Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

In Buchara

Das Semaniden-Mausoleum aus dem 9. Jahrhundert gilt als Besichtigungs-„Muss“ – und so wird dies unser einziger Ausflug außerhalb des alten Stadtkerns. Eine architektonische Besonderheit in einer weitläufigen Parkanlage. Gegenüber dreht sich das Riesenrad eines Vergnügungsparks, die Gondeln versprechen einen sicher herrlichen Blick auf die Altstadt, aber wir trauen uns nicht… Stattdessen mühen wir uns auf Umwegen zurück der Altstadt entgegen, inzwischen völlig erschöpft, hungrig und durstig, verlieren uns im Gewirr des engen Gassengeflechts – und sind schließlich froh, Altbekanntes wieder zu entdecken – den „Turm des Todes“. Leider ist unser anvisiertes Restaurant mit dem „besten Blick über die Stadt“ geschlossen. Wir lassen uns auf der Terrasse der Nachbargaststätte, ein Stockwerk tiefer, nieder. Bier, Käse, Salat und Früchte, alles bitte – nur nicht schon wieder Fleisch! Hinter uns mampft eine koreanische Großfamilie mit gesegnetem Appetit. Der Käse schmeckt wie Kaugummi, das Bier dafür umso besser. Vor uns breitet sich das Poi Kolon Ensemble aus, die grünen Kuppeln funkeln in der Sonne, der „Turm des Todes“ scheint in den Himmel zu wachsen. Die Koreaner sind gegangen. Es herrscht friedvolle Stille. Wir schieben uns das letzte Stück zuckersüßer, duftender Melone in den Mund…

Die Sonne geht unter, auf den Kaftschans am Lyabi-Hauz klackern die Domino- und Tavla-Steine. Alte und junge Männer sitzen zusammen, trinken Tee und sind so in ihr Spiel vertieft, dass sie die vereinzelten, sie fasziniert anstarrenden und kamera-zückenden Touristen gar nicht wahrnehmen – oder nicht wahrnehmen wollen. Die Altstadt ist in ein glühendes Orange-rot getaucht, der fast volle Mond hängt über den Kuppelbauten, als wollte er für ein Kitsch-Foto posieren. Die Tsheikhanas rund um den Hauz rüsten sich für das Abendgeschäft. Die sprühenden Fontänen legen einen illusorischen Schleier über die Anlage. Wir ergattern einen der besten Plätze, einen Kaftschan direkt am Wasser, ordern, was sollte es auch sonst sein, ein Schaschlik (bald werden wir allein den Namen Schaschlik nicht mehr ertragen können!), gönnen uns zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein. Der ist weitaus akzeptabler als „Mona Lisa“ im Zug. Wenn auch der erste Schluck gewöhnungsbedürftig ist, mit jedem weiteren wird er süffiger und besser!

Von Buchara nach Samarkand

Um acht Uhr morgens fährt unser Zug. Kurz nach sieben sitzen wir in dem prächtig ornamentierten Frühstücksraum unseres Hotels. Der Appetit wird gedämpft durch den Prunk, der uns umgibt. Zig Fotos müssen gemacht werden, die Blinis und Rühreier werden darüber kalt. Wir können uns kaum loslösen, um in das georderte Taxi zu springen – etliche Minuten zu spät. „Keine Sorge!“, grinst der junge Fahrer: „Ich fahre wie Michael Schuhmacher!“, er tritt das Gaspedal durch, dass es uns in die Sitze drückt, und als wir den Kaganer Bahnhof erreichen haben wir tatsächlich noch zehn Minuten Zeit.

Ein topmoderner Zug mit bequemen Ledersesseln in Zweierreihe, Fußstützen und Bildschirmen. Kaum ist er angefahren, wird ein Frühstück serviert, gesüßter Nescafé und Tscheij, Kascha (Buchweizengrütze) und Eieromelett. Was für ein Luxus, denken wir gerade noch. Dann plärren die Fernseher los! In einer schier unerträglichen Phon-Stärke. Es plärrt von vorne, von nebenan und von hinten. Wir sehen uns nach der Ruhe Bucharas.

Punkt elf Uhr fährt unser Zug in den Bahnhof von Samarkand ein. Dennis, unser Führer, steht bereits parat. Ein junger Russe, 25 Jahre alt, in Samarkand geboren und aufgewachsen. Zehn Minuten später biegen wir in eine kleine Gasse der Altstadt ein: Unser B & B „Antica“ ist ein altes Gehöft und gehört zwei Schwestern – die eine spricht fließend deutsch, die andere fließend englisch. Ein wilder Garten mit Feigen-, Maulbeer- und Granatäpfelbäumen, darunter bunt gedeckte Tische und ein Kaftschan. Darum herum verteilen sich die Zimmer – ein jedes mit viel Liebe zum Detail ausgestattet und in einer anderen Farbe gehalten – das unsrige ist das „grüne Zimmer“. Zur Begrüßung gibt es Tee, Blinis, eingelegte Feigen und Maulbeermarmelade.

Samarkand – „Antlitz der Erde“

„Rom des Ostens“, „Antlitz der Erde“ – so wurde Samarkand von Historikern und Dichtern der Alten Welt gepriesen. Vereinzelt prangen noch Plakate: 2750 Jahre Samarkand! „Ha“, hatte uns Mustafa in Taschkent hämisch erzählt, nur weil unser Präsident gebürtiger Samarkander war, wurde die Stadt mit jeder seiner Amtsperioden um 50 Jahre älter!

Unbestritten bleibt, dass Samarkan eine uralte Stadt ist. 329 v. Chr. von Alexander dem Großen komplett zerstört, mischten sich nach dem Wiederaufbau östliche und griechische Kultur. Im 8. Jahrhundert n. Chr. kamen die Araber und brachten den Islam in die bislang vom Zoroastrismus beherrschte Region. Die nächste große Katastrophe kam im 12. Jahrhundert mit Dschingis Khan. Die Blütezeit erlebte Samarkand unter der Herrschaft Tamerlans, er machte es zur schillernden Hauptstadt seines Riesenreiches, schaffte Mathematiker, Astronomen, Architekten und Wissenschaftler aus aller Welt herbei, um aus der Stadt das zu machen, das an Reichtum und Pracht alles bisher Dagewesene übertreffen sollte – und es auch tat. Samarkand wurde unter ihm zu einer der reichsten Städte entlang der Seidenstraße.

Heute ist Samarkand eine wohlhabende 300 000-Einwohner-Stadt. Um die monumentalen Zeugnisse seiner glanzvollen Geschichte ist längst Neues gewachsen. Gepflegte Blumenrabatte, blank gefegte Straßen, liebevoll angelegte Parkanlagen.

Tamerlan, Eroberer der Welt

Unser erster Exkursionspunkt ist das Tamerlan-Mausoleum Gur Emir, übersetzt „das Grab des Gebieters“. 1336 in der Nähe Samarkands der Legende nach mit blutigen Handballen geboren (ein Zeichen, dass er vielen Menschen den Tod bringen würde) war Timur, der Lahme (Tamerlan), nach Dschingis Khan der größte und schrecklichste Feldherr in der Region. Mehr als 17 Millionen Menschenleben soll sein Eroberungsrausch gekostet haben – womit er selbst die mongolische Barbarei noch übertroffen hat. In den 40 Jahren seiner Regentschaft führte der selbsternannte „Eroberer der Welt“ seine Armeen berittener Bogenschützen bis an die Tore Moskaus und Delhis, plünderte Persien, Syrien, Kleinasien und Russland. Unbeschreibliche Grausamkeiten pflasterten seinen Weg. So ließ er etwa in Persien Tausende unliebsamer Bürger übereinander gestapelt bei lebendigem Leibe in Lehmtürme einmauern und und in Smyrna (Türkei) beschoss er die fliehende christliche Flotte, indem er die Köpfe der Kreuzritter als Kanonenkugeln verwendete… Mit den auf seinen Feldzügen erbeuteten Schätzen schmückte er seine prächtige Hauptstadt Samarkand weiter aus und machte sie zur „kostbarsten Perle der islamischen Welt.“

Trotz der düsteren Prophezeiung alter Weisen, dass das Anrühren Tamerlans sterblicher Überreste den Kriegsgeist wieder heraufbeschwören und Unheil über die Welt bringen würde, wurde sein Sarkophag im Sommer 1941von sowjetischen Wissenschaftlern geöffnet. Wenige Stunden später überfiel Hitler die Sowjetunion… Immerhin aber war der Nachweis erbracht, dass Timur aufgrund eines verkürzten Beins tatsächlich lahmte.

 Ein Traum aus Blau und Türkis der Registan

Schon weithin sichtbar, ein prächtiges blau-türkises Gefunkel, erhebt sich mitten im Herzen Samarkands der Registan, der größte öffentliche Platz der Erde, umrahmt von drei Ensembles, eines prachtvoller als das andere, jedes für sich eine Madrassah, eine islamische Hochschule, auf der einst die Söhne reicher Familien die Koranlehre studierten. Am Registan spielte sich das öffentliche Leben ab, Paraden, Festlichkeiten und der Sonntagsbasar wurden hier abgehalten.

Hatte uns der „Turm des Todes“ in Buchara nicht locken können, so tut es das Minarett des Registans durchaus. Kaum haben wir unser zusätzliches Eintrittsgeld entrichtet, wird uns ein Uniformierter zur Seite gestellt. Wir steigen über Bauschutt und ungesicherte Treppen hinweg – Renovierungsarbeiten sind im Gange. Unser Wachmann zündet sich eine Zigarette an. „Gehen Sie nur weiter!“, sagt er, zeigt vage nach oben und bleibt stehen. Im Turm des Minaretts ist es eng und stockfinster, die Stufen sind fast einen halbe Meter hoch. Kein Wunder, dass der Wachmann darauf keine Lust hatte. Nach Luft japsend endlich oben angekommen, müssen wir feststellen, dass in der Aussichtsluke nur Platz für eine Person ist, und die muss sich schon mühsam hindurchzwängen, während die adere auf den dunklen Treppenstiegen ausharren muss. Aus dem angedachten Foto – wir beide vor der Kulisse Samarkands – wird nichts. Den tatsächlich atemberaubenden Panoramablick müssen wir abwechselnd genießen. Dann geht es mit elefantenschweren Schritten die Halbmeter-Stufen wieder hinab – ein nachhaltiges körperliches Erlebnis, das einem sämtliche Knochen zusammenstaucht und uns zwei Tage Muskelkater bescheren soll.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 6 – Reisebericht

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Bildnachweise:
Titelbild: Buchara –
Typisch usbekisches Schaschlik
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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