Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

 

Taschkent: Vergnügen & Vergnüglichkeiten

Abends sitzen wir im Caravan Art Cafe, einem mit Antiquitäten und Gemälden stilvoll eingerichteten Restaurant, essen „Meat mongolian style“ und trinken Wodka nach russischer Manier – aus Wassergläsern. Wodka ist das auch im postsowjetischen Usbekistan Nationalgetränk, dem gerne zugesprochenen wird. Schräg gegenüber ist ein Irish Pub, daneben ein koscherer Israeli und drei Häuser weiter ein Inder. Nette, gemütliche Restaurants und Kneipen gibt es in Hülle und Fülle. Jede Art von Geschmack wird bedient, ob einheimische Küche, europäische, kaukasische oder fernöstliche – alles ist da, ja sogar ein deutsches Bierhaus ist vorhanden. Aber auch an anderen, speziell für Männer interessanten Vergnüglichkeiten fehlt es der Stadt nicht…

Genosse Karimow und der Rest der Welt

Ich hatte mir Usbekistan rückständiger vorgestellt, ähnlich wie Kirgisien, umso überraschter bin ich, dass es so entwickelt ist, über eine gute Infrastruktur verfügt und sich mit einem Bruttoinlandsprodukt/Einwohner von immerhin 1800 $ (Kirgisistan 1200 $) deutlich von seinen Nachbarn abhebt. Usbekistan ist reich an Bodenschätzen – Gold, Erdgas und Kupfer, neben dem Baumwollexport der größte Devisenbringer. Das ändert natürlich nichts daran, dass eine Großzahl der Bevölkerung, vor allem auf dem Land, in bitterer Armut lebt.

Seit der Unabhängigkeit 1991 bis zu seinem Tod 2016 führte Präsident Karimow die Staatsgeschäfte. Der einstige Chef der kommunistischen Partei regierte sein Land in totalitärer Manier. Eine Opposition gab und gibt es (auch unter seinem Nachfolger) nicht, Regimekritiker darben in Gefängniszellen. „Freie“ Wahlen bescherten Karimow alle fünf Jahre mehr als 90 Prozent der Stimmen, Wirtschaft, Geld und Industrie waren fest in der Hand seiner Tochter, sämtliche Regierungspositionen unter seinem Großclan verteilt. Korruption scheint Landesgesetz, Pressefreiheit und Menschenrechte ein Fremdwort.

Der islamische Fundamentalismus wird als die größte Bedrohung des Landes gesehen und vehement bekämpft. Viel zu willkürlich, so sehen es Menschenrechtsorganisationen, lässt man die Grenze zwischen mutmaßlichen Terroristen und einfachen Regimegegnern verschwimmen. Einer der Gründe, warum das Verhältnis zu den USA, denen man nach 9/11 im „Kampf gegen den Terror“ die Nutzung einer Militärbase gestattete, heute ziemlich zerrüttet ist. Nach dem die Amerikaner das von Regierungstruppen angerichtete Massaker unter der Zivilbevölkerung im Ferghana-Tal 2005 hart kritisiert hatten (friedliche Demonstrationen gegen die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel hatte Karimow niederschießen lassen, offiziell als Aufstand islamischer Extremisten verkauft), mussten sie ihren Stützpunkt aufgeben und abziehen. Kurz darauf war ein (mittlerweile auch schon wieder aufgekündigter) militärischer Beistandspakt mit Putin geschlossen worden, dennoch sind die Beziehungen zu Russland innig.

Taschkent, die Stadt der 1000 Brunnen

Wenn man jede Sprinkler-Anlage mitzählt, mag man vielleicht auf die 1000 Brunnen kommen, derer sich Taschkent rühmt – ansonsten bezieht sich die Bezeichnung wohl auf die Zeit vor dem verheerenden Erdbeben 1966, das Taschkent nahezu komplett zerstörte.

So ist der erste Punkt, den uns Mustafa, unser Führer auf unserer dreistündigen Stadtrundfahrt zeigt, denn auch das Denkmal für die Erdbebenopfer. Mustafa spricht fließend deutsch und kutschiert uns wissenskundig und mit viel Humor durch die Stadt, führt uns in die Kukeldesh-Madrassa, die älteste der Islamhochschulen des Landes, gibt uns einen Blick auf das prunkvolle Regierungsviertel mit seinen Fontänenanlagen und spaziert mit uns durch den Park zum Reiterstandbild Tamerlans, dem usbekischen Nationalhelden. Im Nationaltheater werden Goethes Faust, Romeo und Julia sowie Schwanensee gegeben. Und nicht ohne Stolz erklärt uns Mustafa, dass Taschkent zu Sowjetzeiten neben Moskau und Leningrad als Kulturzentrum galt.

Im Gartenrestaurant Sharshara sitzen wir unter schattenspendenden Bäumen entlang eines tosenden Wasserfalls. Feiner Sprühnebel sorgt für Abkühlung. In der offenen Küche rauchen die Schaschlikgrills, von der Decke hängen geräucherte Pferdewürste, fester Bestandteil des original usbekischen Plows – alternativ zum Hammelfleisch. Plow, das Nationalgericht Zentralasiens ist ein meist in großen Pfannen zubereitetes fetttriefendes Reisgericht mit Gemüse, Hammelfleisch und – ganz wichtig – dem Fett des Hammelschwanzes. Wir bleiben da lieber bei Schischkebab vom Rind und frisch gezapftem Bier. Vegetarier, das wird uns sehr schnell klar, darf man hier nicht sein, es wird Fleisch in rauen Mengen gegessen, und alles, egal oft deftig oder süß, ist schwer und vor allem fett.

First Class entlang der Seidenstraße
Von Taschkent nach Buchara

Der Bahnhof von Taschkent ist ein futuristisches, blau schimmerndes Konstrukt aus Marmor. Spiegelnde Böden, meterhohe Kronleuchter, elektronische Fahrpläne und Unterführungen, die aussehen wie ein türkisches Hamam, nur menschenleer, denn keinem Usbeken würde es einfallen, sie zu benutzen – man steigt frech über die Gleise.

Unser First-Class-Sleeper protzt mit dunkelblauen seidenen Bezügen, das Kopfkissen ist mit kunstvollem Knick drapiert, auf dem Tischchen eine Teekanne und zarte Porzellan-Tassen. Unser am Bahnhof gekauftes Proviant-Paket hätten wir uns sparen können. Kaum ist der Zug losgeruckelt, wird nach unseren Wünschen gefragt: „Tee, Kaffee, Bier, Wein? Warmes Essen?“ Appetitlich angerichtet wird uns ein platt geklopftes halbes Hühnchen mit Pommes und eine Flasche „Mona Lisa“ – usbekischer Rotwein – serviert. Der schmeckt ebenso süß wie deren Lächeln, wir belassen es bei einem Probeschlückchen.

Elf Stunden später und 700 Kilometer weiter rollt der Zug im Bahnhof von Kagan ein, auf die Minute genau, exakt um 6.59 Uhr. Ein Taxifahrer ist schnell gefunden. 8000 Sum will er für die 20 Kilometer bis Buchara, wir wissen zwar, dass 5000 genügen müssten, aber mal ehrlich, wer will sich morgens um sieben Uhr streiten? Keine Viertelstunde später stehen wir vor dem „Lyabi-Haus“, einem prachtvollen alten Hotel im Herzen der Altstadt. Ganz selbstverständlich – damit hatten wir nun gar nicht gerechnet – wird uns sofort der Schlüssel ausgehändigt und ein kuschelig warmes Zimmer inklusive heißer Dusche erwartet uns. Letzteres schätzen wir besonders. Wenngleich die Tage zwar noch sonnig warm sind, mit Temperaturen um die 25 Grad, so ist es nachts doch bereits empfindlich frisch.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 3 – Reisebericht

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Usbekistan in Zentralasien Teil 1 – Reisebericht

Bildnachweise:
Titelbild: Taschkent – Pferdewürste und Hammelfett im Restaurant Sharshara
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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