Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

 

Wie komme ich nach Chiwa?

Eigentlich wollte ich fliegen, aber alle Hinflüge sind ausgebucht. In Anbetracht des nationalen Feiertags – Tag der Lehrer, ein Erbe aus sowjetischer Zeit – kann ich mein Zug-Ticket nicht am privilegierten Ausländerschalter, sondern muss es direkt am Bahnhof kaufen. Das bedeutet zunächst Schlangestehen. Als die Reihe an mir ist, werde ich mit einem rigorosen Kopfschütteln weggeschickt –ich müsse mich erst beim OWIR (Registrierungsbehörde für Ausländer) melden, da vorne gleich um die Ecke. Im Büro des OWIR studiert der uniformierte Beamte meinen Pass sehr aufmerksam, „So, so, nach Buchara möchten Sie also…“ dreht und wendet ihn – und greift schließlich zum Telefon: „Ja, geht in Ordnung, Sie können ihr eine Fahrkarte verkaufen!“. Ich komme mir vor wie in George Orwells Roman „1984“. Zurück am Schalter werde bereits lächelnd erwartet, aber auf meine Bitte nach einem Platz im First-Class Zweier-Coupé, ernte ich sofort wieder Kopfschütteln, diesmal entsetztes. Ein Zweier-Coupe, nein, auf keinen Fall! Aber warum denn nicht? Stellen Sie sich vor, Sie müssen sich das womöglich mit einem fremden Mann teilen und dann wären Sie mit ihm ganz alleine, nein, nein, das geht nicht! Sie nehmen mal besser ein Vierer-Coupe, da sind Sie gut aufgehoben und niemand wird Sie belästigen!“ Ich bedanke für soviel vorausschauende Umsicht.

Taschkent: Diese und jene Welten

Der Chorsu-Basar ist der älteste Bazar Taschkents. Käsekügelchen, der tradtionelle usbekische Snack zum Bier, in allen Variationen und Größen in der blauen Halle, penetranter Gestank in der überkuppelten Fischabteilung, Gemüse und Grünzeug ohne Ende. Melonenhügel, Kürbistürme, Baumwollberge. Dazwischen schachern traditionell gekleidete Usbekinnen um Textilien in Plastiktüten, dampfen Schaschlikgrills und Plowpfannen, brutzeln Dönergrills. Wir probieren hier, wir probieren da, kaufen dort ein paar Keramikschälchen und da ein paar Pfirsiche – und wanken zwei Stunden später völlig benommen von der Flut des Angebots von dannen.

Als Kontrastprogramm geht’s in eine topmoderne Shopping-Mall, gleich um die Ecke. Von Nutella über die Spreewälder Gurken bis hin zum Tschibo-Kaffee ist im Supermarkt alles zu haben. Im Obergeschoss reihen sich exquisite Galerien aneinander. Da eine Sushi-Bar, hier ein italienischer Coffee-Shop. Einladende weiche Ledersessel im klassisch-kühlen Marmorambiente, dezente Piano-Klänge. Ein aromatisiertes Wasserbecken mit Seerosen und Koi-Karpfen und einer von glitzerden Wasserschleier umrieselten lebensgroßen Prinzessin in Gold. Als wir hinaustreten, steht da ein Eselskarren mit kleinen Jungs, die den Müll der Oberschicht als kostbares Gut einsammeln…

Wo blauer Dunst verboten ist

Um acht Uhr abends besteige ich erneut den Nachtzug nach Buchara. Meine Abteilgenossen sind – wie sollte es auch anders sein – zwei Männer, ein älterer in Uniform und ein junger mit MP-3-Player im Ohr. Kaum rumpelt der Zug los, reißt der Schaffner die Tür auf: „Achten Sie auf Ihre Mobiltelefone, ihre Pässe und ihr Geld!“ Vertrauensvoll wende ich mich an den Uniformierten, der gerade seine Mütze in eine Plastiktüte verstaut und die tressenbestückte Jacke sorgfältig zusammenfaltet. „Mit Ihnen wird mir hier ja wohl nichts passieren?“, versuche ich zu scherzen. Er sieht mich irritiert an, zuckt die Schultern: „Nun, ich werde auf Sie aufpassen und Sie bitte auf mich!“ Aha!

Da meine Abteilgenossen mitnichten an einer Konversation interessiert scheinen, beschließe ich das „Restoran“ aufzusuchen. Ob man denn da auch sitzen könne frage ich den Schaffner, argwöhnend dass es dort womöglich Stehtische gibt. Aber natürlich, antwortet er beinahe empört, schließlich hieße es doch Restoran!! „Da könnten wir beide sogar als Paar sitzen!“, zwinkert er mir humorig zu! Dummerweise befindet sich das Restaurant im allerletzten Waggon, das bedeutet eine komplette Zugdurchquerung. Die Waggons schlingern derart über die Schienen, dass sich mir sehr schnell erschließt, warum in den Gängen eine Reling angebracht ist. Als ich ankomme, fühle ich mich seekrank. Aber, ja, es ist ein richtiges Restaurant mit Tischen und Stühlen – und ich bin die einzige Frau.

Ein kühles usbekisches „Starbust“-Bier schäumt in meinem Glas, am Nebentisch spielen zwei Milizionäre Backgammon, Zigarettenqualm steigt hoch, über ihnen prangt ein großes Nichtraucherschild. „Darf ich vielleicht auch…?“, frage ich den Kellner, er deutet auf das rauchumwaberte Schild: „Nilsya!“ (verboten). Im nächsten Moment er mit einem Aschenbecher an mir vorbei. Hinter mir zieht ein beleibter alter Herr genüsslich an einer Zigarette. Jetzt fühle ich mich diskriminiert! „Entschuldigen Sie, Sie haben mir doch gesagt, hier darf man nicht rauchen!“. „Darf man auch nicht“, die pampige Antwort. „Aber der da“, sage ich trotzig, „der raucht doch auch!“ „Der ist ja auch der Direktor!!“ Der Direktor winkt den Kellner zu sich, ein kurzer Wortwechsel auf Usbekisch – kommentarlos wird mir ein Aschenbecher vor die Nase gestellt, der Direktor nickt mir wohlwollend zu…

Vom Fahren und Fliegen

Um sieben Uhr morgens sticht mir auf dem Bahnsteig ein computerbedrucktes Schild ins Auge: „Welcome to Buchara, Cornelia!“ Dahinter versteckt sich mit breitem Grinsen Nazarlu, mein Fahrer. Er spricht fließend Russisch, wenngleich mit Akzent, was mir manchmal etwas Mühe macht. Sehr schnell hat er die wesentlichen Eckdaten abgeklärt – woher, wie alt, verheiratet, wie viele Kinder? Wir sind im gleichen Alter, das freut ihn besonders, das verbindet uns! Was das Verheiratetsein angeht, so habe ich mir in solchen Ländern inzwischen angewöhnt zu sagen, ich wäre es wenigstens schon einmal gewesen – alles andere zieht nur ausgesprochen befremdliche Blicke nach sich.

Nazarlu ist Wasserbau-Ingenieur, hat in Taschkent gearbeitet, an der Uni doziert. Seit drei Jahren fährt er Taxi, weil der geringe Lohn nicht mehr für den Lebensunterhalt der Familie reichte. Der japanische Wagen ist top in Schuss, jede Staubfluse wird sofort weggewienert. Sein Traum ist ein noch besseres, neues Auto, mit dem er Touristentouren durch das gesamte Land anbieten könnte. Dafür müsse er natürlich noch Englisch lernen… – schon hat er eine englische Lernfibel aus dem Handschuhfach gekramt und mir in die Hand gedrückt: Wir könnten die Zeit doch nutzen, und ich ihm Englisch beibringen… Und während wir Phrasen wie „Good morning, how are you? Where are you from?” herunterbeten, brettert er mit gut 180 Sachen über die kerzengerade asphaltierte Trasse durch die Wüste. Wenn sich die Tachonadel den 200 nähert, juchzt Nazarlu freudig: „Jetzt fliegen wir gleich!“ Ich kralle mich im Sicherheitsgurt fest. „Nicht nötig“, sagt er grinsend, „Sie müssen sich nicht anschnallen, Kontrollen gibt es nur in der Stadt!“ Mmh, ja schon, aber bei dieser Geschwindigkeit, wenn jetzt ein Schlagloch oder ein Kamel oder ein Schaf…. Nazarlu lacht schallend, dann ein nachsichtiger Blick: „Oh, ja, Sie sind Deutsche, die sind ja immer so….!“ Wie?

Nazarlu hat es sehr, sehr eilig. Die meiste Zeit „fliegen“ wir. Ob ich nicht Lust hätte, mir die alten Wüstenfestungen anzusehen? Eigentlich ja, aber würden wir das denn schaffen? Immerhin geht mein Flugzeug nach zurück Taschkent heute abend um 21 Uhr. Nazarlu drückt auf die Tube – die gut 200 Kilometer Umweg sollten drin sein. Na dann! Alle 50 Kilometer eine Straßensperre mit bewaffneten Kontrollposten. Man scheint ihn zu kennen, es wird geschäkert und gelacht, nach meinem Pass fragt niemand. An der letzten und größten, ist mir eine dreiminütige Pause vergönnt – die braucht Nazarlu, um mit dem uniformierten Posten hinter ein Wachhäuschen zu verschwinden und heimlich Geldpakete auszutauschen.

Knapp 500 Kilometer sind es von Buchara nach Chiwa. Buchara ist die letzte große Oase, alles was danach kommt ist rötlich-brauner Sand, bewachsen mit silbrig schimmerndem wadenhohen Gestrüpp. Genau jenes Kraut, das auf dem Samarkander Basar als Medizin angeboten wurde. Ab und an ein paar Kamele, hin und wieder ein kleines Dorf mit ein paar Fleckchen Grün. Ansonsten Ödnis, Ödnis, Ödnis. Mir fallen die Augen zu…

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 9 – Reisebericht

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Usbekistan in Zentralasien Teil 1 – Reisebericht

Bildnachweise:
Titelbild: Taschkent –
Frischgeschöpfte Smetana (Sauerrahm) auf dem Chorsu Bazar

 Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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