Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

Samarkand: Souzannas & Co…

Zurück im Guest-House, begrüßt uns freudig Dennis. Ein Blick auf unsere Einkaufstüten. „Oh, ihr habt eingekauft, oh, ihr habt einen Souzanna gekauft? Wisst Ihr eigentlich, dass die Schwestern Expertinnen darin sind? Ob wir vielleicht ihre eigene Sammlung sehen wollten? Wir haben noch exakt 20 Minuten, bis unser Taxi kommt. Ja sicher, warum nicht – hätten wir das nur früher gewusst! Die Schwestern führen uns durch ein Labyrinth von Gassen zu ihrem Wohnhaus. Binnen weniger Minuten sind stapelweise Souzannas mit dem typischen Samarkander Mustern auf dem Boden ausgelegt. Aziza ist diejenige, die uns den Unterschied erklärt, während Ayla wahllos einen nach dem anderen aus dem Schrank zieht. Die von Buchara oder Chiwa unterscheiden sich ganz wesentlich von den Samarkandern. Die nämlich sind in kräftigen, dominanten Farben gehalten, schwarz, purpurrot und braun, sehr plastisch im Design, beherrscht von einnehmenden Kreisen. Sinn- und Spiegelbild des Universums, Verbundenheit zu Mond und Sternen und Kontakt, zu dem was jenseits des menschlichen Ermessens liegt – das ist Samarkand, Nabel der Welt, seit Tausenden von Jahren. In den Wüstenregionen Bucharas oder Chiwas hingegen ist Leben so kostbar, jedes Pflänzchen, jedes Blatt ein Wunder der Natur, das gewertschätzt werden muss. Was sich in den Stickereien manifestiert. Zarte helle Farben, filigrane, blumige Muster. Samarkander Souzannas hingegen sind direkt und klar, wuchtig und bestimmt – das Zentrum des Universums.

Vom topmodernen marmornen Bahnhof Samarkands bringt uns der „Registan-Express“, ausgestattet mit bequemen Polstersesseln und Fernseher in jedem Abteil, elektronischen Geschwindigkeits- und Temperaturanzeigen, in vier Stunden zurück nach Taschkent.

Taschkent nach Chimgan
Ein Ausflug in die Berge

Wir fahren gen Osten. Je weiter wir uns von Taschkent entfernen – Baumwollfelder, wohin das Auge reicht. Usbekistan ist der fünftgrößte Baumwollproduzent der Erde. Hatten die Zaren nach der Verknappung der Baumwolle wegen des amerikanischen Bürgerkriegs bereits in Turkestan mit Baumwollanbau herumexperimentiert, so führten die Sowjetplaner es zur Perfektion. Ein gigantisches 150.000 Kilometer umfassendes Bewässerungsnetz wurde durch die neue Sowjet-Republik gezogen, und während 1924 der Jahresertrag bei 200 000 Tonnen lag, war er bis 1980 auf 9 Millionen Tonnen angestiegen, deckte 70 Prozent des Baumwollbedarfs der Sowjetunion. Bis heute darbt Usbekistan unter der erzwungenen Mono-Kultur, die das ökologische Gleichgewicht ins Wanken brachte. Neben anderen sowjetischen Umweltsünden ist die Gigantonomie dieses Bewässerungssystem einer der Gründe, warum der Aralsee im Nordwesten seit 1960 auf die Hälfte seiner Größe zusammengeschrumpft ist.

Wir sind auf dem Weg ins Chimgan-Massiv, den westlichen Ausläufer des Tian-Shan-Gebirges („die Berge des Himmels“), das sich im Nachbarstaat Kirgisien bis auf 8000 Meter erhebt, es in Usbekistan aber nur auf maximal 4500 Meer bringt. Wir sind nahezu alleine auf den bestens ausgebauten Straßen. Honigverkäufer bieten am Straßenrand dunklen „Herbst-“ und hellen „Frühlings“-Honig feil. Dralle Usbekinnen mit Wangen so rot wie ihre polierten Äpfel preisen auf Holzständen ihre Ernte an.

In einem der „Kurorte“ auf 2500 Metern Höhe laden Plastik-Tische und ein dampfender Schaschlik-Grill zum Imbiss ein. Hier, so erzählen uns unsere Gastgeber, merkt man, dass zur Zeit Ramadan ist, normalerweise sind hier am Wochenende Scharen von usbekischen Ausflüglern unterwegs. Jetzt hingegen sind wir alleine und haben, eingewabert vom Holzkohlenrauch, ungestörten Blick auf die Gipfel des Chimgan, auf die Trassen der (im Sommer stillstehenden) Sessel- und Schlepplifte. Hier und da sowjetische Plattenbauten, einst Kur- und Erholungsheime für verdiente Genossen, heute weitestgehend leer stehend. Dafür sind in den letzten Jahren neue Wintersport-Ressorts entstanden, die nicht nur vermögende Usbeken, sondern auch schon mal ausländische Besucher anlocken – für Trekking-Touren, Tiefschnee-Abfahrten und Heli-Skiing.

Weiter führt die Fahrt zum Chimgan-Stausee. Eingebettet in eine karge, verwaschen-sandfarbene Gebirgslandschaft, strahlt er in tiefem Azurblau wie ein Juwel aus einer anderen Welt. Am steinigen Ufer flattern Tausende von Gebetsbändern im Geäst der Wunschbäume, und der Wind pustet uns fast davon.

Taschkent
Parklandschaften & Metro Taschkent

Die Parks Taschkents – einer schöner und liebevoller angelegt als der andere. Im Japanischen Park sitzen die Usbeken beim Champanskoje unter kleinen hölzernen Baldachinen, die Enten schnattern und Brautpaare posieren für den Fotografen. Über uns schweben die Gondeln zum Vergnügungspark auf der anderen Seite. Die Achterbahn spiegelt sich in der Herbstsonne im See.

Die Metrostationen blinken und glitzern, eine jede sieht anders aus und keine steht der anderen an Pracht und Aufwändigkeit nach. An jeder Station stehen weiß-behandschuhte Schaffnerinnen mit Trillerpfeife und Schildern, die die Abfahrt signalisieren – was in krassem Gegensatz zu den elektronischen Fahrplantafeln steht. Ein paar Stationen hin und zurück genügen uns, dann geht es auf das UzExpo-Gelände. Tret- und Ruderboote schippern über den See, ein angedocktes Segelschiff und nette Cafes auf kleinen Inseln laden zur Rast ein, wenngleich durchweg mit lautstarker Musikbeschallung.

 

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 8 – Reisebericht

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Bildnachweise:
Titelbild:
Die Chorvoq Talsperre im Erholungsgebiet Chimgan ist die höchste Usbekistans

 Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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