Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

In die Wüste geschickt…

Ein abrupter Halt reißt mich aus meinen Träumen. “Wir sind da!“, verkündet Nazarlu fröhlich. Ich sehe nichts als Wüste. „Die Ayazkul-Zitadelle! Steigen Sie aus!!“ Hoch oben auf dem Berg thronen die imposanten Festungsruinen. „Oh nein, ich muss da nicht hoch, ich sehe es ja von hier!“ Nazarlu wird ernst und bestimmt: „Sie gehen jetzt da hoch und sehen sich das an!! Und ich frage da vorne in dem Jurten-Camp, ob wir was zu essen bekommen!“. Widerrede zwecklos.

Bis ich mich versehe, stehe ich im Wüstensand, das Heck meines Taxis verschwindet in einer roten Staubwolke. Mit jedem Schritt versinke ich wie im Tiefschnee, weil der Sand so fein ist. Während mir heißer und heißer wird, mir der puderzuckerfeine Sand in die Augen fliegt und zwischen den Zähnen knirscht, der Weg nach oben zu den Ruinen länger und länger wird, verfluche ich Nazarlu und vor allem mich, dass ich mich mich wie ein dummes Kamel in die Wüste habe schicken lassen. Ich bleibe stehen und drehe mich um. Eine Fata Morgana? Nein, ein dunkelblauer See immensen Ausmaßes. Mir nimmt es die Luft – respektive das, was davon noch übrig ist. Oben angekommen stehe ich zwischen Jahrtausenden alten Ruinen, es ist so still, das ich das eigene Blut im Ohr rauschen höre. Um mich herum nichts als die rötlich-schimmernde Wüste, zu meinen Füßen ein Salzwassersee, der grellweiße Schaumkronen ans Ufer treibt, winzig klein in der Ferne das Jurtencamp.

Im Jurten-Camp erwartet mich ein betrübter Nazarlu: ja, wir könnten zwar hier essen, aber mit 8000 Sum (4 Euro) wäre ihm das zu teuer. Schon steht die Chefin parat und lädt ins „Ess-Zelt“ ein, eingedeckt für die ausländische Reisegruppe, die sie jeden Moment erwartet, aber gerne könne man zwei Essen für uns abzwacken. Individualisten können hier 25 Dollar pro Tag, all inclusive, übernachten. Mit dem Motorboot über den See schippern, schwimmen, auf dem Kamel die Wüste erkunden und abends beim Lagerfeuer usbekischer Folklore lauschen. Ich merke mir diese Vergnügungen für vielleicht ein andermal vor: Mit einer herzlichen Umarmung lässt man uns ziehen, und Nazarlu braust mit Dauerbleifuß Richtung Urgench.

Plötzlich wird Nazarlu ganz aufgeregt: Ich solle meinen Fotoapparat bereithalten, wir überqueren den Amu-Darya. Die Brücke war einst ein Ponton – nur ist der Wasserstand inzwischen so gesunken, dass sie in ihren Einzelteilen im ausgetrockneten Flussbett aufsitzt, was da heißt, dass die rostige Metallkonstruktion völlig verschroben ist, die jeweiligen Verbindungsteile bis zu einem halben Meter aus den Fugen geraten sind und die Überquerung zu einer Geschicklichkeitsfahrt macht. Ich kneife die Augen zu.

In Urgench steuert er das Restaurant eines Freundes an. Mit großem Hallo wird er begrüßt, keine fünf Minuten später stapeln sich Fleisch-Spieße auf dem Tisch, eine Riesenschüssel Tomaten und drei Brotberge. Ganz der Tradition entsprechend bricht er es auf und reicht mir ein Stück. Das Bier, nach dem mir weit mehr gelüsten würde, verkneife ich mir aus Respekt, das Essen – mit Hammelfettpropfen gespickte Hackspieße – würde ich am liebsten mit Wodka nachspülen, aber am frühen Nachmittag, mit einem offenbar frommen Moslem mir gegenüber? Ein Stück Melone und einen Kaffee würde ich noch nehmen… Die Hälfte einer mindestens Zehn-Kilo-Melone wird serviert – „für dich, ich esse keine Melone!“ –, meinen Kaffee muss ich hinunterstürzen, denn Nazarlu hat es plötzlich wieder sehr eilig.

30 Kilometer liegen noch vor uns, eine breit angelegte Straße gesäumt von Blumenbeeten, Obst- und Gemüsefeldern – und dann sind wir in Chiwa. Auf der Strecke hat Nazarlu schon alles klar gemacht, er wird in dort übernachten, am nächsten Morgen eine Fuhre Touristen zurück nach Buchara bringen. Insofern wird er auf mich warten und mich abends nach Urgench zum Flughafen bringen. Kaum bin ich aus dem Wagen gesprungen, macht er es sich bequem, versichert mir noch dreimal, dass er sich nicht vom Fleck rühren wird. Wir hätten immerhin Brot miteinander geteilt, usbekischer Brauch – das mache uns zu Freunden. Und jetzt duzen wir uns.

Chiwa – die Leuchttürme der Wüste

Ein Kamel döst in der Sonne für, von irgendwoher hallt das Echo rhythmischer Trommeln, klingender Schellen und Trompeten, vor mir breitet sich ein sandfarbenes orientalisches Mysterium aus. Minarette ragen wie überdimensionierte Nadelspitzen in einen tiefdunkelblauen Himmel hinein, schattige Feigenbäume mit kleinen Cafes laden zum Imbiss ein. Ein Schritt durch die imposanten alten Stadtmauern – und ich bin in einer anderen Welt, Hunderte von Jahren zurückversetzt. Daran ändern auch die Touristengruppen nichts, die vereinzelt über das Kopfsteinpflaster schlurfen und ebenso verzückt wie ich in nicht endend wollender Folge auf die Auslöser ihrer Kameras drücken. Buchara war beeindruckend, Samarkand erschlagend in seiner Pracht – Chiwa toppt beides. Es raubt mir den Atem.

Mehr als 2500 Jahre alt inmitten der roten Kyzylkum Wüste gelegen, ist Chiwa, die einstige reiche Hauptstadt des Khanats Choresmiens, heute das besterhaltene Beispiel einer typisch zentralasiatischen Feudalstadt in der islamischen Welt. Ein in sich geschlossener Jahrtausende alter Stadtkern aus Moscheen, Madrassahs und unzähligen Minaretten (seinerzeit die meisten Zentralasiens). Eine sandfarbene Märchenstadt, gespickt mit türkis-blauen Mosaiken. Die Minarette der Stadt wiesen den Karawanen den Weg durch die Wüste. Aus Chiwa kamen die besten und süßesten Weintrauben und die Chiwaer Melonen wurden schon im Mittelalter als Delikatessen bis nach Bagdad exportiert.

Steht man einmal auf den Stadtmauern und blickt über die „Leuchttürme des Wüste“ hinweg, von denen heute nur noch ein Bruchteil derer übrig ist, die es einst gewesen sind, dann wird die Seidenstraße lebendig, dann glaubt man das Schnaufen der Kamele zu hören, das Geschrei der Händler in den Basaren, das Klirren der Ketten der unglücklichen Sklavenzüge… Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Chiwa ein berüchtigtes Nest von Karawanenräubern und Banditen. Verrat und Mord bestimmten den Alltag, Hinterhältigkeit und Grausamkeit waren an der Tagesordnung. Vor allem die Russen schauderte es allein beim Gedanken an Chiwa. Die erste 1717 von Peter dem Großen dorthin entsandte friedfertige Expedition, die die sagenhaften choresmischen Goldvorräte erkunden sollte, ereilte ein grausames Schicksal. Prinz Bekovich und seinen 4000 Soldaten wurde an den Stadttoren ein herzlicher Empfang bereitet, gastfreundlich wurden sie auf verschiedene Unterkünfte verteilt – und dann bis auf den letzten Mann dahingeschlachtet. Der Prinz wurde bei lebendigem Leibe gehäutet und seine Haut auf eine Trommel gespannt…. Es bedurfte noch einiger weiterer, nicht minder glückloser Vorstöße des Zarenreiches und später der Roten Armee, um die Stadt zu endgültig zu Fall zu bringen.

1967 wurde Chiwa zur Museumsstadt erklärt. Da wo einst Köpfe rollten, Gliedmaßen abgehackt und Augen ausgestochen wurden, sitzen heute in friedvoller Idylle freundlich lächelnde Händler, bieten Seidenteppiche, zartbestickte Souzannas, Persianermäntel, türkis-blaue Repliken der Mosaikenvielfalt, Holzschnitzereien und Keramiken an. Und hat man die blutrünstige Geschichte der Stadt vor Augen hat, wundert es nicht, dass überall Handpuppen aus Pappmaché angeboten werden – von Ali Baba und den (Chiwaern) 40 Räubern.

Ich laufe mir die Füße platt, durchquere die Stadt bereits zum dritten Mal und jedes Mal entdecke ich wieder Anderes und Neues. In jedem der alten Gebäude versteckt sich heute ein Museum, ein Handwerkbetrieb oder ein Ausstellungsraum. Holzschnitzer hobeln wie vor Hunderten von Jahren aufwändige Muster und Ornamente ins Holz. In großen gusseisernen Bottichen über dem offenen Feuer werden wie eh und je die Seidenfäden gefärbt. Die Teppichknüpferinnen entblößen ihre Goldzähne, lachen und kichern an den Webstühlen in den engen fensterlosen Räumen. Im Innenhof sitzt eine weitere Schar, die die geknüpften Fäden auf die richtige Länge trimmt und sie säubert. Nach Indien und China ist Usbekistan der drittgrößte Hersteller von Seidenteppichen.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 10 – Reisebericht

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Bildnachweise:
Titelbild: Chiwa: In den Gassen – Geschichte zum Anfassen

 Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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