Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

Mythos Seidenstraße

Die Seidenstraße war ein verzweigtes Geflecht von Karawanenwegen, das China mit Rom verband. Zwar war die Seide das begehrteste Handelsgut, dennoch machte sie nur einen Teil der Waren aus, die über Tausende von Kilometern unter extremen körperlichen Strapazen über die Kontinente verbracht wurden. Gold, Edelsteine, Glas und Textilien fanden ihren Weg nach China, aus dem Osten kamen Gewürze, Porzellan, Jade, Bronze, Pelze ebenso wie Papier und Schwarzpulver. Reisen auf der Seidenstraße war stets ein gefährliches Unterfangen, Überfälle von Banditen und Sklavenhändlern waren gefürchtet. Deshalb schlossen sich die Kaufleute zu großen Karawanenzügen zusammen, die aus bis zu 1000 Kamelen bestanden. In ihrem Tross machten sich Diplomaten, Flüchtlinge, Pilger und Missionare mit auf den Weg. Buchara und Samarkand waren wichtige Verkehrsknotenpunkte und große Handelszentren auf der Hauptroute der Großen Seidenstraße

Buchara
Tee unterm Maulbeerbaum

Strahlende Sonne, dunkelblauer wolkenloser Himmel – und wir sitzen unter einem 600 Jahre alten Maulbeerbaum und genießen unseren Morgentee. Hinter uns erhebt sich die sandfarbene Kulisse der Altstadt, vor uns quaken die Enten –- selbst ihr Häuschen ist einem Palast nachgebildet. Von hier, dem Lyabi-Hauz, dem einstigen größten Wasserreservoir der Stadt und zentralen Treffpunkt des sozialen Lebens, brachten professionelle Wasserträger das kühle Nass in Ledersäcken zu ihren reichen Kunden. Das Becken ist gesäumt von Maulbeerbäumen und Trauerweiden – und heute wie damals umgeben von einladenden Tcheikhanas (Teehäusern) mit ihren Kaftschans, jenen für Zentralasien so typischen, großen quadratischen mit dicken Kissen ausgelegten Bänken. Man schließt die Augen und die (heute) steinernen Kamele werden lebendig, man glaubt das lärmende Treiben der Händler zu hören und hat den würzigen Geruch des Orients in der Nase… Ein enervierendes Handy-Piepsen unterbricht die Idylle. Neben uns räkeln sich zwei Usbeken längs ausgestreckt genüsslich in der Morgensonne. „Nein, ich kann nicht sprechen, ich bin gerade sehr beschäftigt“, wird dem störenden Anrufer geantwortet und schon wird weiter gedöst…

Vergebens warten wir darauf, dass uns eine Seidenraupe in den Tee fällt, aber wir sind ja auch keine chinesischen Prinzessinnen. Der Legende nach wurde die Seide nämlich dadurch entdeckt, dass 2500 Jahr v. Ch. der unter einem Maulbeerbaum sitzenden Kaiserin Lei Zu ein Seidenraupenkokon in die Teetasse plumpste. Als sie ihn zu entfernen suchte, begann sich dank der Wärme des Getränks der Faden abzuwickeln. Hierzulande wird die Geschichte dahingehend weiter erzählt, als dass eine ins barbarische Turkestan verheiratete chinesische Prinzessin als Andenken an die Heimat in ihrem Gepäck Seidenwürmer versteckte und so Chinas bestgehütetes Geheimnis hinaus in die Welt gelangte – oder zumindest nach Usbekistan.

Buchara, die Heilige Stadt

Die Oasenstadt Buchara am Rande der Kizilkum-Wüste ist mit ihren 2500 Jahren eine der ältesten Städte Zentralasiens. Seit jeher Handelszentrum, war sie später mit ihren Hunderten von Moscheen und Islamschulen ein weit in der Region berühmtes Zentrum der islamischen Lehre und für Pilger das Mekka Mittelasiens. Daher der Beiname, die „Heilige Stadt“.

Das Buchara von heute zählt 250 000 Einwohner, die meisten davon leben in der sowjetischen Neustadt, die sparen wir uns, wir wollen uns unsere Eindrücke nicht verderben lassen. Das historische Buchara präsentiert sich mit einer in sich geschlossenen, homogenen Altstadt. 140 Architekturmonumente verzeichnet die UNESCO, die es 1993 zum Weltkulturerbe machte. Karawansereien, Moscheen, Madrassahs (Islamschulen), Bazare, und ein wirres Geflecht von engen Gassen, in dem wir uns auch prompt verlaufen.

Die alten Gemäuer der Karawansereien beherbergen Gästehäuser, Hotels und Restaurants, die Moscheen sind als Museen zu besichtigen, in den Madrassahs wird Kunsthandwerk angeboten. In den zum Teil kilometerlangen düsteren Kuppelbauten der Bazare, durch die sich einst endlose Prozessionen von schwer beladenen Kamelen, Eseln und zweirädrigen Karren zwängten, herrscht auch heute reges Treiben. Von Teppichen über Souzannas (seidenbestickten Wandbehänge), landestypischen Trachten und Kopfbedeckungen, Fell- und Pelz jeder Art, Kupferschmiedearbeiten, Seidentüchern, Kaschmirschals, Porzellan- und Keramik-Figuren bis hin zu Postkarten und CDs mit usbekischer Folklore wird alles dargeboten, was das touristische Herz begehrt und es zwangsläufig in die Qual der Wahl stürzt.

Für uns erstaunlich in doppelter Weise, zum einen hätten wir in diesem abgelegenen Teil der Erde, den ein Großteil der Europäer schwerlich auf der Weltkarte auszumachen vermag, kaum Touristen vermutet, zum andern waren wir nicht auf solch ein breites Spektrum an Kunsthandwerk vorbereitet. Die Touristenin Usbekistan, meist Studienreisende in Gruppen, sind gesetzten Alters, überwiegend Franzosen, gefolgt von Deutschen, Niederländern und Asiaten. Logischerweise treten sie immer im Pulk auf, sind aber dennoch so dezimiert, dass wir ihnen in der Regel nie da begegnen, wo wir gerade sind. Und so bleibt der nachhaltige Eindruck, dass all das, was sich in seiner Pracht vor uns ausbreitet, uns alleine gehört. Kein Gelärme, kein Gekreische, kein Fotomotiv, das warten muss, bis sich eine Lücke im Touri-Strom auftut… Wir denken an das Gewimmele in Rom, Paris oder sonstigen Touristenattraktionen in Europa und der Welt. Hier hingegen: Stille, Ruhe, Weite. Eine Reise durch die Zeit – ungestört.

Eine ganz andere Art von Treiben herrscht auf dem Schmuck-Bazar. Alles glitzert. Die bunten seidenen Kopftücher der Händlerinnen, die Goldzähne der Kundinnen, die rotgoldenen Schmuckstücke und funkelnden Rubine, Smaragde und Saphire, die einerseits anpreisend, andrerseits begutachtend hin und her gereicht werden. Es wird gehandelt und geschachert, gelacht und geschäkert. Ein zartes Geklimpere liegt über den Holzständen, unterbrochen von kehligem Frauen-Gelächter. Auf der Rückseite wird in Plow-Pfannen gerührt und werden Teppiche ausgeklopft.

Ein unmittelbar daneben gelegenes Terrassenrestaurant im zweiten Stock verspricht den „besten Blick über Buchara“ – dort, so beschließen wir, werden wir unseren Sundowner nehmen. Mit Blick auf das prächtige Poi Kalon Ensemble, das religiöse Herz der Heiligen Stadt, die einzige Moschee der Altstadt, die noch „in Betrieb“ ist, und aus der wir auch prompt verscheucht werden. Der Eintrittspreis gilt nur für die Besichtigung der Madrassa, wo fromme Koranschüler, sich, Suren vor sich hinmurmelnd, gen Mekka verbeugen, und ab und zu aufspringen, um ihr klingelndes Handy zu beantworten.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 4 – Reisebericht

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Bildnachweise:
Titelbild: Buchara: die Heilige Stadt – einst das Mekka Zentralasiens
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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