Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

Buchara –
In den Sack gesteckt…

Weithin sichtbar ragt das Kalon Minarett über die Stadt, das Wahrzeichen Bucharas. Im 12.Jahrhundert hatte der damalige Khan den Bau des größten Minaretts befohlen, das die Welt je gesehen hat. In der Tat wurde es mit 48 Metern Höhe zu jener Zeit der größte freistehende Turm der Welt. Selbst Dschingis Khan soll so davon beeindruckt gewesen sein, dass er den Turm bei der Zerstörung Bucharas aussparen ließ. Eigentlich war es ein MeVon dort riefen Muezzine die Gläubigen fünfmal täglich zum Gebet, ihre Rufe wurden von 200 weiteren Minaretten wie ein Echo in die umliegenden Vorstädte weiter getragen. In Kriegszeiten diente der Turm als Frühwarnsystem gegen heranrückenden feindliche Armeen anderer Khanate, in Friedenszeiten leuchtete er, mit Fackeln bestückt, den Händlerkarawanen den Weg durch die Wüste. An Markttagen allerdings diente das Minarett noch einem weiteren Zweck. Dann nämlich wurden Verbrecher oder sonstig in Ungnade Gefallene die 105 Stufen hinaufgeführt, in einen Sack gesteckt und nach Verkündung ihrer Schandtaten verkündet und hinab geworfen. So kam das prächtige Minarett zu dem unheilvollen Beinamen „Turm des Todes“

Das Leben in der „Heiligen Stadt“ war alles andere als heilig. Buchara war durchdrungen von Spitzeln des Emirs, die jedes noch so kleine Vergehen aufs Härteste ahndeten. Egal welcher Art die Verstöße – die Strafen waren grausam. Einen Verbrecher konnte so ziemlich alles erwarten, von zahlreichen Varianten der Verstümmelung (abgehackte Gliedmaßen, abgeschnittene Augenlider, ausgestochene Augen) bis zur zur Enthauptung, vorzugsweise auf einer glühend heißen Eisenplatte, auf der der rumpflose Kopf dann noch sekundenlang herumtanzte. Dagegen scheint der Wurf vom Minarett geradezu gnädig.

Darüber hinaus war Buchara ein einziger Sündenpfuhl, die wenigen westlichen Ausländer, die es je lebend aus der (seinerzeit geschlossenen) Stadt herausgeschafft haben, berichten von Zuständen wie in Sodom und Gomorrah, der Emir soll sich eine Schar von Tanzjungen gehalten haben und geradezu ungeheuerliche sexuelle Ausschweifungen seien am Hof an der Tagesordnung gewesen.

Die Ark-Zitadelle war die Residenz der Khane. Von dem davor liegenden Registan, auf dem sich das öffentliche Leben abspielte, ist heute nicht mehr vorhanden als eine brachliegende Grünfläche, auf der 1959 in einer öffentlichen Zeremonie der letzte Schleier Zentralasiens verbrannt worden war.

Von den dicken Festungsmauern ist nur noch ein Teil übrig, der kopfsteingepflasterte Weg hinauf zum Ark ist ein einziges Spalier von Souvenir-Verkäufern. Leider hat man von oben nur einen Blick auf den neuen Teil der Stadt. Alle staatlichen Institutionen hatten dort ihren Sitz, darüber hinaus sämtliche Wohnungen des Emirs, die Gemächer seiner Frauen und Verwandten und die der hohen Staatsdiener. In den Kerkerverließen darbten die Gefangenen, einen Großteil nahmen die Stallungen und Lagerräume für Kleidung, Teppiche, Schätze und Waffen ein. Ebenso gab es eine Münzpräge und eine Moschee.

Die einstige, heute nach oben offene, von Holzstelen gestützte Krönungshalle, ist behängt mit wunderschönen, in beige gehaltenen, zum Kauf ausgestellten Souzannas. Im Zentrum ist eine Kollektion von im Buchara-Design handbemalter Keramikteller arrangiert. Zwei, drei Händler verlieren sich in dem riesigen Innenhof, es herrscht absolute Stille, hin und wieder flattert eine Taube auf. Das Auge wird geflutet von einer Harmonie in Beige, man kann nicht anders als innehalten und sich betören lassen von greifbarer Geschichte.

Von Karawanen-Räubern und Sklavenhändlern

Buchara war neben Chiwa eine der Sklaven-Hochburgen Zentralasiens. Seit jeher war der Sklavenhandel ein bedeutendes Geschäft in der Region. Schon Dschingis Khan rekrutierte Sklaven in seine Armee, um sie bei Angriffen als menschliche Schutzschilde zu verwenden. Tamerlan verschleppte neben Arbeitssklaven Tausende von Künstlern und Handwerkern in seine Hauptstadt Samarkand. Noch zu Zeiten des „Großen Spiels“ – wo das Russische Reich und das British Empire um die Vorherrschaft in Zentralasien rangen und die Region mit Spitzeln und Spionen durchsetzten –, lauerten die berüchtigten turkmenischen Sklavenräuber den Handelskarawanen auf. Am Hals aneinandergekettet und halbverhungert, um sie fluchtunfähig zu machen, wurden Prozessionen von Männern, Frauen und Kindern durch die Wüste getrieben, um sie zu den großen Sklavenmärkten in Buchara und Chiwa zu bringen. Die Preise wurden durch das Angebot bestimmt, nach Feldzügen oder der Ankunft großer Sklavenkarawanen plumpsten sie in den Keller. Ein Künstler brachte doppelt soviel wie ein Arbeiter, persische Frauen waren begehrter als russische. Hoch im Kurs standen stets kräftige russische Männer, so gut wie unverkäuflich die, denen Nase oder Ohren fehlten, denn so wurden einmal geflüchtete Sklaven gebrandmarkt.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 5 – Reisebericht

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Bildnachweise:
Titelbild: Buchara –
Poi Kalon Ensemble: das religiöse Herz der Stadt
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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