Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

 

Chiwa – Abschied…

Die Sonne geht bald unter, es wird empfindlich frisch in der Wüste. Wie gut, dass Nazarlu im Auto vor der dem Ichan Kala, der Altstadt, wartet. Ich hole mir einen Pullover – er wedelt freudestrahlend mit einer CD, klassische usbekische Musik, nach der er schon lange gesucht hätte – für nur einen Dollar gekauft! Ich erzähle ihm, dass man mir Ähnliches vorhin für zehn Dollar verkaufen wollte. Sofort springt er aus dem Wagen. „Was, wo? Das geht nicht, du bist Gast in unserem Land, ich gehe mit dir!“ Ich durchschreite die Altstadt zum vierten Mal. Muss mir eine tadschikische Pudelmütze aufsetzen lassen, werde vor das dicke türkise Kalta Minarett positioniert („die Fotos musst du deinen deutschen Freunden zeigen!“) und wenn es ihm nach gegangen wäre, hätte auch noch das Touristenkamel dran glauben müssen. Er selbst hat Deutschland ja nicht in so guter Erinnerung – vor einigen Jahren sei er mal da gewesen, mit dem Schiff von Petersburg aus, in einer Gruppe, kistenweise Wodka hätten sie dabei gehabt, den sie in Deutschland zu barer Münze machen wollten, um Souvenirs für die Familien einzukaufen.

Der korrupte Zoll hat ihnen alles abgenommen – und die deutschen Preise sie schwindeln gemacht. Ohne ein einziges Mitbringsel seien sie zurückgekommen. Aber hier in Usbekistan herrschen ja gott-lob andere Zustände, da gilt der Gast noch etwas! Ich würde ihm dazu gerne etwas erklären, aber dafür reicht mein Russisch nicht, so lass ich es unkommentiert. Verlegen stehe ich vor dem CD-Laden und höre mir den Vortrag an, den Nazarlu vom Stapel lässt, der Verkäufer schickt mir scheele Blicke zu und ist nicht im Mindesten beeindruckt. Für ihn zählen Dollars – und ausländische Touristen haben genug davon. Punkt. Fazit, Nazarlu muss unverrichteter Dinge abziehen – und schenkt mir dafür seine CD.

Um sieben Uhr wirft die Sonne ihren letzten Strahl auf Chiwa, taucht alles noch einmal in ein wahnsinniges Licht, um im nächsten Moment unterzugehen. Nazarlu erwartet mich, drückt noch einmal auf die Tube und setzt mich eine halbe Stunde später im Urgench am Flughafen ab. Ich will mich schon von ihm verabschieden, aber er wehrt ab. Er lässt es sich nicht nehmen, mir meinen kleinen Rucksack zu tragen, bringt mich bis zum Schalter, zeigt mir, wo ich einchecken muss – und erst dann verabschiedet er sich. Eine herzliche Umarmung, zwei Küsse links und rechts: „Komm wieder, wir warten auf dich!“

***

Ich war aufgebrochen in eine Region, von der ich keinerlei Vorstellung hatte, die ich nur in meiner Phantasie mit vagen und abstrakten Bildern bestücken konnte. Ein weiterer weißer Fleck auf der Weltkarte, den ich mir erschlossen habe. Ich bin zurückgekehrt, eingefangen von einer gänzlich anderen Welt, aufgesogen von Eindrücken, angefüllt von warmen menschlichen Begegnungen. Wer weiß, vielleicht war ich nicht zum letzten Mal in Usbekistan…

Redaktion allesanderswo.de
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Usbekistan in Zentralasien Teil 1 – Reisebericht

Bildnachweise:
Titelbild: Chiwa:
Tadschickenmütze – Ein bisschen Spaß muss sein

Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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