiation freizügig zur Verfügung stellte. Doch diese seligen Zeiten, als die Tempelkonkubinen die Gläubigen in die höhere Kunst der Liebe einfuhrten, sich die Liebesgöttin in aller körperlichen Sinnlichkeit schenkte, sind selbst in Andalusien vorbei…

Nicht zuletzt und fast unvermeidlich haben die rein zufälligen Körperberührungen während des tagelangen Gequetsches und Geschiebe eine hocherotische Begleitnote, die von manchem/r auch bewusst gesucht und provoziert und nach aller Erfahrung auch ausgiebig genossen wird. Kritisch wird es in der Nähe der unzähligen, jungen Zigeunerschönheiten: da sitzt einem eifersüchtig mit Argusaugen wachenden Papa im Hintergrund vielleicht noch nicht gleich das Messer locker, doch die Blicke sind schneidend genug und die Verdammungsflüche vernichtend. Dabei hat man nichts weiter getan als irgendwo zu stehen und im allgemeinen Geschiebe seinen Nachbarn zwangsläufig körperlich etwas näher zu kommen. Doch wenden wir uns von diesen zahllosen Randerscheinungen wieder dem Hauptgeschehen zu.

Dramatik im Rhythmus der Trommeln

Die Dramatik ist kaum zu überbieten, wenn der wuchtige Tragaltar der Jungfrau mit ihrem kostbaren, meterhohen Baldachin sich tänzelnd Zentimeter um Zentimeter um die Ecken der engen Altstadtgassen schiebt und in sorgfältiger Präzision haarscharf an den vorspringenden Baikonen vorbeischleicht.

Die 20 bis 30 Träger, die unter dem bis zum Boden reichenden Vorhang blind im gleichmäßigen Rhythmus der Trommeln gehen, werden von vorne durch verhaltene Kommandos und Klopfzeichen dirigiert. Und wurde nach Minuten schweigender Stille, in denen jeder den Atem anhält, eine kritische Stelle glücklich passiert, gibt es brausenden Beifall. Gleichfalls nach den saeta-Gesängen, und wenn nach kurzem Stillstand der paso erneut geschultert wird, mit einem kollektiven kurzen Heber, ohne sich erst mühsam ins neue Gleichgewicht einzuschwanken.

Vor der Marienfigur sieht man oft eine Traube von Menschen, die mit dem Rücken zur Marschrichtung voranschreiten. Sie suchen den Augenkontakt mit der Jungfrau, den man nur aus einem winzig kleinen Winkel voll erhascht. Doch dann blitzt einem eine derart lebendige, von innen heraus strahlende Wärme entgegen, dass man den Augen-Blick ewig anhalten möchte. Bei ihr ist die Welt, trotz aller Bedrohung, in guten Händen.

Alle Sevillaner haben bereits vor der Semana Santa einen genauen Fahrplan der über 50 Prozessionen zur Hand, die während der Karwoche durch das Zentrum der Stadt kreuzen. Besucher sollten sich im Hotel oder auf dem Touristenbüro rechtzeitig um dieses Programm bemühen. Damit kann man sich vorher sehr genau überlegen oder sich dementsprechend beraten lassen, wo man zu welcher Stunde sein will. Denn wer was sehen will, muss vorausplanen, da die Schlüsselstellen der Prozessionen schon Stunden vorher von unübersehbaren Menschenmengen besetzt sind, die dann im entscheidenden Moment hautnah am Geschehen sein wollen.

Manche Sevillaner machen sich schon fast einen Sport daraus, den paso des Gran Poder nach zwölf Stunden Schweigeprozession am Morgen des Karfreitag in San Lorenzo zu verabschieden und kurz darauf die Macarena zu begrüßen, die erst jetzt um Mittag auf Fahrt geht. Beliebt ist auch, am gleichen Abend den Cachorro der Zigeuner abzupassen, wenn er in nächtlichem Kerzenschein die Brücke Santa Isabel nach Triana überquert und sich die Lichter geheimnisvoll im Fluss spiegeln. Für alle highlights gibt es ideale Standpunkte, über die gegenüber Fremden strengstes Stillschweigen gewahrt wird.

Der Höhepunkt jeder Prozession ist nicht etwa der Zug vorbei am Großen Karwochen-Altar der Kathedrale, in deren Nähe zahlbare Sitztribünen für die Honoratioren und das bessere Volk aufgebaut sind. Vielmehr hat jeder Festzug einen großen Moment zu Beginn beim Verlassen der Kirche und des Stadtviertels, doch den hochdramatischen Kulminationspunkt erreicht er, wenn der paso am Ende des Umzugs vor der Pfarrkirche verabschiedet wird.

Der Vorhang – in diesem Fall die Kirchenpforte – geht auf zum 1. Akt, das Theater kann beginnen: barock, sakral, volkstümlich, sinnlich, und oft alles auf einmal. Der Reihe nach kommen die Schauspieler heraus auf die Straßenbühne, zuletzt verlässt die Jungfrau das angestammte Gotteshaus unter brausendem Beifall und begibt sich auf ihre schwebende Fahrt über der Menge.

Mit orkanartigen Vivas lässt man sie hochleben uns spart nicht mit begeisterten Komplimenten, die man sonst nur schönen Mädchen und Frauen nachwirft. Guapa! – entfährt es den Leuten ein ums andere Mals, hingerissen von so viel anmutiger Schönheit und überschäumender Pracht. Es sind Liebeserklärungen, und so manche Andalusierin wartet ihr Leben lang darauf, von ihrem Mann einmal so angebetet und verehrt zu werden, wie er das gegenüber der Jungfrau seines Stadtviertels äußert.


Redaktion allesanderswo.de
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt